Süddeutsche Zeitung

Geschichte:Als am Starnberger See noch eine Seilbahn fuhr

Auf der Rottmannshöhe in Berg werden heute Kinder und Jugendliche therapiert. Einst war sie ein beliebtes Ausflugsziel mit einer besonderen Attraktion.

Ehrwürdig thront sie in der Gemeinde Berg über dem See: die Rottmannshöhe. Ihren Namen hat sie von dem Münchner Maler Carl Rottmann (1797 bis 1850). Er liebt es, den Urlaub am Starnberger See bei seinem gastfreundlichen Freund Johann Ulrich Himbsel zu verbringen. Und ganz besonders liebt er eine bestimmte Anhöhe, von der aus er einen weiten Blick auf See und Berge hat. Der Ort inspiriert ihn, er verbringt hier viele Stunden und lässt schließlich eine Holzbank auf der Anhöhe aufstellen.

Ein Jahr nach seinem Tod im Jahr 1851 errichten Künstlerfreunde für ihn an dieser Stelle ein steinernes Monument mit einer Sitzbank vor einem Obelisken. "Rottmanns Ruh" heißt die Anhöhe schon bald im Volksmund, später bürgert sich der Name Rottmannshöhe ein. Die Anhöhe ist ein Anziehungspunkt - auch für den Hotelier Anton Kisser. 1875 baut er hier ein Hotel. Es ist ein dreigeschossiges, neobarockes Gebäude mit einem kleinen Aussichtsturm auf dem Flachdach. Von dort aus haben die Gäste eine fulminante Fernsicht.

Eine ganz besondere Attraktion ist die Standseilbahn, die die Gäste von der Dampferanlegestelle in Leoni direkt hinauf zum Hotel bringt. Im April 1901 startet die erste Fahrt. Neun Minuten braucht die Bahn, um die 85 Meter Höhenunterschied zu überwinden und die Hotelgäste die 856 Meter lange Strecke hinauf zu bringen. Allein in den ersten vier Jahren befördert die Standseilbahn mehr als 1000 Fahrgäste zur Rottmannshöhe. Der Betrieb boomt und entwickelt sich zu einem kulturellen Treffpunkt für Literaten und Maler.

Die Seilbahn wird übrigens mit Torf aus den Allmannshauser Filzen betrieben, weiß Joachim Wenzel aus Berg. Er hat sich eingehend mit der Historie der Rottmannshöhe befasst und das Berger Gemeindearchiv maßgeblich mit aufgebaut. Dem Archiv hat Wenzel auch seine historische Postkartensammlung über die Gemeinde Berg gestiftet. Von den 330 Ansichtskarten zeigt rund ein Drittel die Rottmannshöhe. "Dort fuhr die erste Standseilbahn Bayerns", erzählt er. Leider ist die Seilbahn nur gut ein Jahrzehnt in Betrieb, bis 1911. Sie wird dann wegen mangelnder Rentabilität eingestellt und 1920 demontiert. Beim Abbau soll den Arbeitern einer der Seilbahnwagen ausgekommen und in den See gekracht sein, hat Wenzel gehört. Die ehemalige Bahntrasse ist noch heute erhalten. Spaziergänger sehen den Verlauf des Seilbahnwegs an Schwellen, die dort noch zu finden sind. Von 1908 an wird das Gebäude nicht mehr als Hotel, sondern als Sanatorium genutzt. Am 3. März 1920 geht das Haus für 520 000 Reichsmark in den Besitz der Jesuiten über.

