Süddeutsche Zeitung

Die FDP und die Quote:Frauen auf dem Schirm

Die Partei verlegt ihr traditionelles Dreikönigstreffen ins Netz und diskutiert mit Feministin Inge Bell und Ex-Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger über Schutz vor Gewalt sowie Quotenregelungen in der Wirtschaft

Von Jessica Schober, Feldafing

Auf dem Bildschirm klappt die Gleichberechtigung schon: 43 Teilnehmende hatten sich online eingewählt, um am virtuellen Dreikönigstreffen der FDP Feldafing teilzunehmen. Und von denen, die die Kamera eingeschaltet hatten, waren immerhin die Hälfte Frauen, bemerkte ein Teilnehmer gleich zu Beginn im Chat, "Frauenquote also heute 50 Prozent, das ist doch gut". Damit war das Thema des Liberalenstammtisches auch schon gesetzt: Die weltweiten Rechte von Frauen sowie deren Sichtbarkeit in der Wirtschaft. Dazu hatte FDP-Kreisvorsitzende Britta Hundesrügge als Referentin Inge Bell eingeladen, die sie als ausgezeichnete "Frau Europas" vorstellte. Inge Bell, ehemalige ARD-Auslandskorrespondentin, hielt ein Plädoyer für mehr Frauenrechte. Sie forderte vehement einen Straftatbestand für Femizide, Nachbesserungen bei Gewaltschutzstrategien und ein Sexkaufverbot für Freier.

Zunächst gab die Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat, Stephanie Kaufmann-Jirsa, einen Überblick über aktuelle Feldafinger Themen. Mit der Absage für das Bundeswehrgelände, der nötigen Sanierung des Strandbades, des Feuerwehrhauses und des Turnhallendaches und dem dringenden Bedarf an bezahlbarem Wohnraum nannte sie die Konstanten der örtlichen Kommunalpolitik. "Ansonsten passieren hier die üblichen Dinge: Hier ein Fahrradparkplatz am Bahnhof, da eine Tempo-30-Zone und dort ein paar mehr Haltestellen für den Bus zwischen Feldafing und Tutzing", resümierte Kaufmann-Jirsa.

Als dann jedoch Inge Bell von den "üblichen Dingen" zu sprechen begann, mit denen sie sich in ihrer Arbeit als Zweite Vorsitzende von Terre des Femmes beschäftigt, kamen andere Themen zur Sprache: "Jede dritte bis vierte Frau in Deutschland - und damit auch hier in Feldafing - hat häusliche und sexualisierte Gewalt erlebt." Bell beschrieb die Verschlimmerung der Lage für Frauen durch die Corona-Pandemie, vor allem für junge Frauen aus Osteuropa auf dem Sexarbeitsmarkt. "Die Gewinner sind aktuell die Zuhälter und Bordellbetreiber, die im Lockdown staatliche Hilfen kassieren." Die Themen Kinderprostitution und Menschenhandel waren für die in Rumänien geborene Bell lange Schwerpunkte ihrer Berichterstattung als Journalistin. Mit der ehemaligen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger diskutierte sie daraufhin die Möglichkeiten des Gesetzgebers, sexualisierte Gewalt an Mädchen und Frauen zu stoppen. Leutheusser-Schnarrenberger forderte insbesondere Schwerpunkteinheiten bei der Polizei, die mit hohem IT-Sachverstand Kinderpornografie im Internet aufspüren sollten. "Entscheidend ist dabei ein nachhaltiger Strafverfolgungsdruck", sagte sie.

Auch die Situation von geflüchteten Frauen diskutierten die Referentinnen. Mit Blick auf den Landkreis Starnberg tauchte unter den Teilnehmenden die Frage auf, ob es für geflüchtete Frauen ausreichend Möglichkeiten gebe, an Integrationskursen teilzunehmen, wenn gleichzeitig keine Kinderbetreuung angeboten würde.

Zu dem aktuell vom Kabinett beschlossenen Gesetzesentwurf zu Führungspositionen für eine Mindestanzahl von Frauen in Vorständen beglückwünschten sich die Diskutantinnen gegenseitig. Leutheusser-Schnarrenberger sagte: "Vor 40 Jahren hätte ich das auch nicht gedacht, aber inzwischen bin ich für die Quote."

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SZ vom 08.01.2021
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