Süddeutsche Zeitung

Sport:Warum American Football in München so angesagt ist

Die Munich Cowboys begrüßen derzeit jede Woche fünf neue Spieler im Training. Beim ersten harten Tackling zeigt sich dann, ob es den Neuen ernst ist.

Von Christoph Leischwitz

Die Munich Cowboys scheinen eine große Zukunft vor sich zu haben. Gerade hat sich bei dem Football-Bundesligisten der Landeshauptstadt ein neuer, großer Trainerstab gebildet, vorwiegend aus ehemaligen Spielern, die dem 1979 gegründeten "grand old team of the south" zu alter Größe verhelfen wollen.

Da trifft es sich gut, dass der Verein auch noch einen enormen Zulauf an neuen Spielern hat, er verzeichnet wöchentlich mehrere Vereinsbeitritte. Vor einem Jahr hatten die Cowboys rund 400 Mitglieder, im kommenden April, kurz vor dem Saisonstart in Deutschland, rechnet man mit 500. Derzeit sind 35 Prozent der Mitglieder jünger als 18 Jahre.

Football kennt keine Außenseiter

Die Munich Cowboys und auch die München Rangers haben zu einem gewissen Teil selbst dafür gesorgt, dass sie so viel Nachwuchs haben. Sie halten Informationsstunden an Schulen ab und bringen dazu ihre besten Spieler mit, meist die so genannten "Imports", die US-Amerikaner im Team, die oft die Schlüsselpositionen besetzen.

Football ist cool, und Football kennt keine Außenseiter: Der schnelle, flinke Spieler taugt dazu, weite Pässe zu fangen, der stämmige, schwere Spieler dazu, den Quarterback vor herannahenden Gegnern zu schützen. Die Cowboys waren sich in den vergangenen Jahren auch nicht zu schade, einige ihrer besten Trainer für die Jugend abzustellen, Coaches wie Florian Berrenberg oder aktuell Sharam Fardin sind Koryphäen auf ihrem Gebiet.

Doch all das erklärt noch nicht, warum die Cowboys zurzeit jede Woche fünf neue Spieler im Training begrüßen können. Woher kommt das plötzlich so gestiegene Interesse?

Die Antwort liegt in einem Fernsehstudio in Unterföhring. Dort ist in den vergangenen Monaten oft auch der 26-jährige Münchner Florian Schmidt-Sommerfeld gesessen, bis in die Nacht hinein. Nachdem er selbst zum Hardcore-Fan wurde, hat er als Kommentator für ProSieben Maxx dazu beigetragen, den neuen Football-Boom mit auszulösen. Der Spartensender überträgt seit dieser Saison die meisten NFL-Spiele live. Die Einschaltquoten übertreffen alle Erwartungen. 2013 sahen sich in Deutschland 850 000 Zuschauer den Super Bowl im Fernsehen an, inzwischen sehen sich bis zu 640 000 Zuschauer ein gewöhnliches Ligaspiel an.

Nach dem ersten harten Kontakt steigen viele wieder aus

Vor allem junge Erwachsene fühlen sich angesprochen. "Momentan ist es brutal", sagt Sebastian Stock, Teammanager der zweiten Cowboys-Mannschaft. Man habe ja schon immer in den Wochen der NFL-Playoffs und vor dem Super Bowl die meisten Anfragen gehabt.

Doch so einen Zuwachs wie in den vergangenen Monaten habe es noch nie gegeben. Zwar steigen viele Neulinge auch recht schnell wieder aus - "und zwar dann, wenn sie in ihrem ersten Spiel den ersten richtig harten Kontakt erleben", so Stock. Aber bei denen, die dabei bleiben, scheint die Begeisterung nur zu wachsen.

Dafür spricht auch die Trainingsbeteiligung. Im Winter trainieren die Footballer in der Halle, und aufgrund der bekannten Engpässe trainieren die Cowboys zweimal in der Woche von 21.30 bis 23 Uhr. Doch selbst diese Zeit schreckt offenbar niemanden ab, es sind fast immer alle da.

Neben den Ehrenamtlichen in den Vereinen, die momentan so viel zu tun haben, gibt es auch andere, die an dem gestiegenen Interesse verdienen. Peter Gruber ist Betreiber des Sportladens "Future Sports" in der Westendstraße, er hat sich schon vor Jahren auf den Verkauf von Football- und Baseball-Ausrüstungen spezialisiert. Jetzt steigt der Absatz stark an. "Wir profitieren alle von ProSieben Maxx" sagt er. Und erklärt, dass sich auch in Sachen Merchandising viel tue. Es würden mittlerweile deutlich mehr NFL-Trikots und Kappen verkauft als früher.

Nicht alles, was die deutschen Kommentatoren erzählen, stimmt

Und die Sportart begeistert längst nicht nur Jungs. "Wir hatten heuer im Probetraining 40 Teilnehmerinnen, so viele wie noch nie", berichtet Sarah Zimmermann. Sie ist Abteilungsleiterin des Frauenteams beim anderen Münchner Football-Verein, den Rangers. Und sie bestätigt, dass Anfängerinnen nun mit höherem Spielverständnis einsteigen: "Wir fragen im ersten Training immer: Wer von euch hat schon mal ein Footballspiel gesehen? Früher haben dann zwei den Arm gehoben, heute bleiben eher zwei Arme unten."

Football werde immer öfter abends mit Freunden in der Kneipe geguckt. Den Anfängern kann man dabei auch mit Bierdeckeln sehr gut einen Spielzug oder ein Blockschema erklären. Es ist auch kein Zufall, dass ausgerechnet heuer das erste Bundesliga-Frauenderby der Rangers gegen die Cowboys stattfinden wird: Das Team der Lokalkonkurrenten verzeichnet ebenfalls starken Zulauf.

Den deutschen Football-Puritanern, für die Super-Bowl-Partys eine jahrzehntelange Tradition sind, kommen die Übertragungen inzwischen allerdings oft zu unamerikanisch und zu wenig fundiert daher. Gruber von "Future Sports" etwa findet bei aller Dankbarkeit für die Free-TV-Übertragungen, dass die Kommentatoren meist nur "Geschreie" ablieferten. "Die Original-Kommentatoren sind unseren natürlich auch fachlich überlegen", sagt Cowboys-Präsident Werner L. Maier.

Nicht alles, was die deutschen Experten über das komplizierte Regelwerk sagten, sei immer richtig. Und dass sich Fans nun selbst in den sozialen Netzwerken dafür feiern, wenn sie bis fünf Uhr morgens durchhalten, findet Maier auch eher befremdlich. Doch als Vertreter einer Randsportart sagt er: "Alles, was sich bei uns tut, ist besser als nichts."

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SZ vom 05.02.2016/imei
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