Süddeutsche Zeitung

SZ-Adventskalender für gute Werke:Das Beste aus seinem Leben machen

Mit acht Jahren kam Deniz in ein Kinderheim, weil sein Vater gewalttätig war. Jetzt baut sich der 16-Jährige eine eigene Existenz auf - Dank der Hilfe der Diakonie Hasenbergl.

Von Sabrina Ahm

Von Kinderheim zu Kinderheim, in eine Wohngruppe und zum Schluss in die Psychiatrie. Bevor Deniz N. (Name von der Redaktion geändert), 16, wieder nach Hause durfte, hat er einige Stationen durchlaufen. Wenn er heute davon erzählt, bleibt er gefasst, spricht fast emotionslos. In einem Zimmer der Diakonie Hasenbergl sitzt er gelassen neben einem Betreuer, der das Gespräch begleitet.

Deniz hat kurze braune Haare, trägt eine graue Jeans, ein weißes Shirt und ein dunkles Brillengestell, sieht aus wie ein durchschnittlicher Teenager. Was aber sofort auffällt, ist seine Sprache. Deniz spricht sehr gewählt und selbstsicher, verwendet kaum Umgangssprache. Seine ruhige und gelassene Art macht den Kontrast umso deutlicher, wenn er von sich und seiner Vergangenheit erzählt. "Ich bin auch sehr aggressiv gewesen. Ich mache dann keine Sachen kaputt, aber ich schlage zu, tatsächlich. Das ist ein großes Problem, das Zuschlagen", sagt Deniz. Dabei ist keine Regung in seiner Mimik zu erkennen. Er fährt fort: "Ich bin froh, dass ich das so einigermaßen abgelegt habe. Also ich schlage nur noch selten zu. Oder was heißt selten, so gut wie gar nicht." Ihm ist bewusst, dass dieses Verhalten für seine Zukunft ein großes Problem darstellen würde und auch in der Vergangenheit zu Problemen geführt hat.

Deniz' Vergangenheit ist geprägt von Unsicherheit, Wandel und Armut. Mit acht Jahren kam er in ein Kinderheim, weil sein Vater gewalttätig war. Danach hatte er nur wenig Kontakt mit seiner Mutter und seinen sechs Geschwistern. "Tatsächlich war das sehr schlimm, auch, weil ich wusste, dass mein kleiner Bruder im gleichen Haus ist und dass ich ihn eigentlich jeden Tag besuchen könnte. Aber ich durfte nicht, weil ich sonst Ärger bekommen hätte. Und das hat mich natürlich sehr traurig gemacht", sagt Deniz.

Einer seiner Brüder war anfangs im gleichen Kinderheim untergebracht, alle anderen Geschwister wurden in ganz Deutschland verteilt. Obwohl sie heute alle wieder zusammen mit seiner Mutter in einem Haushalt leben, ist das Verhältnis zwischen ihnen eher kühl. "Im Nachhinein nervt mich das natürlich sehr. Weil ich könnte mich mit meinen Geschwistern besser verstehen, als ich es jetzt tue", sagt Deniz. Trotzdem genieße er es, wieder zu Hause zu sein.

Durch seinen älteren Bruder ist Deniz damals auf die Sportangebote der Diakonie Hasenbergl aufmerksam geworden. Seit etwas mehr als einem Jahr spielt er in der Fußballmannschaft mit, ist Teil der Klettergruppe und konnte sich sogar bei einem anderen Diakonie-Projekt einen eigenen PC aufrüsten. "Das ist vielleicht auch ein anschauliches Beispiel, dass man versucht, mit wenigen Mitteln das Beste daraus zu machen", sagt Alexander Kralj, Leiter der Sportgruppen. Die Idee, alte Geräte gemeinsam aufzurüsten, kam ihm und Deniz, als sie mit der Klettergruppe unterwegs waren. Denn die PCs fehlen einfach und man brauche sie unter anderem auch für die Schule.

Sportliche Angebote wie das Klettern sind teuer. Die Diakonie Hasenbergl finanziert diese Angebote und Projekte unter anderem durch Spenden und kann so den Jugendlichen Möglichkeiten geben, die sie sich ansonsten nicht leisten könnten.

Das Beste aus seinem Leben machen - das gilt auch für Deniz. Durch die Mithilfe seines Betreuers fing er im Dezember ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Kinderkrippe an. "Also ich kann's mir tatsächlich auch vorstellen, in einem Heim zu arbeiten oder als Erzieher. Weil es mir einfach gefällt, mit Menschen zu arbeiten und ich auch weitergeben und vielleicht sogar was besser machen könnte", sagt Deniz. In seiner Zukunft möchte er auf jeden Fall etwas machen, das ihm Spaß macht. Das Geld spielt dabei keine große Rolle.

Wenn Deniz an Geld denkt, dann weil er sich für seine Geschwister eine andere als seine Kindheit wünscht. Damals sei es völlig normal gewesen, die Schuhe mit Heißkleber zu reparieren oder löchrige Kleidung zu tragen. "Mir ist ganz wichtig, dass meine kleineren Geschwister eine angenehmere Kindheit haben und auch mit ein bisschen mehr Geld aufwachsen, wo man auch mal hinausgehen und sich ein Eis kaufen kann", sagt Deniz. Deswegen wolle er seine Familie unterstützen, sobald er Geld verdiene. Momentan lebt die Familie von den Einkünften seiner alleinerziehenden Mutter, die ein Fitnessstudio leitet. Obwohl das Geld am Ende des Monats oft knapp werde, ist Deniz merklich stolz auf sie. "In dem Fitnessstudio in Milbertshofen war sie mal Reinigungskraft, und von da aus ist sie aufgestiegen bis zur Chefin", sagte er.

Durch die vielen Aufenthalte in den Heimen, der großen Distanz zur Mutter und dem missbräuchlichen Verhalten seines Vaters, ist Nähe etwas, das Deniz schwerfällt. "Ich wäre froh, wenn ich die hätte. Habe ich aber nicht. Aber ich meine, das Verhältnis zu meiner Mutter ist sonst super eigentlich. Wir verstehen uns gut", sagt Deniz.

Es wirkt, als habe der Jugendliche seine Situation völlig verstanden und akzeptiert. Letztendlich sei er auch manchmal froh, dass er etwa Bescheidenheit gelernt hat. "Ein Freund von mir geht jeden Morgen in den Dorfladen und kauft sich eine Semmel, jeden Tag, bei dem ist das völlig normal. Er braucht das, sagt er, ich würde sagen, das sind alles Bedürfnisse, die man sich mal erfüllen kann", sagt Deniz.

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