Süddeutsche Zeitung

Talentiade 2019:Die Akrobaten-Familie

Die vor 30 Jahren am Gymnasium Gilching gegründete Gruppe Bewegungskünste ist ein Phänomen in der Sportszene. Karin Ganslmeiers Schüler laufen ohne Druck zu Höchstleistungen auf und leiten Anfänger an.

Wenn Karin Ganslmeier freitagmittags vom Gymnasium hinüber zur Turnhalle geht, dann wird sie von der Französisch- und Sportlehrerin zur "Hasenmama". Den Spitznamen haben ihr die Kinder und Jugendlichen des Wahlfachs Bewegungskünste am Christoph-Probst-Gymnasium gegeben, das sie hier seit 1990 anbietet. Anfangs war es lediglich eine sogenannte Neigungsgruppe, zu der sich ein paar akrobatisch interessierte Mädchen zusammenschlossen. Inzwischen machen knapp 150 Schülerinnen und Schüler mit, alle zwei Jahre stellen sie ein anspruchsvolles, mehrstündiges Bühnenprogramm zusammen, das zuletzt knapp 2000 Zuschauer begeisterte. Da braucht es schon eine starke Persönlichkeit, die alles zusammenhält.

"Hasenmama" passt aber vor allem deshalb zu Karin Ganslmeier, weil sich die Bewegungskünstler - oder kurz BWKler - als große Familie verstehen. Sie wissen: Es geht nur gemeinsam. Aber auch: Jeder darf so sein, wie er ist. In der Sporthalle gibt es keinen Druck, das Einzige, was Karin Ganslmeier von den Teilnehmern erwartet, ist ein kreativer Geist und die Freude am Mitmachen. Niemand muss besondere sportliche Qualifikationen mitbringen, Akrobatik oder Jonglage kann man schließlich lernen. Unter Karin Ganslmeier lernen die Kleinen von den Großen. Wer also beispielsweise gut jonglieren oder turnen kann, vermittelt sein Wissen in Workshops weiter. Das fördert nicht nur die sportlichen Fähigkeiten, sondern auch die sozialen Kompetenzen der Schüler.

Direktor Peter Meyer spricht von "Teamarbeit, Zusammenstehen, Disziplin und Gemeinschaftssinn". "Das ist einfach ein wunderbares Miteinander", schwärmt er. "Wenn Schule das leisten kann, dann Hut ab." Das Wahlfach am Gilchinger Gymnasium ist für den Schulsportpreis der SZ-Talentiade nominiert. "Es gehört längst zum Markenzeichen unserer Schule", sagt Meyer.

Natürlich weiß der Direktor nur zu gut, dass das vor allem das Verdienst von Karin Ganslmeier ist. Die Germeringerin strahlt selbst in der hektischen Schlussphase vor den Aufführungen noch Ruhe aus. Sie lässt die Jugendlichen vieles selbst machen: Sponsoren müssen gewonnen und Programmhefte gestaltet werden, der Kartenverkauf ist zu organisieren, jemand muss die Technik ordern. Schüler von der neunten Klasse an können ins Kreativteam, wenn sie Leitungsaufgaben übernehmen wollen. In dieser Runde werden die anstehenden Themen besprochen und Aufgaben verteilt. Aktuell arbeitet die Gruppe bereits an der Vorstellung fürs nächste Jahr, der Titel steht schon: "Favola". Es wird ein besonderes Programm werden, denn die BWKler feiern damit ihr 30-jähriges Bestehen.

"Wir sind diesmal überraschend früh dran", freut sich Karin Ganslmeier. Sie freut sich, den Kindern beim Ausprobieren und Lernen zuzuschauen. Scheinbar nebenbei zeigen sie künstlerische und sportliche Höchstleistungen. So ist eine BWK-Gruppe auch in diesem Jahr wieder mit einer Nummer beim Nachwuchswettbewerb "Talents" des GOP-Theaters München vertreten - als eines von 14 Teams aus Bayern.

Viel wichtiger als Auszeichnungen und Preise ist Ganslmeier aber der Gemeinschaftssinn. "Der Körperkontakt tut den Kindern unheimlich gut", stellt die 61-Jährige immer wieder fest. Zudem wächst mit jedem Freitagnachmittag Vertrauen - untereinander und zu sich selbst. Einrad fahren, Jonglieren, Diabolo werfen, Akrobatik, Trampolin springen, auf Stelzen laufen, turnen - "wir haben bisher für alle etwas gefunden", so die Pädagogin, die früher selbst aktive Geräteturnerin war, bevor sie zur rhythmische Sportgymnastik gewechselt ist. Inzwischen kommen die Kinder vereinzelt auch schon von den benachbarten Schulen - was zum Konzept passt, dass die BWKler eine offene Zusammenarbeit mit vielen Institutionen im Landkreis pflegen. Sie geben ihr Wissen und Können etwa bei Workshops an Grundschulen im ganzen Landkreis weiter, arbeiten aktuell in einem P-Seminar an einem Tanzprojekt mit Asylbewerbern sowie an einer Aufführung mit Schülern des Sonderpädagogischen Förderzentrums in Germering. Direktor Peter Meyer sagt: "Der Preis wäre verdient."

Bewerbungen und Vorschläge im Internet unter www.sz.de/talentiade

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Quelle:
SZ vom 11.05.2019
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