Süddeutsche Zeitung

Sport im Corona-Winter:Mehrkampf um die Hallen

Wenn am Wochenende viele Ligen in die Saison starten, müssen die Vereine eine Vielzahl an Auflagen beachten. Nun rächt sich, dass es seit Jahren zu wenig Flächen in der Stadt gibt.

Von Sebastian Winter

Wenn an diesem Wochenende viele Ligen, wie im Badminton, Handball oder Volleyball, in die neue Saison starten, dürfte es zu skurrilen Szenen kommen. Die Hallen werden gelüftet, egal, wie kalt es draußen ist. Fleißige Helfer reinigen Bälle, Schläger, Türgriffe, Klobrillen und Spielerbänke mit Tüchern. Teammitglieder versuchen, im Einbahnstraßenverkehr mit Mundschutz durch die Gänge zu kommen. Das Shampoo haben sie zu Hause gelassen - geduscht werden darf ja eh nicht. Das Begrüßungsritual mit der gegnerischen Mannschaft? Mit Herz statt Hand. So oder ähnlich porentief rein dürfte dieser Corona-Herbst seinen Anfang nehmen im Münchner Amateur- und Jugendsport.

Die Stadt hat das Hygienekonzept für den Punktspiel- und Wettkampfbetrieb in ihren Sporthallen erst am vergangenen Dienstag nach langen internen Abstimmungen freigegeben, vorher durfte dort nur trainiert werden. Die Vorgaben der Stadt richten sich nach der Infektionsschutzmaßnahmeverordnung des Freistaats, daneben gibt es noch Hygienekonzepte von Sportverbänden - ein Regeldschungel, in dem es um Mindestabstände, Reinigung von Sportgeräten, Lüftungszeiten, maximales Personenaufkommen oder die Toilettenbenutzung geht.

Immerhin dürfen künftig mehr Menschen als bisher in die Hallen, maximal 30 in eine Einfachhalle, bis zu 90 in eine Dreifachhalle. Der 1,5-Meter-Abstand soll wo immer möglich eingehalten werden, Zuschauer sind nur erlaubt, wenn der Veranstalter ein spezielles Hygienekonzept erstellt und umsetzt. Daneben gibt es die bereits im kollektiven Gedächtnis verankerte Hust-, Nies- und Handetikette, in die WC-Räume darf außerdem maximal eine Person gehen. Und, und, und. Kurz gesagt: Es ist eine Zumutung für die Vereine.

"Ich glaube, dass diese Konzepte nicht praktikabel sind. Aber wir wollen ja nicht unseren Jugendspielbetrieb einstellen", sagt Werner Dunzinger, der 1. Vorstand der HSG München West. Auch für die meisten der dort ansässigen vier Erwachsenen- und sechs Jugendteams beginnt an diesem Wochenende die neue Spielzeit. Nur wie? Dunzinger hat eine düstere Vorahnung: "Ich befürchte, dass aufgrund der Krise der Spielbetrieb wieder eingestellt wird." Es wäre das Schreckensszenario für den Münchner Sport.

Denn die rund 700 Vereine in der Stadt, von denen 400 die städtischen Hallen nutzen, leiden ohnehin stark unter der Pandemie. Ihre Einnahmen sinken durch Beitragsrückforderungen oder Kündigungen von Mitgliedern. Gleichzeitig bleiben die Fixkosten. Es ist eine gefährliche Spirale, die ihre wirtschaftliche Basis gefährdet. Wenn bald erneut - wie schon im März - der Spielbetrieb zur Disposition steht, wäre das der nächste Gau.

"Die Angst ist groß, es gibt schon jetzt Vereine mit einem deutlichen Mitgliederschwund", sagt Hermann Brem, Kreisvorsitzender des Bayerischen Landessportverbandes für die Stadt München. Er vermisst zugleich "klare Aussagen der Stadt, wie der Spielbetrieb genau organisiert werden soll. Die Kommunikation mit Vereinen und Verbänden ist da nicht die große Stärke der Stadt. Es bleibt das Gefühl, dass der Vereinssport, der auf die Schulhallen angewiesen ist, vergessen wird".

