Süddeutsche Zeitung

Reportage:Freundliche Übernahme

22 Pflege-Auszubildende leiten und organisieren eine Woche lang die Neurologie-Station im Klinikum Bogenhausen. Die Lehrlinge schauen mit einem frischen Blick auf eingefahrene Strukturen

Erst einmal die Hände desinfizieren, um das Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten. Miriam Wilzinger reibt sich die Finger, 30 Sekunden muss die Flüssigkeit einwirken, damit sie einen Schutzfilm entfalten kann. Dann macht sich die Auszubildende an die Vorbereitung der Infusion. Sie desinfiziert die Arbeitsfläche, stellt Fläschchen und Lösungen bereit. "Wie viele Kanülen brauchst du?", fragt Chiara Jarosch. "Vier", antwortet Wilzinger, und Jarosch nickt anerkennend. Wilzinger zieht Gummihandschuhe an, nun geht es darum, die Spritze aufzuziehen - gar nicht so einfach. "Du kannst die Kanüle richtig biegen", rät Jarosch. Mit dem Tipp klappt es dann auch.

Es ist eine besondere Woche auf der Neurologie-Station im Klinikum Bogenhausen. Eine Woche lang, rund um die Uhr, übernehmen 22 Pflege-Auszubildende und duale Bachelorstudenten die Leitung und Organisation der Station. Miriam Wilzinger, 19, und Chiara Jarosch, 24, sind zwei davon. Die Ältere, die im dritten Jahr lernt und somit kurz vor dem Abschluss steht, leitet dabei die Jüngere an, sie hat gerade ein knappes Jahr Ausbildung hinter sich. "Die Azubis im ersten Jahr profitieren enorm von jenen im dritten Jahr", sagt Praxisanleiter David Vierson. Die Erfahreneren gäben nicht nur ihr Wissen an die Jüngeren weiter, sondern strahlten auch Ruhe aus. Das merkt man daran, wie unaufgeregt Chiara Jarosch ihre jüngere Kollegin anleitet.

Klinikleiterin Astrid Göttlicher

"Die Patienten merken schon, dass sich die Auszubildenden mehr Zeit für sie nehmen können."

In der Ausbildung hat Wilzinger bisher viele Grundlagen gelernt, Körperpflege und Vitalfunktionen, Blutdruck und Puls messen. Aber auch Theorie war dabei: Wie ist ein Krankenhausbetrieb aufgebaut? Welche rechtliche Dinge sind zu beachten, zum Beispiel wenn man einen Patienten fixiert? Jetzt also eine Woche lang Praxis, und zwar gleich so richtig. Die Auszubildenden haben gemeinsam den Dienstplan für die Woche geschrieben, samt Stations- und Schichtleitung. Und wenn einer verschläft, wie an diesem Tag, müssen seine Kollegen das auffangen. Wie im echten Krankenhausalltag eben. Natürlich gibt es jederzeit eine zusätzlich Absicherung durch erfahrene Pflegekollegen.

Im Schichtplan stehen nun deutlich mehr Namen als in einer normalen Woche. Gut für die zehn Patienten auf der Ausbildungsstation, sind sie doch bestens betreut. "Die Patienten merken schon, dass die Auszubildenden sich mehr Zeit für sie nehmen können", sagt die pflegerische Klinikleiterin Astrid Göttlicher. Sie erhofft sich von dem Projekt auch Anregungen von den Auszubildenden, einen frischen Blick auf eingefahrene Strukturen.

In anderen Unternehmen gibt es solche Konzepte schon lange, im Gesundheitsbereich sind sie eher neu. "Ich bin selber Krankenschwester", sagt Göttlicher, "nach dem Examen war ich damals von einem auf den anderen Tag plötzlich verantwortlich." Dass sie in der Ausbildung nie selbständig arbeiten konnte, habe das nicht einfacher gemacht. Für das Pilotprojekt habe man nun die Neurologie ausgesucht, eine der kleinsten Stationen im Haus, "weil es dort viele Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen gibt und man pflegerisch viel machen kann". Nächstes Jahr soll das Programm ausgeweitet werden, mit mehr Auszubildenden und weiteren Stationen wie der Chirurgie. Langfristig soll das Projekt Azubi-Station an den städtischen Krankenhäusern ein fester Bestandteil der Ausbildung werden für diesen Beruf, der gerade so sehr in der öffentlichen Diskussion wie im Wandel ist, Stichwort Fachkräftemangel.

Mit der Infusion gehen Miriam Wilzinger und Chiara Jarosch nun zu dem Patienten, einem Mann Ende 60 mit Korsakow-Syndrom, einer durch Alkoholmissbrauch hervorgerufenen Demenz. Wilzinger berührt in sanft an der Schulter und erklärt, was auf ihn zukommt: "Sie kriegen jetzt eine Infusion von uns." Die nächste Patientin ist für eine Nachuntersuchung im Krankenhaus, vor einiger Zeit hatte sie eine Durchblutungsstörung im Kopf. Miriam Wilzinger bittet sie, das Kopfteil ihres Bettes hochzufahren, und dann ist Atemtraining angesagt, um einer Lungenentzündung vorzubeugen. Es geht darum, gleichmäßig zu atmen, so dass der Kolben im Gerät in einem bestimmten Bereich bleibt. "Sie machen das schon ganz gut", ermuntert Miriam Wilzinger die Frau, "30 Jahre Yoga", entgegnet die und lacht.

Warum sich die 19-Jährige für den Pflegeberuf entschieden hat? Dass es der medizinische Bereich sein soll, habe sie schon in der achten Klasse gewusst, sagt Wilzinger. "Ich mag es zu helfen, wenn sich jemand selbst nicht mehr gut versorgen kann." Sie hatte befürchtet, dass es auf der Azubi-Station viel Leerlauf geben könnte, "aber dann habe ich gemerkt, auf wie viele Dinge man achten muss". Entlassungen, Transporte, Medikamente vorbereiten, es gibt immer viel zu tun. Auch wenn es ernst wird, sich etwa der Zustand eines Patienten verschlechtert - meist sind die Pfleger die ersten, die bei den Menschen sind. Und müssen dann schnell handeln.

Es ist also ein Job mit viel Verantwortung, und natürlich ist Geld regelmäßig ein Thema bei den Auszubildenden. "Man sollte die Pfleger besser bezahlen", sagt Wilzinger, "dann kämen auch mehr nach." Praxisanleiter David Vierson hingegen findet, dass man "eigentlich ganz gut leben kann" von einem Gehalt als Pfleger. Wobei, schränkt er ein: "In einem Ballungsraum wie München schon weniger." Bezahlbarer Wohnraum, das ewige Thema. Miriam Wilzinger hat Glück, sie bewohnt ein Zimmer im Azubi-Wohnheim, 240 Euro kostet die Miete im Monat. Aber wie soll sie bloß nach der Ausbildung in dieser Stadt eine Wohnung finden?

In ihrem Büro hält Klinikleiterin Astrid Göttlicher ein Din-A-4-Blatt mit einem Grundriss hoch. Gerade hat sie ein Angebot eines privaten Vermieters bekommen, das kommt ab und zu vor. Zwei Zimmer, möbliert, Cosimastraße, ganz in der Nähe. Klingt nach einem Glücksfall, wie viel will er denn dafür haben? 1700 Euro, sagt Göttlicher. Bitte was? Sie wird das Angebot trotzdem in die nächsten Besprechungen tragen. "So ist das hier eben."

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Quelle:
SZ vom 25.08.2018
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