Süddeutsche Zeitung

Nach jahrelangem Rechtsstreit:Der rothaarige Kobold ist zurück

Der Bayerische Rundfunk strahlt die Serie "Pumuckls Abenteuer" aus. Auf Meister Eder müssen die Zuschauer aber noch bis zum nächsten Frühjahr warten.

Wenn ein Kobold an einem menschlichen Ding hängen bleibt, wird er sichtbar, das ist Koboldsgesetz. Und bei dem Menschen, der den Kobold in dieser misslichen Lage sieht, muss er bleiben, das ist ebenfalls Koboldsgesetz. Schreinermeister Franz Eder ahnt davon nichts. Er hat eine Werkstatt in einem Hinterhof im Lehel, und gerade als eine Kundin Druck macht, verschwinden Schrauben und wichtiges Werkzeug. Etwas raschelt, Eder wirft einen Hammer, es scheppert, und der Pumuckl wird sichtbar - er klebt an einem Leimtopf. Fortan hat der Pumuckl ein Korrektiv und Meister Eder eine Aufgabe, 52 Folgen lang.

"Meister Eder und sein Pumuckl" ist eine durch und durch münchnerische Serie. Sie begeistert Kinder und Erwachsene seit bald vier Jahrzehnten. Zuletzt war der reimende und Streiche spielende Kobold aus dem Fernsehen verschwunden, nun kehrt er zurück. Zu der Sendepause kam es aufgrund einer "komplizierten Rechtslage zwischen Autorin, Illustratorin und Produzentin", so formuliert es der Bayerische Rundfunk. Der Streit ist beigelegt, und seit diesem Montag wiederholt das Dritte "Pumuckls Abenteuer".

Wer dabei an Gustl Bayrhammers gutmütigen Schreinermeister Eder denkt, an Schiebermütze, Schürze und Meterstab, muss allerdings noch warten. Die Originalserie aus dem Jahr 1982 wird erst kommendes Jahr gezeigt - digital restauriert und in HD aufbereitet, wie der Sender verspricht. Und bevor Pumuckl dann wieder München unsicher macht, geht der rothaarige Kobold in "Pumuckls Abenteuer" jetzt erst einmal mit dem Schiffskoch Odessi, gespielt von Towje Kleiner, auf Reisen. 13 Folgen lang fahren sie übers Mittelmeer, und Pumuckl tut das, was er immer tut. Er spielt Streiche.

In der ersten Folge streift Odessi über den Viktualienmarkt, macht Rast im Café Rischart am Marienplatz und sucht die Edersche Schreinerei vergebens am Jakobsplatz, bis er den Pumuckl im Tierpark Hellabrunn aufgabelt und mit auf hohe See nimmt. Am Ende wird es es die beiden wieder zurück nach Bayern ziehen, nicht nach München zwar, aber in die bayerischen Berge.

Die lustigen Streiche des Kobolds kommen heute genauso gut an wie vor 36 Jahren. Und gerade die Serie aus den Achtzigerjahren bleibt im Stadtleben präsent, auch wenn viele Spuren von damals längst verschwunden sind. Das Haus im Lehel, in dem sich die "Schreinerei Franz Eder" befindet, wurde 1985 direkt nach dem Ende der Dreharbeiten für die zweiten Staffel abgerissen, ist aber immer noch Gegenstand von Stadtführungen zu Pumuckl-Drehorten, vornehmlich im Lehel und in Haidhausen. Die richtige Adresse ist nicht die Gewürzmühlstraße 6, die in der Serie genannt ist, sondern die Widenmeyerstraße 2. Das Haus war gemeinsam mit dem heute noch existierenden Vorderhaus zur Jahrhundertwende erbaut worden, ursprünglich als Kutscherhäuschen.

Dass es nicht mehr existiert, ist irgendwie schade, doch eigentlich passt das ganz gut zur Serie. Einem wie dem Eder wäre wahrscheinlich nichts mehr zuwider als Besuchergruppen und Souvenirshops. Das München, wie es in "Meister Eder und sein Pumuckl" gezeigt wird, hatte und hat nicht viel mit der Realität zu tun, nur mit einem Teil von ihr. Dem Teil, der auch heute noch durchblitzt, immer dann, wenn man mal wieder an einen Dienstleister gerät, der vom globalen Wettbewerb noch nichts mitbekommen hat und seine Kundschaft als eher lästig empfindet.

