Süddeutsche Zeitung

Polling:Grüße aus Tbilisi

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In der Säulenhalle Stoa 169 in Polling ist eine weiteres Werk einer Kunstakademie installiert worden. Studierende aus Georgien haben die Stele gestaltet .

Von Sabine Reithmaier, Polling

Die Säule ist nicht so perfekt wie die Nachbar-Stelen. Sie glänzt und prunkt nicht, hat nichts Bombastisches. Doch sie erzählt die Geschichte eines Landes, das gelernt hat, mit Mangel und Provisorien zurechtzukommen. Aneinander geschraubte Blechteile, dazwischen Tapetenreste, Kunststoffstücke oder Stofffetzen, verziert mit stilisierten Rosen. Der Neuzugang in der Pollinger Säulenhalle "Stoa 169" kommt aus Georgien und belegt einen der Plätze in der Mitteldiagonale, die Stoa-Initiator Bernd Zimmer für Internationale Kunstakademien vorgesehen hat.

Die erste Säule in dieser Reihe stammt aus der Münchner Akademie, die zweite aus Wien. Gabriela von Habsburg, Bildhauerin und seit 2001 Professorin an der Kunstakademie in Tbilisi, hatte Zimmer vorgeschlagen, einen der Plätze doch ihren Studenten überlassen. Als Zimmer zum Semesterende im Juli in die georgische Hauptstadt reiste, um sich die Arbeiten anzusehen, präsentierten ihm die Studierenden 16 Vorschläge, die die Stelen-Thematik von allen Seiten und unter vielen Aspekten beleuchteten. "Jeder hatte eine eigene Säule entworfen", berichtet Zimmer. Überrascht von der hohen Qualität, sei es für ihn schwierig gewesen, eine Auswahl zu treffen.

Rosen erinnern an die Revolution von 2003

Säulen hätten in der georgischen Geschichte eine große Bedeutung, sagt Habsburg, die ihre Studenten nach Polling begleitet hat. Schon in früher Zeit habe die "Muttersäule" die Menschen geschützt, die in Höhlen Zuflucht suchten. "Für unsere Studierenden ist es natürlich großartig, ein bleibendes Kunstwerk verwirklichen zu können", sagt sie. "Die Gelegenheit haben wir nicht oft." Natürlich wussten die Studenten von Anfang an, dass nur eine Gruppenarbeit in Polling realisiert werden konnte. Tina Janiashvili, Mariam Mestvirihvili, Teimuraz Eristavi und Vato Bakradze bildeten schließlich das Team, das nach Polling reiste, um dort die gemeinsame Säule zu gestalten. An diesem Augustnachmittag sind sie gerade dabei, der Säule ihren letzten Schliff zu verpassen. Die Materialien dafür haben sie zum Teil auf der Straße oder auf Baustellen gefunden, zum Teil auf Straßenmärkten gekauft, erzählt Teimuraz. Die stilisierten Rosen fände man überall in Georgien, sagt Tina, das dekorative Motiv gehöre in seiner Kitschigkeit unbedingt dazu, ergänzt Mariam. Dass es auch an die Rosen-Revolution von 2003 erinnert, erwähnen die jungen Leute nicht. Die Freude, dass ihre Arbeit neben denen von sehr berühmten Kollegen steht, ist groß. "Es ist das erste Mal, dass wir so etwas machen", sagt Vato und schwärmt von der tollen Chance, eine Idee gemeinsam umsetzen zu können.

Ganz in der Nähe der georgischen Säule hat Thorsten Fuhrmann, ein Künstler aus Huglfing, eine temporäre Installation aufgebaut: eine Aluminiumleiter, die, in ein Kiesfeld gestellt, durch eine Lichtöffnung über das Dach hinausragt. "Ich wollte die Verbindung von unten nach oben visualisieren", sagt Fuhrmann, der sich der Kunstrichtung Fluxus zugehörig fühlt. Nicht das Kunstwerk steht im Mittelpunkt, sondern Ziel ist eine Sensibilisierung des Publikums und eine neue Wirklichkeitserfahrung, in diesem Fall ein gedanklicher oder emotionaler Aufstieg ins Freie, in den Himmel.

Säulenhalle Stoa 169, ganztägig geöffnet. Spende statt Eintritt, Polling. Infos unter www.stoa169.com

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