Süddeutsche Zeitung

Münchner Momente:Alles Kopfsache

Sehen-und-Gesehen-werden zählt immer noch zu den beliebtesten Hobbys der Stadt. Dazu braucht es zunehmend: den richtigen Helm

Kolumne von Laura Kaufmann

Vieles an München ist schön. Und viele Münchner sind schön. Zumindest ist der Münchner als moderner Großstädter um sein Äußeres bemüht, wie das Stadtbild verrät: Nagel- und Waxingstudios hier, Bart-Trimm- Salons da. Eitelkeit oder gepflegtes Äußeres - der Grat ist schmal und wandelbar. Wer auf einem Präsentierteller wie dem Tambosi sitzt, tut das in seiner vorzeigbarsten Form. Sehen-und-Gesehen-werden zählt immer noch zu den traditionsreichen Hobbys der Stadt, und Traditionen wollen gepflegt werden.

Mehr als ein bloßes Hobby ist das Fahrradfahren, und die Coronakrise hat noch mehr Einheimische zur Fortbewegung an der frischen Luft getrieben. Wer Rad fährt, der bewegt sich, der spürt sich, der ist lebendig. Allein das Gesicht eines Radlers im plötzlichen Regenschauer im Vergleich zum in der U-Bahn herumstehenden, regungslos auf sein Smartphone starrenden Menschen spricht Bände. Und erst der beschleunigte Herzschlag dank all der Nahtoderfahrungen, das rasende Herz, nachdem der Münchner der aufgerissenen Beifahrertür wieder knapp ausweichen konnte. Leben pur!

Der Münchner, am Leben hängend, findet sich eines Tages mit einem Helm unterm Arm den Radladen verlassend wieder. Im Ohr eine Melodie seiner Kindheit: Augen auf, Ohren auf, Helmi ist da!

Helmi - ein von einem Zauberkünstler erdachter, pummeliger Außerirdischer, der sich im Verkehr auskennt und Helm trägt - ist nicht gerade das Lässigkeitsvorbild des modernen Großstädters, abgesehen von sehr nerdigen Exemplaren. Der durchschnittliche Millionendörfler ist eher besorgt ob der Investition in seine Haarpracht. Was nützt der regelmäßige Friseurbesuch, wenn die Ergebnisse plattgedrückt werden? Wie geht Sehen-und-nicht-gesehen-werden? Hilft der Helm wenigstens beim Schneiden einer Coronafrisur im Falle einer zweiten Welle?

"Schöner Helm, wo ist der her?", fragt ein jüngerer Radler beim Ampelstopp. Dem Münchner geht nach kurzer Skepsis (Versteckte Kamera?) das Herz auf. Das neue Must-Have der Radler? Sein Helm, ein It-Accessoire? Später wird er ihn vielleicht auf einen Tisch im Tambosi legen. Oder wo auch immer er gesehen werden mag. In der Hoffnung, dass auch die Frisur noch sitzt.

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Quelle:
SZ vom 16.07.2020
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