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Prozess in München:Heimbewohner soll eine demente Frau missbraucht haben

Bei der Polizei machte er allerdings andere Aussagen als vor Gericht. Die Wahrheit herauszufinden erweist sich als schwierig.

Er habe seiner Bekannten doch nur geholfen, den Fernseher zu reparieren, beteuert Mehmet K. "Falls ich dabei einen Fehler gemacht habe, möchte ich mich entschuldigen." "Fehler" ist mit Sicherheit nicht das richtige Wort, für das, was die Staatsanwaltschaft am Landgericht München I dem 58-Jährigen zur Last legt. Mehmet K. soll Anfang Mai vergangenen Jahres in einem Pflegeheim in Trudering-Riem eine stark demente Frau vergewaltigt haben. "Es gab keinen Sex", versichert K. aber am Montag vor Gericht. Der 58-Jährige ist seit einem Schlaganfall linksseitig gelähmt und lebt in derselben Pflegeeinrichtung wie das mutmaßliche Opfer.

Am 9. Mai 2019 soll K. die Frau irgendwann am Nachmittag in der Zeit zwischen 14 und 17 Uhr in ihrer Wohnung besucht haben. Er kenne die 66-Jährige schon seit geraumer Zeit und sei mit ihr befreundet. Manchmal rauche er mit ihr oder gehe mit ihr spazieren. "Hand in Hand." Ihren Fernseher habe er schnell reparieren können. Das Antennenkabel war nicht angesteckt. Als sie sich bei ihm bedankte, habe sie ihn an der Hand gefasst, sagt Mehmet K.

Die Kriminalpolizistin, die das mutmaßliche Opfer vernommen hat, berichtet, dass die Befragung der Frau aufgrund ihres Zustands "schwierig" gewesen sei. Sie habe nie gewusst, so die Beamtin, ob es zum Geschlechtsverkehr zwischen dem Angeklagten und ihr gekommen ist, oder nicht. "Einen richtigen Geschlechtsverkehr" habe die Frau nicht angegeben. Aber sie soll "aufgebracht" gewesen sein, dass "ihr so etwas passiert" sei.

Nachdem Mehmet K. das Antennenkabel am Fernseher seiner Bekannten wieder angesteckt hatte, sei er mit ihr ins Schlafzimmer gegangen. Das gibt der 58-Jährige auch zu. "Wir haben uns geliebt, es kam aber nicht zum Sex." K. sagt, er leide seit seinem Schlaganfall vor vier Jahren an einer erektilen Dysfunktion. Deshalb sei es auch nicht zum Sex gekommen. Noch am späten Abend des 9. Mai 2019 wurde der Rentner von der Polizei vorläufig festgenommen. Seine Bekannte hatte einem Pfleger erzählt: "Es ist was Schlimmes passiert."

Als Richter Gilbert Wolf den 58-Jährigen darauf hinweist, dass er bei der Polizei andere Angaben zu dem Geschehen gemacht habe, als nun vor Gericht, entgegnet K.: "Bei der Polizei habe ich nicht die Wahrheit gesagt." Angesichts des Zustands der 66-Jährigen dürfte es schwierig sein, die Wahrheit herauszufinden. Bei der Polizei hatte Mehmet K. berichtet, seine Bekannte habe ihm gesagt, sie habe weder einen Ehemann noch einen Freund. "Sie war einverstanden. Sie wollte es", so K. Und nun vor Gericht meint der 58-Jährige, angesprochen auf seine Aussage bei der Polizei: "Ich kann mich so la la daran erinnern, dass sie einverstanden war."

Ein Gutachter des Instituts für Rechtsmedizin weist darauf hin, dass in einer Blutprobe des Angeklagten Spuren des Potenzmittels Viagra gefunden worden seien. "Ich habe nichts eingenommen. Ich habe kein Geld für Viagra", sagt Mehmet K. Bei seiner Vernehmung bei der Polizei hatte er dies allerdings noch zugegeben. Er nehme zwölf verschiedene Tabletten, so der 58-Jährige. Vermutlich befinde sich in einem der Wirkstoff, der auch in Viagra enthalten sei. Nach Ansicht des Rechtsmediziners ist dies eher unwahrscheinlich. Der Prozess dauert an.

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SZ vom 17.03.2020/vewo
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