Süddeutsche Zeitung

Reaktionen zum Tod Bernd Eichingers:"Eine Art höheres Wesen"

Die Münchner Filmszene hatte sich bei der Diva-Verleihung gesammelt, um sich selbst zu feiern. Doch die Nachricht von Eichingers Tod ließ die Stimmung erstarren. Das Fest ging trotzdem weiter - im Sinne des Verstorbenen.

Philipp Crone

Sekundenlang ist es im prall gefüllten Ballsaal des Bayerischen Hofes still, nur die Lüftung des Raumes ist ganz leise zu hören. Ulrich Scheele, der Gastgeber des Abends, hat die Gäste gebeten, aufzustehen, für eine Gedenkminute. Kurz davor ging er hinter das Saalmikrofon, eigentlich hätte die Moderatorin den Abend eröffnen sollen. Scheele sagt: "Ich habe Ihnen eine sehr traurige Nachricht zu überbringen. Einer der Größten der deutschen Filmbranche, Bernd Eichinger ist heute morgen gestorben. Wir denken alle an ihn, wir vermissen ihn. Bernd, du hast dich um den deutschen Film und um Deutschland verdient gemacht." Zu diesem Zeitpunkt wissen das die allermeisten Gäste der Diva-Preisverleihung schon. Als sich allerdings eine Stunde vorher die Nachricht im Foyer gerade langsam verbreitet, kommt es zu skurrilen Situationen.

Die Schauspielerin Sibel Kekilli steht in einem eleganten Abendkleid zwischen den anderen Gästen und weint. Ihr laufen die Tränen über die Wangen und die vorbeigehenden Damen und Herren schauen sie überrascht an. Kekilli hat die traurige Nachricht gerade vom Gastgeber erfahren. Gleichzeitig gehen Steffen Kuchenreuther, der Chef der Spitzenorganisation Deutscher Film, und Regisseur Joseph Vilsmaier mit versteinerten Mienen über den roten Teppich, ohne etwas in die vielen Mikrofone zu sagen, ohne für die 30 Fotografen vor der Fotowand zu posieren.

Drinnen im Saal ist es dunkel und ruhig. Hier stehen die Gäste normalerweise an ihren runden Tischen und klatschen sich lachend zur Begrüßung auf den Rücken, lachen und scherzen laut. An diesem Abend ist das anders.

Kekilli läuft ziellos durch den Saal, dann sieht sie Bully Herbig und fällt ihm in die Arme. Herbig sagt: "Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Die Vorstellung, dass es Bernd Eichinger nicht mehr gibt, ist eine Katastrophe, eine große Katastrophe." Neben ihm lehnt Leander Haußmann an seinem Stuhl und sagt: "Er war immer eine Art höheres Wesen. Er konnte alles. Er war der Geist des deutschen Films." Götz George steht ein paar Meter weiter neben Christiane Hörbiger. Beide haben mit Eichinger Schtonk gedreht. George sagt mit ausdrucksloser Miene: "Weiterfeiern. Das wäre in Bernds Sinn gewesen." Joachim Król fällt George in die Arme und schüttelt nur den Kopf, ohne etwas zu sagen. Dann schlägt er sich mit der Hand auf die Brust und drückt George noch einmal.

Das Fest wird nicht abgesagt, es beginnt nur mit einer leichten Verspätung. Als Scheele gesprochen hat, läuft der erste Trailer, und bei der ersten Pointe wird gelacht. Der Abend soll wie geplant begangen werden, hat Scheele gesagt, denn so hätte es Bernd Eichinger gewollt.

"Der Bernd war ein ganz Großer"

Der hatte sich trotz seines Welterfolgs immer als Münchner, genauer: als Schwabinger verstanden. Zwei Jahrzehnte - bis 2007 - hatte Eichinger nach eigenem Bekunden darauf gewartet, dass ihm Oberbürgermeister Christian Ude die Medaille "München leuchtet" überreichte.

"Der Bernd war ein ganz Großer", sagte ein sichtlich bewegter Ralph Siegel, der gestern auf dem roten Teppich vom unerwarteten Tod des Produzenten erfuhr. "Schrecklich, schrecklich. Ich möchte gar nichts mehr dazu sagen. Das ist fürchterlich": Fassungslos zeigte sich auch der Schauspieler Herbert Knaup.

Und der Präsident der Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft (SPIO), Steffen Kuchenreuther, brachte zunächst nur ein "Ich bin völlig fertig" über die Lippen.

Eichinger habe seine Weltfilmfirma Constantin immer im Dorf Schwabing gelassen, hatte Christian Ude vor drei Jahren gesagt. Und: Der Träger der Medaille "München leuchtet" habe auch seine "Artists for Kids" in München gegründet - eine Organisation, die Münchner Jugendlichen in Notfällen und Lebenskrisen Hilfe bietet.

"Ich bin ein Schwabinger", hatte Eichinger damals seine Liebe zur Leopoldstraße erklärt, an der er lebte, wenn er nicht gerade in Los Angeles war. Es sei immer ein besonderes Gefühl, nach der Landung Münchner Boden unter den Füßen zu haben: Jenseits der Ortsschilder begann für Eichinger nach eigenem Bekunden bereits "das feindliche Ausland".

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SZ vom 26.01.2011/leja
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