Süddeutsche Zeitung

NSU-Prozess in München:Gespannte Ruhe im Gerichtssaal

Zum Auftakt herrschte rund um das Strafjustizzentrum in München Ausnahmezustand, vor der Sommerpause ist beim NSU-Prozess Ruhe eingekehrt. Auch dank Richter Manfred Götzl. Bei einigen Zeugen dürfte der Andrang aber wieder groß werden. Etwa wenn Beate Zschäpes Mutter kommt.

Der NSU-Prozess am Oberlandesgericht München verläuft entgegen anfänglichen Befürchtungen in geordneten Bahnen. Zum Auftakt im Mai herrschte rund um das Strafjustizzentrum in der Nymphenburger Straße eine Art Ausnahmezustand. Besucher und Journalisten campierten nachts vor dem Eingang, Demonstrationen und ein Großaufgebot der Polizei behinderten den Verkehr. Im Gerichtssaal rang das Publikum um jeden Zentimeter. Mittlerweile, nach 31 Verhandlungstagen, ist Ruhe und fast schon Routine eingekehrt - so weit das bei einem so monströsen Verfahren möglich ist.

Am Eingang geht es unaufgeregt zu, die ersten Besucher tröpfeln gegen acht Uhr ein und warten dann gut anderthalb Stunden im Schwurgerichtssaal A 101, bis der Vorsitzende Richter Manfred Götzl mit den immer gleichen Worten beginnt: "Dann setzen wir im Verfahren fort."

Das Interesse an diesem Verfahren gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche NSU-Helfer ist aber durchaus nicht erloschen. Fast immer sind die etwa 100 Besucher- und Presseplätze auf der Tribüne gut besetzt. Lediglich auf der letzten Sitzreihe, die eher eine Notbank ist, von der fast nichts zu sehen ist, bleiben Lücken. Oft sitzen Jura-Studenten im Saal, Antifa-Aktivisten kommen regelmäßig, gelegentlich auch Angehörige der rechten Szene.

Nach der Mittagspause kehren einige Besucher nicht zurück, andere dagegen sind beharrlich. Rainer Leuthold zum Beispiel, ein Rentner, der fast immer da ist und sich seit Langem gegen Rechtsextremismus engagiert. Er war mal Betriebsrat und hatte einen Lehrling, der mit Neonazis sympathisierte. Im Umgang mit ihm sei Fingerspitzengefühl nötig gewesen, sagt Leuthold.

Nun beobachtet er interessiert, wie sich der Richter in diesem gewaltigen Prozess behauptet, an dem elf Verteidiger, mehr als 80 Nebenkläger und mindestens 600 Zeugen beteiligt sind. Götzl mache das "im Großen und Ganzen toll", sagt Leuthold. Thematisch springt der Prozess zwar recht wild hin und her, ohne dass dafür ein rechter Grund erkennbar wäre, doch die Verhandlung verläuft meist diszipliniert und sachlich. Götzl hat das Verfahren im Griff.

Polizisten tasten die Besucher penibel ab

Trotz der Enge im fensterlosen Saal ist die Luft erträglich, auch die Kühlung funktioniert ganz gut. In kurzen Unterbrechungen und in der Mittagspause können sich die Besucher in einer mit Stellwänden abgegrenzten Sicherheitszone an zwei Wasserspendern versorgen. Außerdem gibt es einen Kaffeeautomaten, und am Morgen werden Semmeln verkauft. Mittlerweile kann man es auch wagen, in der Mittagspause hinauszugehen. Dann muss man später allerdings erneut die unverändert strengen Sicherheitskontrollen durchlaufen. Taschen werden durchleuchtet, Polizisten tasten die Besucher penibel ab.

Die Beamten sind meist sehr freundlich, einige tun hier regelmäßig Dienst. Manchmal kommen sie den Besuchern näher, als ihnen lieb ist. Ein Polizist erzählt amüsiert, wie ein Besucher schon dabei war, die Hose auszuziehen, als er ihn noch stoppen konnte. "Ich bin ja nicht der Proktologe", sagt der Beamte. Allerdings tasten die Polizisten Körper und Kleidung intensiv ab, und immer wieder werden auch Gegenstände beanstandet, beispielsweise Stifte mit kleinen Kameras. Akkreditierte Journalisten dürfen ihre Laptops mit hinein nehmen, andere Besucher müssen auf technische Geräte verzichten, können sie aber am Eingang hinterlegen.

Das Gericht hat bereits Verhandlungstermine festgelegt bis Ende 2014; die Sitzungstage sind in der Regel dienstags, mittwochs und donnerstags. In den Ferien ist Pause. Am kommenden Dienstag ist jedoch noch ein Verhandlungstag, bevor es im September weitergeht. Bei einigen Zeugen, wie Zschäpes Mutter, dürfte der Andrang wieder sehr groß werden. Dann könnten sich erneut Schlangen bilden. Auch ganz am Ende des Prozesses wird es wieder turbulent zugehen. Wann das sein wird, kann derzeit noch niemand sagen.

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SZ vom 03.08.2013
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