Süddeutsche Zeitung

Pähl:Bäckerei schließt 19 Filialen nach Corona-Ausbruch

In der neuen Produktionsstätte des Betriebs Kasprowicz sind beide Chefs und 14 Mitarbeiter positiv getestet worden. Derzeit wird untersucht, ob ein mutiertes Virus die Infektionen verursacht hat.

Von Astrid Becker

In der erst 2020 eröffneten Produktionsstätte der Bäckerei Kasprowicz in Pähl am Ammersee ist möglicherweise die britische Variante des Coronavirus ausgebrochen. Das zuständige Gesundheitsamt in Weilheim spricht von einem "hochgradigen Verdacht". Dem Unternehmen, das in der Region 19 Verkaufsfilialen unterhält, bescheinigt die Behörde einen "tadellosen" hygienischen Zustand. Dennoch sind bis jetzt 14 Mitarbeiter dort positiv getestet worden, zudem der 32-jährige Unternehmer Julian Kasprowicz und sein Vater, Seniorchef Fritz Kasprowicz. In Absprache mit dem Gesundheitsamt schloss Julian Kasprowicz sowohl die Produktionsstätte in Pähl als auch alle 19 Verkaufsfilialen am Ammersee, am Starnberger See sowie im Oberland. "Rein vorsorglich", wie er betont. Die Mitarbeiter dort seien alle negativ getestet worden, für die Kunden bestehe keine Gefahr, sagt er.

Julian Kasprowicz nennt den Ausbruch einen "brutalen Schlag". Er hatte den einstigen Stammsitz des Bio-Familienbetriebs auf Gut Kerschlach erst im vergangenen Jahr verlassen und war in die neue Produktionsstätte in Pähl umgezogen. 13,5 Millionen Euro hat die Familie dafür investiert, finanziert aus dem Firmenkapital und Krediten. "Das kam uns teurer als geplant", erzählt Kasprowicz. Aber man habe Wert auf moderne Produktionstechniken auf dem etwa 3500 Quadratmeter großen Grundstück gelegt - und auf hohe Sicherheits- und Hygienestandards: "Ich habe meine Mitarbeiter mit der Maskenpflicht regelrecht getriezt - selbst im Sommer, als das alles gelockert war", erzählt er. "Wir haben alles Erdenkliche getan, um Corona von uns fernzuhalten - nun hat es uns trotzdem erwischt."

Aufgrund der "hohen Dynamik" geht das Gesundheitsamt in Weilheim nun vom ersten bekannten Corona-Mutationsfall in der Region rund um den Ammersee aus, "auch wenn der letzte Beweis noch aussteht", wie der Pressesprecher des Weilheimer Landratsamts, Hans Rehbehn sagt. Alle Infektionsschutzmaßnahmen würden jetzt aber so streng ausgelegt, als ob die Mutation bereits nachgewiesen wäre. So könnten beispielsweise Kontaktpersonen ihre Quarantäne nicht abkürzen. Alle Erkrankten müssten zudem vor Wiederantritt in ihrer Arbeit nochmals durch das Gesundheitsamt negativ getestet sein.

Bis das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) Mutationen bestätigen oder ausschließen kann, vergingen bis zu 14 Tage - "aus verfahrenstechnischen Gründen", wie Rehbehn erklärt. Von Infektionen betroffen, so sagt auch er, seien aber nur Beschäftigte der Produktionsstätte in Pähl. Julian Kasprowicz zufolge hat sich das Virus dort recht aggressiv verbreitet. Angesteckt hätten sich auch Mitarbeiter in der Verwaltung, die nur wenig Kontakt mit den Beschäftigten in der Produktion gehabt hätten - und wenn dann nur mit Maske und Abstand. "Unser Hygienekonzept war ausgefeilt", sagt er, "daher hat uns das alles so überrascht." Auch das Gesundheitsamt bescheinigt der Produktionsstätte in Pähl einen "hygienisch tadellosen Zustand". Bei den Abnahmekontrollen im vergangenen Oktober habe es keinerlei lebensmitteltechnische Beanstandungen gegeben.

Begonnen hatte der Ausbruch in der Bäckerei vor etwa zehn Tagen. Damals war die Frau eines Mitarbeiters positiv getestet worden, der Mitarbeiter habe sich als Kontaktperson 1 sofort in Quarantäne begeben. In dieser Zeit habe der Mitarbeiter dann ein positives Testergebnis erhalten, sagt Kasprowicz. Zunächst sah es so aus, als ob sich sonst niemand angesteckt hätte: "Daher haben wir gehofft, dass sich das Thema damit für uns erledigt hat", so der Unternehmer. Doch als ein zweiter Mitarbeiter aus einer anderen Schicht in der vergangenen Woche positiv getestet wurde, schrillten bei Kasprowicz die Alarmglocken. Sofort wurden alle 40 Produktions-Mitarbeiter getestet, "14 davon waren positiv", sagt Julian Kasprowicz, der sich, wie sein Vater Fritz Kasprowicz, selbst infiziert hat - ebenso ihrer beider Familien. "Wir haben leichte Symptome", sagt er.

Er hofft jetzt auf milde Krankheitsverläufe bei seinen Mitarbeitern und darauf, am Faschingswochenende wieder den Betrieb aufnehmen zu können: "Aber das kommt auf die weiteren Tests an." Seine Mitarbeiter will er in jedem Fall weiterbezahlen, "auch wenn wir kämpfen müssen." Kasprowicz stellt mit seinen insgesamt etwa 200 Mitarbeitern täglich 37 Brotsorten ("2000 bis 3000 Laibe am Tag") und 20 Semmelarten her, dazu kommen noch Kuchen und Gebäck. Der Verlust dürfte entsprechend hoch sein.

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SZ vom 02.02.2021/van
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