Süddeutsche Zeitung

Brauchtum in Weßling:Beten und Feiern an der Grünsinker Kapelle

Viele Legenden ranken sich um das Wallfahrtskirchlein, das am Sonntag wieder Schauplatz eines "Grünsinker Festes" sein wird.

Seit Jahrhunderten pilgern Gläubige zur Kirche Maria Hilf im Weiler Grünsink in Weßling, um die Gottesmutter um Beistand zu bitten. Zweimal im Jahr gibt es die "Grünsinker Feste", und dann wird nicht nur gebetet, sondern auch ganz weltlich gefeiert.

Der Legende nach hatte sich 1740 ein Jäger im Wald verirrt. In seiner Not rief er die Heilige Maria an, dass sie ihn zur "grünen Senke" leiten solle. Sein Gebet wurde erhört. Aus Dankbarkeit stellte der Jäger ein Gnadenbild, das Maria mit dem Jesuskind zeigt und nach einem Motiv von Lucas Cranach gemalt wurde, in einen hohlen Birnbaum. Immer mehr Menschen kamen, um das Bild zu verehren. 1763 wurde eine Kapelle errichtet, und Grünsink wurde von Wallfahrern entdeckt. Früher soll es bis zu 500 Votivbilder in der Kirche gegeben haben. Heute sind noch 70 vorhanden, auf denen Maria für den guten Ausgang bei Viehseuchen, bei Krankheiten oder Feuersbrunsten gedankt wird. Das älteste Bild stammt aus dem Jahr 1764 und zeigt den brennenden Weßlinger Pfarrhof. Im Vordergrund kniet der zu Maria betende Pfarrer Joseph Anton Steiner.

Seit etwa 200 Jahren finden an dem Kirchlein die "Grünsinker Feste" statt. Das erste ist das Ablassfest am letzten Juli-Sonntag. Es hat seinen Ursprung im 18. Jahrhundert. Gläubige Sünder können dort durch ihre Teilnahme am Gottesdienst ihre Zeit im Fegefeuer durch einen Ablass verkürzen, so hatten es frühere Päpste bestimmt.

Das zweite Fest wird immer am Sonntag nach Mariä Himmelfahrt begangen, also heuer am 18. August. Dann wird das Patrozinium beziehungsweise die Überführung des Marienbildes in die Kirche gefeiert. Der Sonntag beginnt um 9 Uhr mit einem Rosenkranz in der Kirche von Grünsink. Anschließend wird von 9.30 Uhr an der Festgottesdienst zelebriert. Musikalisch umrahmen ihn die Männerchöre aus Weßling und Oberpfaffenhofen.

Sicherlich werden sie auch das vom ehemaligen Pfarrer Franz Xaver Wenger 1894 komponierte "Glöcklein von Grünsink" anstimmen. Dabei hängt die besungene Glocke aus dem Jahr 1774 längst als Totenglocke auf dem Allinger Leichenhaus. Während des Zweiten Weltkriegs mussten alle Kirchenglocken abgegeben werden. Als die Grünsinker Glocke wider Erwarten nach Kriegsende heimkehrte, hatten die Weßlinger bereits Ersatz beschafft und verkauften sie für 100 Mark nach Alling.

Nach dem Gottesdienst am Sonntag findet auf der Waldlichtung und dem teilweise überdachten Festplatz eine "Dult" statt, zu der die Unterbrunner Blasmusik spielt. "Der Ursprung unseres Jahrmarkttrubels nach dem feierlichen Hochamt könnte sich bereits in der Zeit zwischen 1773 und 1803 entwickelt haben", vermutet Ortshistoriker Erich Rüba in seinem mit Dokumenten, Bildern und Zeitzeugenberichten versehenen Buch "Erst die Mess' und dann die Maß - 250 Jahre Wallfahrtskirche Grünsink bei Weßling 1763-2013".

Früher war die Kanzel im Freien an eine mächtige Buche angeschraubt, und es bildeten sich lange Schlangen vor dem mobilen Beichtstuhl. Schon damals ließen es Gläubige allerdings an der nötigen Besinnlichkeit fehlen; sie verließen den Gottesdienst verfrüht, verlockt vom Jahrmarkt und dem frischen Bier. "Um manches Faß standen sie mit den deckellosen Steinkrügen dichter und geduldiger als am Morgen vor den Beichtstühlen", notierte Joachim Königbauer in seinen Erinnerungen Mitte des 19. Jahrhunderts. 1909 wurde im "Bayerischen Kurier & Münchner Fremdenblatt" moniert: "Seit Weßling Bahnverbindung bekommen hat, beteiligt sich auch viel Stadtvolk an diesen Grünsinker Festen, so dass der ausschließlich ländliche Charakter, den sie früher hatten, verschwunden ist. Topfhüte und Spitzenmantillen und all die Auswüchse städtischer Überkultur aber passen nicht allzugut in solche grüne Idyllen." Und ein Zeitgenosse beschwerte sich 1950: "Nicht nur während der Predigt, sondern sogar während der Heiligen Wandlung knallten die Feuerwerkskörper und spielten die Ziehharmonikas, so dass der Gottesdienst, welcher im Freien stattfand, ganz erheblich gestört wurde." Vielleicht war da auch der Weßlinger Rudi Burger dabei? Er erinnerte sich in Rübas Chronik, wie er als Kind auf dem Markt Schweizer Kracher gekauft hatte, "die die Kinder in Maßkrüge warfen oder in Kuhfladen steckten, um damit kleine Krater herauszusprengen".

Nachdem die Weßlinger Ortsumgehung eröffnet wurde, wurde die Grünsinker Straße verkehrsberuhigt. Über sie war der Verkehr von der Abfahrt der A 96 direkt in den Ort gekommen. Die Straße ist jetzt eine Sackgasse und wurde ab Höhe Kapelle zum Radweg verschmälert.

Sorgen bereitet die Statik der Kirche. Ein nachträglich eingezogenes Gewölbe hat eine Instabilität bewirkt. Der Chorbogen wurde notdürftig gesichert. Im kommenden Jahr sollen die Sanierungsarbeiten beginnen, für die beim Grünsinker Fest gesammelt wird.

Das Fest endet um 16 Uhr. Dann ist es noch hell genug, und die Festgäste laufen nicht Gefahr, beim Heimweg dem "Grünsinker Pudel", einem schwarzen Unwesen ohne Kopf zu begegnen. In der Nähe der Kapelle soll es nämlich spuken.

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SZ vom 16.08.2019
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