Süddeutsche Zeitung

Konjunktur:Ingenieure dringend gesucht

Elektro- und Metallbetriebe im Landkreis tun sich immer schwerer, Fachkräfte zu finden. Dabei ist die Auftragslage sehr gut.

Gute Leute zu finden, wird immer schwieriger. Das kennt man auch in der Chefetage des Luftfahrt-Zulieferers Diehl Aviation in Gilching. Allein dort fehlen gerade ein gutes Dutzend Software-Ingenieure in der Entwicklungsabteilung, berichtet Geschäftsführer Dieter Faust. Und das wirkt sich ziemlich unmittelbar auf die Betriebsabläufe aus: Kollegen müssen vorübergehend mehr arbeiten, Neuentwicklungen dauern länger, auf lange Sicht könnten Kunden unzufrieden sein. Es ist nur ein Beispiel von vielen. In der gesamten Metall- und Elektroindustrie mache sich der Fachkräftemangel bemerkbar, berichtete Faust in seiner Funktion als Vorsitzender des Branchenverbands am Donnerstag bei der Vorstellung einer Umfrage zur konjunkturellen Lage in Weilheim.

"Der Fachkräftemangel verschärft sich immer mehr", heißt es in dem Bericht des Vorsitzenden des Bayerischen Unternehmerverbands Metall und Elektro. "Das nimmt dramatische Züge an", sagte er. Fast vier von zehn Betrieben im Freistaat berichten demnach, dass ihre Produktions- und Geschäftstätigkeit durch fehlende Arbeitskräfte "erheblich" beeinträchtigt sei. Und dieser Anteil sei im vergangenen halben Jahr wieder angestiegen. Der Personalmangel wirke sogar als "Wachstumsbremse". Dass es dadurch zu den Produktionsverzögerungen kommt, von denen der Geschäftsführer von Diehl Aviation berichtete, bestätigt die landesweite Statistik. Nach den vom Verband ermittelten Zahlen trifft das für jedes zweite Unternehmen in Bayern zu. Außerdem kann ein gutes Drittel der Unternehmen zu wenig Servicekapazitäten zur Verfügung stellen; 28 Prozent der Firmen müssten laut Umfrage sogar Aufträge ablehnen.

Wie groß die Personalprobleme in welchen Bereichen sind, hat der Verband in seiner Sommerumfrage bei 120 Betrieben im Oberland genau ermittelt. Demnach kann bei IT-Facharbeitern mehr als jede zweite freie Stelle überhaupt nicht mehr besetzt werden. Bei Elektro-Facharbeitern liegt der entsprechende Anteil bei 40 Prozent, bei Informatikern und Metall-Facharbeitern bei mehr als 30 Prozent. Gesucht sind vor allem Ingenieure; auf sie entfällt mehr als ein Viertel der offenen Stellen. Habe es früher vier bis fünf Monate gedauert, solche Stellen zu besetzen, seien es mittlerweile zwölf Monate und mehr, berichtete Firmenchef Faust

Insgesamt schildert der Verbandsvorsitzende die konjunkturelle Lage in der Elektro- und Metallindustrie mit mehr als 17 000 Beschäftigten im Oberland als "sehr gut". So erwartet er für dieses Jahr in den Landkreisen Starnberg, Bad Tölz-Wolfratshausen, Weilheim-Schongau und Landsberg einen Zuwachs um bis zu 800 Stellen. Auch Jürgen Müller, Geschäftsführer der Firma Paritec mit Standorten in Gräfelfing, Starnberg und Weilheim, äußerte sich beim Pressegespräch am Donnerstag "sehr zufrieden" über die wirtschaftliche Situation. Zumal sein Unternehmen gerade von zwei Großaufträgen profitiert. Pharmafirmen haben Zulassungen für Medikamente bekommen, und Paritec liefert nun die Inhalationsgeräte dafür. Weltweit seien etwa 600 Mitarbeiter bei dem Unternehmen beschäftigt, berichtete Müller, der auch dem bayerischen Arbeitgeberverband angehört.

Gute Geschäfte

Zum bayerischen Unternehmerverband im Oberland zählen etwa 120 Betriebe mit insgesamt mehr als 17 500 Beschäftigten. Jedes Jahr ermittelt dieser Verband per Umfrage bei seinen Mitgliedern ein Stimmungsbild. Demnach beurteilen 76 Prozent der Firmen das Inlandsgeschäft als gut. Die große Mehrheit von 84 Prozent rechnet mit einer gleichbleibenden Entwicklung, sieben Prozent blicken optimistisch in die Zukunft, neun Prozent sind eher pessimistisch. Die Umfrage in den Landkreisen Starnberg, Bad Tölz-Wolfratshausen, Landsberg, Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen hat auch ergeben, das 18 Prozent der Betriebe ihre Investitionen ausweiten wollen. rzl

So rosig die derzeitige Lage ist, die Verbandschefs schätzen die Zukunftsaussichten etwas skeptischer ein. Faust erwartet, "dass der konjunkturelle Zenit überschritten ist". Die Ertragslage sei zwar gut, Verluste würden in keinem Unternehmen befürchtet, mehr als jeder fünfte Betrieb muss den Umfrageergebnissen zufolge aber seine Produktion drosseln. Probleme bereiteten außer dem Fachkräftemangel auch Zölle und andere Handelsbeschränkungen sowie der Brexit.

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SZ vom 03.08.2018
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