München hat, das darf man nicht vergessen, zuletzt einiges für die Klubs getan. Die Sportbetriebspauschale, drei Millionen Euro pro Jahr, wurde bereits im Juni statt im November ausgezahlt, die Vereinspauschale des Freistaats Bayern wurde ebenfalls früher überwiesen, ein Vorschuss auf die Zuschüsse der Stadt zum Unterhalt vereinseigener Sportanlagen soll im Herbst folgen. Außerdem wurde den Klubs während der Hallenschließungen die Miete anteilig erlassen. Die meisten Vereine sind auch zufrieden mit der Stadt, wie sie die Hallenbelegung seit Beginn der Sommerferien organisiert hat. "Wir können schon seit längerer Zeit wieder in den städtischen Hallen trainieren", sagt beispielsweise Gerhard Eberl von den Volleyballerinnen des TSV Turnerbund München. Der TSV hat 28 Mannschaften im Spielbetrieb, in den Sommerferien hat der Klub ein Trainingslager in der Theodolinden-Halle absolviert. "Da muss man absolut dankbar sein", sagt Eberl.

Die Vereine stoßen in der Corona-Zeit zugleich längst an ihre Grenzen, auch personell. Viele fragen sich, wie sie die Vorgaben der Stadt erfüllen sollen. In deren Hygienekonzept heißt es, dass die verantwortlichen Übungsleiter die Halle nach dem Training 15 Minuten lang lüften sollen; dass in Schulsporthallen neben Bällen, Matten, Geräten und Toren nach dem Training auch Tür- und Fenstergriffe und die Armaturen und Kontaktflächen in den WCs zu reinigen sind. Es wäre nicht verwunderlich, wenn auf den Homepages der Klubs künftig die Annonce steht: "Ehrenamtliche Putzhilfe gesucht."

Immerhin läuft das Training wieder einigermaßen geordnet, was eine Mammutaufgabe für das federführende Referat für Bildung und Sport (RBS) war. Doch mit dem Spielbetrieb ist es anders. Es trägt jeder Verein seine Wünsche in eine Liste ein, wann welche Mannschaft wo ihre Heimspiele austrägt. Bei Überschneidungen leuchtet die Tabelle des RBS rot - und es gibt viele Überschneidungen bei 400 Klubs. "Man kann sich das vorstellen wie auf einem Basar", sagt Eberl. Die Volleyballer, Handballer und Hockeyvereine haben daher vorab Überschneidungen geklärt, was der Stadt dabei hilft, mehr grüne Flecken in die Tabelle zu bekommen.

Am Hockey sieht man andererseits ganz gut, wie schwierig die Lage gerade ist. Im Sommer wird draußen gespielt, auf vereinseigenen oder städtischen Feldern. Im Winter konkurrieren die Klubs um zu geringe Flächen. "Es gibt in München viel zu wenige Dreifachhallen" sagt Paul-Moritz Rabe, der stellvertretende Abteilungsleiter des HLC Rot-Weiß München. "Das Problem besteht seit Jahren, und es rächt sich gerade jetzt in der Corona-Situation." Sechs Erwachsenen- und rund 20 Jugendmannschaften hat der Verein, doch wie der Hallenspielbetrieb vor allem bei den Junioren organisiert werden soll - und ob es überhaupt einen gibt in diesem Winter -, weiß Rabe nicht. "Wir sind sehr skeptisch", sagt Rabe: "Wir können ja unmöglich mit 30 Kindern in einer Einfachturnhalle trainieren", allein schon wegen der Hygienevorschriften.

Beim HLC wollen die Sportler so lange draußen trainieren wie möglich, am besten bis in den November hinein. Paul-Moritz Rabe sagt: "Vielleicht hilft uns ja der Klimawandel."

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SZ vom 02.10.2020/syn
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