Süddeutsche Zeitung

Oktoberfest-Attentat 1980:Neue Zweifel an der Einzeltäterthese

"Das ist kein Schwätzer": Der Anwalt von Opfern des Oktoberfest-Attentats präsentiert neue Hinweise, die der sogenannten Einzeltäter-These widersprechen - darunter einen lange vergessenen Zeugen.

Von Florian Fuchs

34 Jahre nach dem Oktoberfestattentat will Rechtsanwalt Werner Dietrich bei der Generalbundesanwaltschaft und beim Bundesjustizministerium beantragen, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Es gebe neue Erkenntnisse über Hintermänner, sagt er, und neu aufgetauchte Akten, die offenbar nicht systematisch auf einen Zusammenhang mit dem Anschlag untersucht worden seien.

Erstmals seit Einstellung der Ermittlungen im Jahr 1982 gebe es zudem einen neuen Zeugen, dessen Aussagen über Beobachtungen am Tatort vermuten ließen, dass der rechtsextreme Attentäter Gundolf Köhler eben doch Komplizen hatte - was die Behörden stets bestritten. "Die Fakten müssen zu einer Wiederaufnahme führen", sagt der von Opfern beauftragte Jurist. "Es ist mit hinreichender Sicherheit wahrscheinlich, dass Köhler nicht alleine gehandelt hat."

Zweifel an der Einzeltäterthese

13 Menschen starben, als die Bombe am 26. September 1980 am Haupteingang des Oktoberfests explodierte. 200 Wiesnbesucher wurden verletzt, 68 davon schwer. Die Ermittler legten sich rasch fest, dass der bei der Explosion getötete Köhler ein Einzeltäter war. Opfer und Juristen bezweifeln dies bis heute. Sie stützen sich unter anderem auf eine Aussage des inzwischen gestorbenen Zeugen Frank Lauterjung, der Köhler kurz vor der Explosion mit zwei Männern streiten sah. Nachdem die Ermittler diese Aussage zunächst ernst nahmen, taten sie die Beobachtung kurz darauf ohne ersichtlichen Grund als Zufallsgespräch ab. Dies ist durch Protokolle belegt. Kritiker werfen den Behörden vor, dass sie so die Einzeltäterthese schützen wollten.

Umso bedeutsamer ist es für Dietrich, dass sich vor kurzem der Zeuge Ramin A. bei ihm meldete. Der IT-Fachmann war am Tag des Attentats auf Geschäftsreise in München und besuchte zum ersten Mal das Oktoberfest. In einem Brief beschreibt er, dass er nur fünf Meter neben der Bombe stand, als sie explodierte. Er blieb körperlich weitgehend unversehrt und versorgte schwer verletzte Opfer. Einem Mann, dem die Detonation den Unterschenkel weggerissen hatte, band er mit seinem Gürtel den Oberschenkel ab. Erst später diagnostizierten Ärzte bei ihm posttraumatische Störungen, Ramin A. leidet bis heute an heftigen Schlafstörungen.

Schlampiger Umgang mit Akten und Zeugen

Tatsächlich steht der Name des Zeugen in der offiziellen Opferliste, Dietrich hat nachgeforscht. "Das ist kein Schwätzer", sagt er. Ähnlich wie Lauterjung gibt Ramin A. an, dass ihm kurz vor der Explosion mehrere Männer in Köhlers Umgebung aufgefallen seien, die nicht wie Oktoberfestbesucher aussahen. Erst etwa sechs Wochen nach dem Attentat wird Ramin A. von einem Ermittler befragt. Das Gespräch dauert nur knapp fünf Minuten. Für die von ihm beobachteten Männer, kritisiert Ramin A. aus heutiger Sicht, interessierte sich der Beamte ausdrücklich nicht.