Vermutlich hatte schon jedes Münchner Kind irgendwann einmal Pumuckl-Verbot, wenn es sich den barfüßigen Kobold mit dem roten Wuschelkopf zu sehr zum Vorbild genommen hat. Als Nachfahre der Klabautermänner, Schiffskobolden aus dem Norden, hat er nämlich nichts als Flausen im Kopf. Vom Meister Eder lernt er das Bairische, soweit er kann. Die sonst recht gleichbleibende Gefühlswelt des Schreiners wiederum durch ihn bekommt mehr Ausschläge in alle Richtungen. Eder wird Freund und Erzieher, wenn auch nicht nach den modernsten pädagogischen Maßstäben. "Pumuckl, sei brav, sonst sperr ich dich ein!"

Ellis Kaut ist die literarische, Barbara Johnson die grafische Mutter des Pumuckl. Im Rahmen der erwähnten "komplizierten Rechtslage" ist Johnson vor Gericht ebenfalls ein Urheberrecht am Pumuckl zugestanden worden, weswegen sie jetzt auch in den digital restaurierten Folgen im Vorspann genannt wird. Schauspieler Hans Clarin lieh dem Kobold seine Stimme von Anfang an, schon in der ersten Radiofolge im Jahr 1962. Dafür war Clarin prädestiniert, er ist 1929 in Wilhelmshaven, quasi in der Nähe der Kobolde und Klabautermänner, geboren. Gelebt hat er bis zu seinem Tod im Chiemgau. Auf dem Weg zu einem der Hausberge kommt man an seinem Hof vorbei. Die Frage, wie es sein kann, dass jemand anders als der Pumuckl selbst die Stimme vom Pumuckl sein kann, ging vielen Kindern durch den Kopf, wenn Eltern oder Lehrer flüsterten: "Schaut's, da wohnt der Hans Clarin, der ist die Stimme vom Pumuckl".

Der Pumuckl ist mutig, lustig und unabhängig, oft wütend, versteht die Welt nicht mehr, weint, streitet, verträgt sich, reißt Witze, schläft, geht verloren, kommt wieder zurück und verbiegt sich eigentlich nie. Sogar verliebt ist er einmal: "Stell dir vor, die Bärbel hat Servus gesagt - zu mir!" Insofern bereitet er die Kinder ganz gut auf das Leben vor, damals wie heute. Auch, weil er nicht nur alles herunterwirft, sondern auch alles hinterfragt. Wenn es großen Ärger mit Meister Eder gibt, setzt das dem sonst so selbstgenügsamen Kobold am meisten zu. "Jeder Spaß hört da auf, wo ein anderer Schaden davon hat, das musst du dir merken!", ist eine der grundsätzlicheren Mahnungen des Schreiners. Der Pumuckl lernt viel, richtig vernünftig wird er aber bis zur letzten Folge nicht.

"Pumuckls Abenteuer" reichen lange nicht an das Team Eder-Pumuckl heran. Schiffskoch Odessi kann dem Schreiner in Sachen Gemütlichkeit und Souveränität nicht das Wasser reichen. Und wenn man genauer hinhört, ist Hans Clarins Stimme schon etwas brüchig in den neueren Folgen. Deshalb empfiehlt es sich, die Folgen von "Pumuckls Abenteuer" maximal zur Einstimmung auf die 52 Folgen "Meister Eder und sein Pumuckl" anzuschauen. Die laufen beim Online-Dienst Amazon Prime übrigens jetzt schon - für alle, die es nicht erwarten können, bis es im Frühjahr 2020 aus dem Fernseher kräht: "Hurra, hurra, der Kobold mit dem roten Haar, hurra, hurra, der Pumuckl ist da!"

Ab Montag, 15. April 2019, zeigt das Bayerische Fernsehen Montag bis Donnerstag, ab 23. April Dienstag bis Donnerstag, um 13.30 Uhr je eine Doppelfolge (außer am 25. April) der 13-teiligen Serie "Pumuckls Abenteuer".

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Quelle:
SZ vom 16.04.2019/baso
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