Süddeutsche Zeitung

Oktoberfest:Pfarrer stellt Brotzeitdieb im Wiesnzelt

Rainer Maria Schießler arbeitet seit zehn Jahren als Bedienung auf der Wiesn. Als der Geistliche den 21-Jährigen erwischt und zum Zahlen auffordert, wird dieser aggressiv.

Von Martin Bernstein

Der Mann hätte nur nachträglich zahlen müssen - dann hätte er für seine Sünde Vergebung bekommen können. Ganz offiziell sogar, seelsorgerlich. Denn ausgerechnet von Pfarrer Rainer Maria Schießler, der alljährlich während der Wiesn als Bedienung im Schottenhamel-Zelt arbeitet, ließ sich ein 21-Jähriger aus Garmisch-Partenkirchen am Montagnachmittag dabei erwischen, wie er sich am Nebentisch bediente. Selbst bediente, ohne zu zahlen.

Dort hatte der kellnernde Seelsorger Schießler ein Vorspeisen-Brettl aufgebaut, Freiland-Radi, knackige Radieserl, Obazdn, Bauernspeck, Fleischpflanzerl, Pfefferbeißer, Schmalz- und Schnittlauchbrot zu 14,50 Euro. Ein erster Blick hatte den Garmischer von der Qualität der Brotzeit offenbar schon so weit überzeugt, dass er unverzüglich an den Geschmackstest ging. Das freilich beobachtete Schießler.

Der katholische Geistliche bat den jungen Mann, doch für die Mahlzeit nun auch zu bezahlen. Doch statt seine Verfehlung zu tilgen, die wohl moraltheologisch noch als lässliche Sünde einzuordnen wäre, juristisch allerdings den Tatbestand des Diebstahls erfüllt, zeigte sich der Mann keineswegs reumütig, sondern im Gegenteil ziemlich aggressiv.

Der Ordnungsdienst brachte ihn erst einmal ins Büro des Festzelts, doch auch dort gab der ertappte Sünder keine Ruhe. Hinzugerufene Polizeibeamte der Wiesnwache beschimpfte er ausfällig. Da er weder einsichtig war noch in irgendeiner Weise beruhigt werden konnte, wurde erst einmal zur Abkühlung ein Gewahrsam im Polizeipräsidium angeordnet. Das mit dem Fegefeuer ist dann noch einmal eine ganz andere Sache...

Rainer Maria Schießler, 55, ist Pfarrer von Sankt Maximilian und Heilig Geist. Seit 2006 arbeitet er auf dem Oktoberfest als Bedienung im Schottenhamel-Zelt und beherbergt selbst in dieser Zeit 25 Bedienungen in seinem Haus. Seine Zeit auf der Wiesn, für die er Urlaub nimmt, hat Schießler einmal als "Geschenk Gottes" bezeichnet. Ihm gehe es um die Nähe zu den Menschen - zugleich ist er Seelsorger für die Wiesn-Beschäftigten. Einer, der mitreden kann: 14 Maß Bier kann Schießler auf einmal tragen. Sein Trinkgeld und die Spenden, die ihm zugesteckt werden, spendet er für Bedürftige an der Elfenbeinküste und für syrische Kriegsopfer.

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