Süddeutsche Zeitung

Pilotprojekt:Wo niemand mehr ein eigenes Auto braucht

  • Im Domagkpark im Schwabinger Norden soll ein Vorbildprojekt für nachhaltige Mobilität entstehen.
  • In einer Mobilitätsstation können sich dort die Bewohner Autos, Fahrräder und Isarcards ausleihen.
  • In frühestens eineinhalb Jahren sollen die Bauarbeiten in dem Stadtquartier abgeschlossen sein.

Noch sieht es hier nicht besonders modern aus. Überall Baustaub, Kiesel, kreischende Kreissägen. Doch schon bald soll der Domagkpark im Schwabinger Norden ein Vorbildprojekt für nachhaltige Mobilität sein. Nachhaltig heißt in diesem Fall umweltschonend, günstig und dabei auch noch praktisch. Mit einem ausgeklügelten Car-Sharing-System, einem E-Bike-Verleih und einigem mehr sollen die Bewohner des Neubauviertels künftig ohne eigenes Auto auskommen - ohne dadurch Nachteile zu haben. Im Rahmen des Pilotprojekts "Civitas eccentric" werden hier in den kommenden vier Jahren alternative Mobilitätskonzepte getestet.

Gefördert wird das Ganze von der Europäischen Union, die hier vier Millionen Euro investiert. München ist neben Stockholm (Schweden), Madrid (Spanien), Turku (Finnland) und Ruse (Bulgarien) eine der Städte, in denen das EU-Modellprojekt läuft. In München leitet das Kreisverwaltungsreferat (KVR) die Planung, Behördenchef Thomas Böhle startete jetzt das Projekt, doch schon im Februar dieses Jahres begann ein erster Testlauf.

Im Februar nämlich ging eine Mobilitätsstation an einem 74-Parteien-Neubau der Genossenschaft Wogeno in Betrieb. "An dieser Leihstation gibt es für jeden etwas, egal wo er hinwill: Für ganz lange Strecken stehen Autos mit Verbrennungsmotor in der Tiefgarage, für mittlere Strecken ein Elektroauto", erklärt Wogeno-Vorstand Thomas Kremer. Dazu gibt es für kurze Touren noch zwei Elektroroller, zwei normale E-Bikes und eines mit geräumiger Ladefläche. Genossenschafts-Mitglieder können sich an der Station zudem kostenlos eine übertragbare Isarcard leihen. Sogar ein Stellplatz in der Tiefgarage wird unter den Bewohnern geteilt.

Wer eines der Fahrzeuge nutzen will, muss sich bloß bei der Carsharing-Plattform Stattauto anmelden und per App ein Auto, einen Roller oder ein Rad buchen. Die Schlüssel hängen in einem Tresor daneben, der sich mit einer Magnetkarte öffnen lässt. "Ich finde die Leihstation sehr praktisch und nutze sie daher selbst oft", sagt Kremer. Auch Reinhold Petrich ist begeistert. Er wohnt seit einem Jahr im Domagkpark und fährt fast täglich mit einem Leih-Mobil. Ob Fahrrad, Roller oder Auto, das kommt immer ganz drauf an, wo er beruflich zu tun hat. "Vor allem weil ich wechselnd in der Stadt und im Umland unterwegs bin, finde ich die Auswahl hier gut", sagt Petrich. "Ich habe zwar drei Kinder, aber wir kommen so super ohne eigenes Auto klar."

Bislang hat sich das Konzept bewährt, meint Wogeno-Vorstand Kremer. "Die E-Bikes sind oft ausgebucht, und das Lastenfahrrad ist gerade an Wochenenden so gut wie immer vergeben", sagt er. Deshalb sollen im Rahmen des Projekts zwei weitere Leihstationen in dem Quartier entstehen. Zudem will man mit einer zentralen Packstation für das gesamte Viertel vermeiden, dass wegen des boomenden Online-Versandhandels ständig Paketboten mit Lieferwagen durch den Domagkpark fahren.

In frühestens eineinhalb Jahren werden die Bauarbeiten in dem Stadtquartier abgeschlossen sein. Dann sollen auch die Mobilitätskonzepte umgesetzt sein. Vier Jahre lang wird das ausgetestet, unter wissenschaftlicher Beobachtung von Forschern der Technischen Universität. "Wenn das hier gut läuft, werden wir so etwas sicher auch in anderen Neubaugebieten umsetzen - etwa im Prinz-Eugen-Park oder in der Bayernkaserne", sagt KVR-Chef Thomas Böhle.

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SZ vom 03.11.2016/eca
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