Leo Fuchsenberger, der aus Berg stammt und das Gymnasium Kempfenhausen besuchte, hat sich 2003 eingehend mit der Zeit befasst, in der die Jesuiten auf der Rottmannshöhe leben und wirken. Darüber hat er in seinem Abiturjahrgang eine Facharbeit verfasst. Heute ist Fuchsenberger 35 Jahre alt und Lehrer an einer Münchner Realschule. Der Orden, wie er schreibt, nutzt das Gebäude bis 1964 mehr als 40 Jahre lang als Exerzitienhaus - mit zehnjähriger Unterbrechung in der Nazizeit. Denn 1940 wird das Haus von der NSDAP beschlagnahmt. "Der Orden stand in den Augen der NS nach Juden, Kommunisten und Freimaurern auf dem vierten Platz der Hauptstaatsfeinde des neuen Regimes", so Fuchsenberger. Die Nazis überwachten die Predigten. Die Teilnehmer der Exerzitien mussten namentlich gemeldet werden. Im Juli 1940 verbieten die Machthaber das Abhalten von Exerzitien endgültig. Bis dahin haben rund 19 700 Menschen die Jesuiten auf der Rottmannshöhe aufgesucht, um entweder an Exerzitien teilzunehmen oder in der Abgeschiedenheit des Orts ein wenig Ruhe zu finden - unter ihnen war nach Fuchsenbergers Recherchen auch Pater Rupert Mayer.

In der Zeit der Besetzung beherbergt das Haus bis zu dreihundert Vertriebene aus Slowenien. Die verbliebenen Jesuiten müssen in ein Ökonomiegebäude ziehen. Zwei couragierten Jesuiten, die auf der Rottmannshöhe Zuflucht finden, gelingt es im April 1945 auch, insgesamt 32 KZ-Häftlinge aus dem Todesmarsch von Dachau zu befreien und sie auf die Rottmannshöhe zu bringen.

Die Rettung

Pater Otto Pies erreicht die Rottmannshöhe am 9. April 1945. Der Jesuit stammt aus der ostdeutschen Provinz und ist wenige Wochen zuvor nach vierjähriger Haft aus den Konzentrationslager Dachau entlassen worden. Einen Monat früher als er erreicht Frater Franz Kreis die Glaubensbrüder auf der Rottmannshöhe. Er flüchtete aus Breslau, wie Leonhard Fuchsenberger in "Die Jesuiten auf der Rottmannshöhe" schreibt. Als bekannt wird, dass die SS-Bewacher die Dachauer KZ-Häftlinge beim Todesmarsch auch durch Percha, Berg, Aufkirchen und Höhenrain getrieben haben, beschließen die beiden Männer, dem Zug auf Fahrrädern zu folgen.

In einem Waldstück kurz hinter Wolfratshausen entdecken sie die entkräfteten Gefangenen. Da Frater Kreis sich zuvor die Uniform eines Oberleutnants angezogen hat, schaffen sie es, Kontakt zu ihren Mitbrüdern aufzunehmen und ihnen heimlich Kleider zuzustecken. Wie Frater Kreis in den Besitz der Uniform gekommen war, bleibt unklar. Allerdings hatte der Frater laut Fuchsenberger wie alle Jesuiten an der Waffe gedient und war im Juli 1941 von den Nazis als "wehrunwürdig" entlassen worden.

Weil ihre Verkleidung im Wald nicht aufgeflogen ist, starten die beiden Geistlichen einen zweiten Anlauf, den Gefangenen zu helfen. Sie organisieren im Jesuitenkolleg in Pullach einen Lastwagen, der als Lazarett genutzt wird. In der Nacht zum 29. April machen sie sich mit ihm wieder auf den Weg. Diesmal haben sie laut Fuchsenberger Kleidung und Lebensmittel im Gepäck. Es gelingt ihnen, die Bewacher dazu zu überreden, die Lebensmittel an die Gefangenen zu verteilen. Die Bewacher genehmigen sogar, dass sie die Häftlinge, die nicht weiter können, mit zur Behandlung ins Lazarett zu nehmen. So gelingt es ihnen schließlich, zwölf Geistliche aus dem provisorischen Waldlager zu befreien und mit auf die Rottmannshöhe zu nehmen. Zwei Nächte später befreien Pies und Kreis noch einmal 20 Gefangene. bad

Nach dem Einmarsch der Amerikaner holen die Ordensbrüder noch viele weitere ehemalige Häftlinge aus den Lagern und bringen sie nach Berg. Um sie unterzubringen, wird der dritte Stock des Hauptgebäudes freigemacht. Am 1. Mai 1945 nehmen die Jesuiten die Rottmannshöhe wieder offiziell in Besitz. Das Gebäude dient ihnen dann noch zwei Jahrzehnte als Exerzitienhaus. Danach will der Orden das Anwesen verkaufen.