Es ist dieser nach Ansicht vieler Kritiker schlampige und manipulative Umgang mit Zeugen und Akten, der nach Überzeugung Dietrichs ein neues Ermittlungsverfahren notwendig macht. Bereits im Frühjahr hatte der Anwalt mit Erkenntnissen aus bis dahin unter Verschluss gehaltenen Spurenakten des Bayerischen Landeskriminalamts Aufsehen erregt. In Spur 253 ist dokumentiert, dass die Ermittler die Fälle des Oktoberfestattentats und des Rechtsradikalen Heinz Lembke zusammenführten, aber nicht weiter verfolgten.

Neue Spuren in die rechte Szene

Bereits einen Tag nach dem Attentat sagten inhaftierte Mitglieder der neonazistischen Deutschen Aktionsgruppen aus, dass jener Lembke zahlreiche Waffen lagere und es einen Zusammenhang zum Wiesnattentat geben könnte. Nach vergeblicher Absuche wurden erst ein Jahr später bei dem Rechtsradikalen durch Zufall tatsächlich Sprengstoff und andere Kampfstoffe entdeckt. Lembke kündigte an, Hintermänner zu benennen, am Morgen der Befragung fand man ihn erhängt in einer Zelle. Die Ermittler in Bayern rührten trotz der Erkenntnisse keinen Finger. Dietrich hat Hinweise, dass Lembke ein V-Mann war.

In den Spurenakten stehen auch Informationen zu einer Gruppe um den damaligen Neonazi Odfried Hepp, mit dem Köhler Kontakt hatte - die Spur wurde aber nie weiterverfolgt. Attentäter Köhler hatte auch Kontakte zur rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann, die ebenfalls heruntergespielt und nicht nachhaltig ermittelt wurden. Den Beleg dafür liefern 80 Ordner, die das Landeskriminalamt vor etwa vier Jahren im Zuge einer sogenannten Routineabgabe an das Hauptstaatsarchiv übergab. Wie sich herausstellte, enthalten die Akten Informationen über Kontakte und Vergehen der Wehrsportgruppe. "Sie sind aber nie systematisch untersucht worden", kritisiert Dietrich.

Das Hauptstaatsarchiv selbst bewertet die Ordner als so brisant, dass es die Unterlagen den Akten des Tatkomplexes Oktoberfestattentat zuordnen will. In einem Schreiben an Dietrich vom 13. Juni 2014 räumt der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) zudem erstmals ein, dass in den ihm unterstellten Behörden noch nicht ausgewertete Akten zum Attentat und der Wehrsportgruppe lagern.

Schließlich geben verschiedene Asservate Rätsel auf. In den Aschenbechern von Köhlers Auto, das 200 Meter vom Tatort entfernt parkte, fanden Ermittler 47 Zigarettenkippen sechs verschiedener Sorten. "Selbst wenn Köhler verschiedene Marken rauchte, so wohl kaum auf der Rückbank und teilweise mit oder ohne Filter", sagt Dietrich. Heute würden die Kippen dank neuer Labormethoden wohl Aufschluss geben über Mitfahrer und Kontakte Köhlers. Die Zigaretten wurden 1997 aber zusammen mit anderen Asservaten vernichtet, unter anderem mit Fragmenten einer bei der Explosion abgetrennten Hand. Dietrich sagt, dass die Hand nie zugeordnet werden konnte. "Wenn jemand eine Hand verliert und sich nicht meldet, spricht das ebenfalls gegen die Einzeltäterthese."

Der Anwalt erzählt, dass sich außer Ramin A. noch andere Opfer bei ihm gemeldet haben, die von ihm vertreten werden und mögliche Mittäter ausfindig machen wollen. Auch der Münchner Stadtrat und der Bayerische Landtag fordern eine Wiederaufnahme der Ermittlungen. Dietrich will den Antrag noch vor dem Jahrestag am 26. September einreichen. "Warum kann man das Verfahren nicht einfach wieder eröffnen und schauen, was herauskommt?", fragt der Anwalt. "Wenn sich nichts ergibt, kann man es ja leicht wieder einstellen."

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Quelle:
SZ vom 08.09.2014/vewo
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