Süddeutsche Zeitung

Prozess um Doppelmord von Krailling:"Ich habe meine Nichten nicht getötet"

Überraschung im Prozess um den Doppelmord von Krailling: Zwei Monate lang hat der Angeklagte Thomas S. geschwiegen, jetzt erklärt er sich und leugnet die Bluttat an seinen beiden Nichten Sharon und Chiara. Stattdessen unterstellt er dem Gericht mehrere Fehler, schreibt den Zeugenaussagen Widersprüchlichkeiten zu - und nennt Gründe, wieso er als Mörder nicht in Frage komme.

Anna Fischhaber

Er sei nicht der prügelnde Vater, für den ihn alle halten. "Ich habe meine Kinder nie geschlagen", sagt Thomas S. Seine Stimme, die nach zwei Monaten erstmals in dem stickigen Gerichtssaal in München zu hören ist, klingt erstaunlich dünn und leise. Thomas S. liest schnell, ist nur schwer zu verstehen.

Seit mehr als zwei Monaten wird gegen Thomas S. vor dem Münchner Landgericht II verhandelt, Angaben zu dem brutalen Mord an seinen Nichten, die in ihrer Wohnung in Krailling mit Hantel, Messer und Seil umgebracht wurden, hatte er bislang nicht gemacht. Mit seiner Ankündigung am Montag, sich doch noch zu den Tatvorwürfen äußern zu wollen, hatte er selbst seine Verteidigung überrascht. Bereits zwei Stunden vor Verhandlungsbeginn hat sich deshalb an diesem Dienstag eine Schlange vor dem größten Saal im Münchner Landgericht gebildet.

"Er hat sich das meiste aufgeschrieben, er wird das vorlesen", sagt der Verteidiger zu Beginn der Verhandlung. Thomas S. bleibt auf der Anklagebank sitzen, er trägt wie immer eine Jeans und ein blaues Hemd. Das erhoffte Geständnis bleibt, zunächst zumindest, aus.

"Nachdem ich jetzt fast ein Jahr verhaftet bin, möchte ich zu den bisher gemachten Aussagen Stellung nehmen", sagte der 51-Jährige. Er versuchte Zeugenaussagen zu widerlegen, die er für falsch hält - es klingt ein wenig so, als wolle er das unsympathische Bild ändern, das Zeugen in den vergangenen zwei Monaten von ihm gezeichnet haben.

Manche Zeugen hätten nicht gewusst, warum sie geladen waren, andere hätten nichts über ihn zu sagen gehabt, liest er vor. So zitiert er eine Zeugin, die ihn in einem Supermarkt an der Kasse gesehen haben will. "Das ist falsch", sagt er. Ebenfalls falsch sei, dass er Gummibärchen gekauft hätte - er habe zuletzt an Diabetes gelitten. "Warum hat sie dann eine Verletzung beschrieben, die ich nie hatte?", fragt er.

Auch den Aussagen, dass er ein Hygieneproblem habe, widerspricht er. Auf seinen Kassenzetteln könnte man sehen, dass er genug Hygieneartikel gekauft habe. Seine Schwiegermutter und Arbeitskollegen hatten Thomas S. als ungepflegt beschrieben. Dann geht es um die Erziehung seiner Kinder, um den Bau seines Hauses, bei dem sich Thomas S. betrogen fühlt. Der Angeklagte rattert Zahlen und Baufirmen herunter, dass bald kaum mehr jemand seinen Ausführungen folgen kann.

Der verschuldete Familienvater soll seine Nichten Chiara und Sharon in der Nacht zum 24. März 2011 ermordet haben. Gesehen hat ihn niemand, allerdings hat das Gericht in den vergangenen zwölf Verhandlungstagen eine ganze Reihe von belastenden Indizien zusammengetragen: Fingerabdrücke des Mannes am Tatort und eine Blutspur von ihm in der Küche beispielsweise. Immer wieder ist es vor Gericht um den tiefen Riss gegangen und den Streit ums Geld in der Familie S., die den Angeklagten unter anderem als "Schmarotzer" betitelt haben sollen. Auch dem widerspricht Thomas S. nun.

Dann widmete er sich dem Vorgehen und den Aussagen der Polizei, die ihm "immer ein Rätsel bleiben werden". Das Bild seiner Verletzungen könnte eine Fotomontage sein. Jedes Detail, in dem er einen Widerspruch findet, greift der 51-Jährige auf. Im Zuschauerraum runzeln bereits einige Prozessbesucher die Stirn. Was will dieser Mann?

Dann geht es weiter, der 51-Jährige wirkt immer oberlehrerhafter, ein wenig so, als wolle er dem Gericht dessen Arbeit erklären. "Die Erbsituation der Familie ist kompliziert, vielleicht verwirrt das manche, vielleicht kann ich sie entwirren", sagt er etwa. Oder die von den Ermittlern angegebene Wassertemperatur in der Badewanne könne nicht stimmen. "Das beweist, dass ich Anette S. nie töten wollte. Damit gibt der gesamte Tatvorwurf der Staatsanwaltschaft keinen Sinn", sagt Thomas S.

Seltsam erscheine ihm auch, dass zwei Kinder zur gleichen Zeit in zwei Stockwerken getötet wurden. "Das schließt mich als Täter aus." Dann sagt der Angeklagte, er habe nun genug Merkwürdigkeiten aufgezeigt und beteuert erstmals vor Gericht seine Unschuld: "Ich habe meine Nichten nicht getötet", sagt er. "Und zwar aus einem einzigen Grund: Man tötet keine Menschen."

Dann wird die Verhandlung erneut unterbrochen, Thomas S. hat es nicht geschafft, seine Aussage komplett aufzuschreiben, das will er nun nachholen. Am Nachmittag soll es weitergehen.

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