Süddeutsche Zeitung

Landgericht München:Tod in der Notunterkunft

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Ein 31-Jähriger soll seinen Zimmer-Kumpel im Streit umgebracht und anschließend versucht haben, die Leiche mit Hilfe eines Rollstuhls aus dem Haus zu befördern.

Von Susi Wimmer

14 Jahre nun sei er Hausmeister in Obdachlosenunterkünften, sagt Günther Werner. Da glaube man, dass man alles erlebt habe. Dass der Bewohner Kevin F. vergangenes Jahr im September seinen Kumpel Rupert im Rollstuhl die Treppen hinunterhievte und Rupert Gesichtsmaske und Käppi trug, erschien auf den ersten Blick nicht weiter ungewöhnlich. Doch dann rutschte der Körper einfach so aus dem Rollstuhl und stürzte über mehrere Treppen nach unten. Was weder der Hausmeister noch die alarmierten Sanitäter sofort bemerkten: Rupert L. war zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Tagen tot. Kevin F. soll seinen Kumpel im Streit getötet und dann versucht haben, die Leiche zu beseitigen. Nun ist der 31-Jährige vor dem Landgericht München wegen Totschlags angeklagt.

Kevin F. sagt, dass er erstmal gar nichts sagt. Sein Verteidiger Thomas Novak erklärt, sein Mandant sei am ersten Verhandlungstag vor der 2. Schwurgerichtskammer unter dem Vorsitz von Richter Norbert Riedmann zu aufgeregt. Bei der Beschuldigtenvernehmung durch die Polizei habe er die Tat gestanden. Zu seinem Leben gibt der Mann im grünen Parka bereitwillig Auskunft. Und aus seiner Vita lässt sich erahnen, dass sich Alkohol, Drogen, Medikamente und Gewaltdelikte wie ein roter Faden durch das noch relativ junge Leben des Angeklagten ziehen. Seit seinem 15. Lebensjahr, so schätzt er, "war ich eigentlich durchgehend betrunken".

Im September 2021 war Kevin F. wieder einmal in einer Unterkunft für Wohnsitzlose angelangt. Die 25. derartige Pension in den vergangenen sieben Jahren, schätzt er. Schon vor einigen Jahren hatte er laut Anklageschrift Rupert L. in der Obdachlosen-Szene am Hauptbahnhof kennengelernt. Man verstand sich gut - und übernachtete in denselben Notunterkünften. Zuletzt war das Duo wegen regelmäßiger Beschwerden aus einem Haus an der Englmannstraße geflogen, schließlich kamen sie in einem Doppelzimmer an der Situlistraße unter.

Die Obduktion ergab Brüche und innere Blutungen

Rupert L. war nach diversen Operationen auf den Rollstuhl angewiesen und musste Blutverdünner spritzen. Das habe der Angeklagte auch gewusst, sagt die Staatsanwaltschaft. In der Nacht von 18. auf 19. September geriet Kevin F. nach einem Streit so in Rage, dass er offenbar völlig besinnungslos mit voller Wucht immer wieder auf den Körper seines Freund einprügelte. Die Obduktion ergab unter anderem Brüche am Kehlkopf, Rupert L. starb an inneren Blutungen in der Bauchhöhle.

Zwei Nächte und einen Tag muss Kevin F. noch mit der Leiche im Doppelzimmer verbracht haben. Dann, am Montagmorgen, 20. September, hob er den Körper in den Rollstuhl, um ihn aus dem Haus zu bringen. Allerdings schloss am Aufzug die Lifttüre nicht. Auf der Überwachungskamera im Flur ist zu sehen, wie F. vom dritten Stock aus den Rollstuhl über das Treppenhaus nach unten beförderte. Als Hausmeister Werner ihm entgegenkam, behauptete F., seinem Freund gehe es schlecht, und er müsse ihn ins Krankenhaus bringen. "Nichts da", antwortete Werner, und alarmierte die Rettung. Die Sanitäter versuchten noch zu reanimieren, erst als sie einen Tubus legen wollten, fiel ihnen auf, dass der Mann längst tot war.

Kevin F. erzählt, dass er bereits mit neun Jahren als schwer erziehbar in ein Heim gekommen sei und wegen ADHS habe Medikamente einnehmen müssen. Mit 14 Jahren lebte er im Rahmen einer Jugendmaßnahme für vier Jahre in Portugal, aber auch dort waren Alkohol und Drogen seine ständigen Begleiter. Seine minimale Tagesdosis liege bei sechs Bier und einer halben Flasche Wodka, die maximale bei zwölf Bier und zwei Flaschen Wodka. Er lebe von Hartz IV und gelegentlichen Zuwendungen seiner Mutter. Die habe ihm, seit er in Haft sitzt, einmal schöne Grüße ausrichten lassen. Ein Urteil wird Ende November erwartet.

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