Doch bis zum Erwerb der Rottmannshöhe durch den Bezirk Oberbayern 1972, vergehen noch einmal acht Jahre, in denen die Jesuiten das Haus weiter pflegen. 1974 dient es kurzzeitig als Filmkulisse für den Streifen "Lina Braake" von Bernhard Sinkel. Der Bezirk will auf der Rottmannshöhe ein Sehbehindertenzentrum bauen. Der Plan scheitert letztlich sowohl an den Behörden als auch an den unerwartet heftigen Protesten einiger Nachbarn.

Anwohner sind es auch, die sich wenig später mit einem Brief an Bezirkstagspräsidenten Georg Klimm wenden und über die unhaltbaren Zustände auf der Rottmannshöhe klagen, denn das Gebäude diene inzwischen "zweifelhaften Elementen" als Herberge, so die Anlieger. Sie haben kein Verständnis dafür, dass der Bezirk, wie sie argumentieren, mit Steuergeldern einen Unterschlupf unterhalte, in dem sich all jene verkriechen könnten, die nicht gern gesehen werden wollen.

Am 9. Juli 1979 entdecken Spaziergänger durch einen Spalt in der vernagelten Türe zum Kellerraum des Hauses die Leiche einer Frau. Die Tote ist nackt und weist frische Schnittwunden am Hals auf. Ihr wurden beide Augen ausgestochen. Da Gesicht, Brust und Bauch der Leiche verschmutzt sind, geht die Polizei davon aus, dass die Täter ihr Opfer zu seinem Liegeplatz geschleift haben, schreibt die SZ am 10. Juli 1979. Bei der Toten handelt es sich um eine 35-jährige Sekretärin aus München. Es wird eine Belohnung von 3000 Mark ausgesetzt, aber der Fall wird nie aufgeklärt.

1985 eröffnet schließlich die Heckscher-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Rottmannshohe eine Abteilung für 46 junge Patienten im Alter zwischen 13 bis 17 Jahren. Zu den behandelten Krankheitsbildern zählen Depression, Psychosen im Jugendalter, Essstörungen wie Magersucht und Selbstverletzungen. Auch der Anteil von Kindern aus zerbrochenen Ehen hat in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zugenommen, haben Ärzte beobachtet. Im Hause gibt es einen geregelten Tagesablauf, in den Schulbesuche und Therapien integriert werden. "Die meisten Jugendlichen sind zwischen sechs und zwölf Wochen bei uns", sagt Rainer Huppert. Der leitende Oberarzt schätzt das naturnahe Ambiente auf der Rottmannshöhe. "Hier kann man sich wohlfühlen", findet er. Neben den sieben Ärzten, vier Psychologen und Sozialpädagogen, die auf der Rottmannshöhe beschäftigt sind, unterrichten hier acht Sonderpädagogen - drei davon in Teilzeit. Es werden Musik-, Kunst-, Sport- und Bewegungs-Therapie angeboten. Die Ergotherapie findet in der hauseigenen Gärtnerei statt. Die dort gezogenen Kräuter und Blumen sind rein biologisch und werden verkauft. "Der Garten hat eine unglaubliche Ausstrahlung", sagt Gabriele Fordermair. Seit vielen Jahren arbeitet die Ergo- und Kunsttherapeutin auf der Rottmannshöhe. Gern gärtnert sie gemeinsam mit den Jugendlichen im Gewächshaus. Ja, es ist friedlich hier oben - fast wie zu Rottmanns Zeiten.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4568408
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 20.08.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.