Süddeutsche Zeitung

Schwabing:Kunst vor Dampfkesseln

2022 wird die alte Energiezentrale des Schwabinger Krankenhauses entkernt und zum Büroloft umgestaltet. Zuvor aber stellen die Projektentwickler das Gebäude kostenlos für eine Zwischennutzung zur Verfügung.

Von Ellen Draxel, Schwabing

Vor einer großflächigen Fensterfront thronen riesige Dampfkessel. Dicke und dünne Rohre, versehen mit Ventilrädern und Druckanzeigen, schlängeln sich durch den gesamten Bau. Wie Designerstücke leuchten dazwischen Sessel, bunt besprühte Schränke, Lampen, Bilder, Skulpturen und Installationen hervor. Das historische Maschinenhaus am Mildred-Scheel-Bogen, einst Energieversorger für des Schwabinger Krankenhaus, steht mittlerweile unter Denkmalschutz, versprüht herben Industriecharme - und ist damit wie geschaffen für die Kunst.

"Mehr als ein Jahr lang gab es wegen Corona kaum Kunst und Kultur", sagt Fillin Guas. Weshalb es nun höchste Zeit sei, beidem wieder Raum zu geben. Fillin Guas ist Graffiti-Künstler, Zeichner, Video- und Foto-Artist. Vor zwei Jahren hat der heute 28-Jährige das Künstlerkollektiv "broke.today" mitgegründet. Die Gruppe hat schon viele Plätze bespielt, die 089-Bar am Maximiliansplatz zu Beginn der Pandemie etwa, die Gallery am Kaufingertor und das "Traphouse", ein abrissreifes Gebäude in der Maxvorstadt, das 27 Künstler gemeinsam komplett bemalten und umgestalteten. Alles Zwischennutzungsprojekte.

Auch das Maschinenhaus inmitten der Neubausiedlung Isolden-/Rümannstraße soll, sobald die Genehmigung da ist, dank der Vermittlung des Zwischennutzungsnetzwerks "Mucbook Clubhaus" so ein Kunstraum werden, bevor es voraussichtlich von Mitte 2022 an entkernt und zu einem Großraum- und Loftbüro umgebaut wird. Der Projektentwickler Ehret + Klein hat das mehr als 3000 Quadratmeter große Grundstück mit dem Kesselhaus im Januar erworben und bereitet gerade den Bauantrag vor. "Wir planen ein Haus im Haus zu bauen", erklärt Unternehmenssprecherin Kerstin Kruppok: Mit einer "tischartigen Tragstruktur" sollen mehrere Decken neu eingezogen werden, sodass am Ende 3860 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung stehen. Auch eine Gastronomie für Mieter und Nachbarn ist vorgesehen. Anvisierter Bezug: Frühjahr 2024.

Bis dahin aber stellt Ehret + Klein das Maschinenhaus den Künstlern kostenlos zur Verfügung. "Wir wollen, dass der Ort jetzt schon belebt und der Gesellschaft zugänglich gemacht wird", sagt der Geschäftsführer der Firma und Miteigentümer des Objekts, Michael Ehret. Eine hohe fünfstellige Summe hat sich das Unternehmen diesen Idealismus kosten lassen.

Fillin Guas und seine zehn Mitstreiter von broke-today haben inzwischen schon mehr als 2000 Arbeitsstunden investiert, um innen alles umzubauen. Es gibt jede Menge Ausstellungsfläche vor allem auch für junge Künstler im ersten Stock, im Keller und im "Bunker", dazu Ateliers, Werkstätten, ein Musikstudio und einen Kunstkiosk, wo Besucher T-Shirts mit Kunstdrucken erwerben können. "Damit möchten wir die Kollegen unterstützen und verdeutlichen, dass Kunst ein Beruf ist", erklärt Fillin Guas.

Von außen ist die Halle mit Holzbrettern verkleidet, um Sprühern große Flächen anzubieten - ohne dass der Denkmalschutz einschreitet. Auch Workshops mit Kindern sollen stattfinden. Und Sportaktivitäten auf der Wiese, Fußball, Boxen mit Kindern und Yoga. Außerdem wird es ein Kunst- und Kulturcafé geben, in dem man nach der Ausstellung noch einen Kaffee trinken kann. "Wir können uns aber noch viel mehr vorstellen, es gibt keinen festgeschriebenen Plan", betont Fillin Guas. Vor Kurzem, erzählt er, sei eine junge Frau vorbeigekommen, die gerne Tanzen anbieten wollte. Auch das sei möglich. "Vieles passiert bei uns ad hoc", sagt der studierte Grafikdesigner. "Meine Utopie war immer, so arbeiten zu können wie Andy Warhol bei der Factory: Wer klopft, kann was machen." Dass diese Vision mit der Zwischennutzung im Maschinenhaus zumindest für einige Monate Realität werden kann, sei "cool". Fast 4000 Quadratmeter Fläche, da gehe schon was.

Trotzdem: Langfristig, fordert das Künstlerkollektiv, müsse sich auch die Stadt ihrer Verantwortung stellen, Subkultur zu ermöglichen: indem ein standardisiertes Verfahren für Zwischennutzungen entwickelt werde, weniger kompliziert als heute. Und indem städtische Orte für Künstler kostenlos zur Verfügung gestellt würden. "Wir brauchen eine Perspektive", sagt Fillin Guas, der als Straßenkünstler anfing, frei von Kommerz. "Sonst haben wir irgendwann nur noch eine glattgebügelte Stadt."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5370470
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 03.08.2021/syn
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.