Süddeutsche Zeitung

Subkultur:Das "Provisorium" schließt - und das ist kein Grund zur Trauer

Lesezeit: 3 min

Die charmante Bar war als Zwischennutzung auf wenige Monate befristet - sie blieb sechs Jahre. Dabei ist es gerade das Begrenzte, was solche Projekte ausmacht. Und sie zur Legende werden lässt.

Von Laura Kaufmann

Das Wesen einer Zwischennutzung ist es, dass sie früher oder später wieder aus der Stadt verschwindet; meist so schnell, wie sie einst aufgetaucht ist. Oft überbrückt sie die Zeit, bis Umbaumaßnahmen begonnen oder leer stehende Gebäude abgerissen werden können. Die Ruby Bar zum Beispiel, die einen Flachbau an der Reichenbachbrücke bespielte, draußen Biergarten, drinnen Club, mit Zebra. Vergangen, aber nicht vergessen. An ihrer Stelle grüßen jetzt gesichtslose Luxussuiten.

Manchmal halten Zwischennutzungen länger durch als so manch gewöhnliches Lokal in der Stadt. Das Provisorium in der Lindwurmstraße zum Beispiel, das seine Vergänglichkeit schon im Namen trägt. Ursprünglich auf ein paar Monate befristet, konnte die charmante Bar mit ihren selbst angesetzten Wodkas, ihren Ausstellungen, Fail Nights und Geburtstagspartys ganze sechs Jahre bleiben. Manch einer bemängelt nun geradezu empört, dass der namensgebende Zustand tatsächlich wahr ist - das Provisorium schließt im Mai.

Dass es so kommt, sollte für Freunde der Bar aber kein Anlass zur Trauer sein. Das wäre kurzsichtig, so wie es kurzsichtig ist, sich zu wünschen, es möge jeden Tag Weihnachten sein. Zwischennutzungen schließen nun mal irgendwann. Und gerade das Temporäre, das Begrenzte ist es, was ihren besonderen Reiz ausmacht. Oft entstehen sie an besonderen Orten, Locations, die niemals langfristig an einen Gastronomen vermietet werden würden, schon gar nicht zu dem Preis. Nein, dass es mit einem solchen Projekt irgendwann vorbei ist, liegt nicht unbedingt an der bösen Gentrifizierung. Könnten Vermieter nicht darauf zählen, dass eine Zwischennutzung dann auch mal schließt wie angekündigt - niemand würde sich mehr darauf einlassen.

Es gibt Zwischennutzungen in allen Größen, von unterschiedlichster Dauer, für beinahe jeden Geschmack. Genau dann, wenn das Provisorium schließt, eröffnet für voraussichtlich zwei Jahre das größte Projekt in der ehemaligen königlichen Filialbank in der Kardinal-Faulhaber-Straße: "The Lovelace". Die Betreiber um Gastronom Michi Kern investieren etwa eine Million Euro und haben sogar Hotelzimmer eingeplant; wenn hier Geburtstage gefeiert werden, wird wohl eher der Champagner fließen als dass die Bierflaschen aneinander stoßen.

Im Sommer wird, so die Stadt es will, jemand Sand am Vater-Rhein-Brunnen aufschütten, im Viehhof wird ein urbaner Biergarten entstehen, im früheren Imax werden wilde Raves gefeiert werden und am Ostbahnhof werden Barthipster mit Longdrinks in der Hand zwischen Schiffscontainern und Gemüsekisten sitzen. Alles befristet, alles auf Zeit; die einen mit Aussicht auf annähernde Dauerhaftigkeit oder zumindest Wiederkehr, die anderen ohne.

Zwischennutzungen halten die Stadt lebendig, sie wachsen in Ecken und Hinterhöfen, die andernfalls tot und unbeachtet geblieben wären. Sie erblühen wie Pflanzen, treiben knallige Blüten, bevor sie ihre Blätter verlieren.

Und weil das so schnell geht, weil sie vergänglich sind, will sie ein jeder einmal gesehen haben, bevor es wieder vorbei ist. Begrenzt verfügbare Angebote sind die attraktivsten, das war schon so, als man sich mit dem Geschwisterkind um Spielzeit am einzigen Gameboy gezankt hat.

Im besten Fall wird aus einer Zwischennutzung eine Ära. "Puerto Giesing", mag einer raunen, und schon sehen sich alle wieder durch das alte Kaufhaus tanzen, ein wehmütiges Lächeln auf den Lippen. "Schmeckt nicht wie die Pizza im Watzart", mag einer beim Essen sagen und an einen warmen Sommerabend im vollgesprayten Werkstatthinterhof denken. Verliebte mögen die Maxvorstädter Lückenfülle im Herzen tragen, weil sie dort den ersten scheuen Kuss wagten, auf einer Bierbank, von der der Lack splitterte. All diesen vergangenen Orten wohnt eine Magie inne; die weißt-du-noch-Magie, die ich-war-dabei-Magie, die Menschen bindet wie ein gemeinsam geteiltes Geheimnis. Dadurch leben diese Orte weiter.

Natürlich geschieht diese Magie der Erinnerung auch anderswo, wie der Ersten Liga oder dem Netzer beispielsweise. Aber eben seltener. Weil die meisten nicht dann schließen, wenn es am schönsten ist, sondern dann, wenn es nicht mehr rentabel ist. Wenn es sich totgelaufen hat.

Zwischennutzungen sind eben der Klub 27 unter den Gastronomien. Wer jung stirbt, auf dem Höhepunkt seines Seins, ohne jemals alt zu werden, schlechter zu werden, zu verblassen - der wird zur Legende.

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