Süddeutsche Zeitung

Oktoberfest in München:Die Wiesn von A bis Z

Lesezeit: 6 min

Nach zwei Jahren Pause eine kleine Erinnerung, was bis zum 3. Oktober auf der Theresienwiese alles zu erwarten ist.

Von Laura Kaufmann

Drei Jahre sind lang. In drei Jahren lässt sich viel lernen, eine ganze Ausbildung oder ein Masterstudium könnte man absolvieren. In drei Jahren lässt sich aber auch viel vergessen - das so lange nicht benötigte Wiesn-Wissen seit der letzten Aufführung 2019 zum Beispiel. Hier eine Auffrischung für den nahtlosen Wiedereinstieg.

A wie austreten Ein Bierzeltbesuch lebt von seiner Spontanität, da gilt es sich mitreißen zu lassen, sich zu späterer Stunde im besten Sinne gehen zu lassen, nur eines mag mit etwas mehr Vorlauf geplant werden: der Toilettenbesuch. Der Inhalt eines Maßkruges drückt schnell auf die Blase, und wer nun das Aufstehen aufschiebt, weil's grad gar so lustig ist, der könnte das später bereuen. Der Weg zu den Toiletten wäre andersrum immer kürzer gewesen, und ist man endlich angekommen, findet man sich mit Pech in einer quälend langsam vorrückenden Schlange wieder. Abwägen heißt hier das Zauberwort: Sollten viele Wiesnabende angedacht sein, lohnt sich etwas Blasentraining.

B wie Bedienung Die Beziehung zur Bedienung ist das A und O. Das fängt an beim freundlichen Lächeln und geht vielleicht bis zum Satz "Ich kenn eine, die kellnert im Hackerzelt in der Box, die holt uns sicher rein", wenn die Zelte zu sind. Ein gutes Verhältnis lohnt sich immer. Die Basis dafür sind Freundlichkeit und ein nicht zu knausriges Trinkgeld. Wer nett ist, bekommt eventuell schneller die besser eingeschenkte Mass. Wer öfter im Einzugsbereich der Bedienung Platz nimmt, wird wiedererkannt. Und schon ist man auf dem besten Weg zum Stamm- oder Lieblingsgast. Am letzten Wiesn-Abend dann wird sich bierselig in die Arme gefallen, die Augen feucht. Bis zum nächsten Jahr!

C wie Charivari ist nicht nur ein Münchner Radiosender, sondern bezeichnet die Schmuckkette der Lederhose. Selbstverständlich sind nicht alle auf der Wiesn so traditionell gekleidet, dass ihre Lederhose ein Charivari ziert, vielleicht sogar die wenigsten. So hat zum Beispiel eine auf ein T-Shirt aufgedruckte Krachlederne eher wenig Tradition. Beim Oktoberfest-Outfit aber geht es weniger um Traditionen als um ein Zugehörigkeitsgefühl. Und wenn dafür ein günstiges Shirt vom Bahnhofsstand reicht, dann soll es so sein.

D wie Diridari Diridari ist bairisch für das nötige Kleingeld. Bairisch muss der Wiesngast zwar nicht können, um Spaß zu haben. Aber etwas Diridari sollte er mitbringen. Wenige Vergnügen sind gratis oder günstig. Gratis anzusehen sind zum Beispiel der Einzug der Wiesnwirte, oder das Platzkonzert am mittleren Sonntag. Mit Kindern lohnt sich die Oide Wiesn, und immer dienstags ist auf dem Oktoberfest Familientag mit Vergünstigungen. In der Regel aber ist ein Wiesntag und vor allem -abend ein nicht ganz günstiges Vergnügen. 30 Euro für Hendl und Mass sind einzukalkulieren. Minimum.

E wie Einlass Die Wiesn ist eigentlich ein Volksfest und für alle da. Sie kostet keinen Eintritt. Aber damit ist man noch lange nicht drin. Wer trotz geschlossenem Zelt an der Security vorbei möchte, sollte entweder gut aussehen und Geduld haben, eine nicht todlangweilige Geschichte wie Habe-meine-Jacke-drin-vergessen auftischen oder eine Bedienung kennen (siehe B wie Bedienung). Dann fehlt nur noch Platz an einem Tisch. Auch hier: Ein nettes Auftreten kann Wunder wirken.

F wie Freifahrtschein Nein, ein tiefer Ausschnitt, wie ihn ein Dirndl oft formt, ist kein Freifahrtschein, um hinzulangen. Was im Übrigen ebenso für einen lederbehosten Hintern gilt. Grapschen kann als sexuelle Belästigung, also als Straftatbestand gewertet werden, und die Wiesn ist keine rechtsfreie Zone. Das sollte selbstverständlich sein, aber eine kleine Erinnerung schadet nie.

G wie Gretchenfrage Die lautet dieses Jahr: "Gehst du hin?" und zielt auf die pandemische Lage ab. Die einen bleiben fern, die anderen wollen sich nicht mehr vom Feiern abhalten lassen. Wieder andere wollen nur bei schönem Wetter bummeln. Jeder mache das, womit er sich wohl fühlt.

H wie Hopfen Das Getränk der Wahl ist auf der Wiesn selbstverständlich Bier, nach dem Münchner Reinheitsgebot von 1487 gebraut. Hopfen, Wasser, Malz, Hefe. Wer partout keines mag, muss aber nicht verzweifeln. In einigen Zelten lässt sich auf Weinschorle ausweichen. Cocktailstände sind über das Festgelände verteilt. Und eine Apfelschorle im Masskrug sieht Bier zum Verwechseln ähnlich.

I wie Impfbescheinigung Die braucht niemand, um das Oktoberfest zu besuchen, genauso wenig wie einen negativen Test. Wer seinen Teil dazu beitragen mag, das Oktoberfest nicht zu einem Superspreader-Happening werden zu lassen, fährt sich vor seinem Besuch vielleicht trotzdem mit dem Stäbchen durch die Nase.

J wie Jessas! Jessas, kurz für "Jessas, Maria und Josef!" ist ein Ausdruck des ungläubigen Erstaunens. Und auf der Wiesn gibt es zahlreiche Gelegenheiten, "Jessas!" zu rufen. Die Höhe des Freefalls oder das Gedränge nach Zeltschluss, zombiegleiches Wanken auf der Wirtsbudenstraße oder ein Besucher, der sich im Hofbräuzelt auf den Tisch schwingt, um dort die komplette Mass zu exen.

K wie Kuss Passiert oft im Bierzelt, wo sich die Leute unweigerlich näher kommen. Angetüdelt schunkeln, zu Kinderliedern und platten Schlagern grölen: Das verbindet, zumindest für den Moment. Es gilt: Was beiden gefällt, ist erlaubt. Sollten sich beide am nächsten Tag noch daran erinnern, und zwar nicht peinlich berührt, sondern aufgeregt-freudig, sind weitere Küsse nicht ausgeschlossen. Auf die Bavaria als Kupplerin hoffen viele hiesige Singles: die Wiesn als Gelegenheit, um jemanden zum Kuscheln für die kommenden kälteren Monate zu finden.

L wie links Links wird die Dirndlschleife bei ledigen Frauen gebunden. Rechts heißt vergeben. Vorne mittig Jungfrau, hinten mittig verwitwet oder auch kellnernd. Jeweils von der Frau aus gesehen. Eine links gebundene Schleife ist allerdings kein F wie Freifahrtschein.

M wie Mass ist die Einheit, in der das Bier konsumiert wird. Der ein oder andere wird sich nach zwei Jahren Pause erst wieder daran gewöhnen müssen. Auch an das Wiesnbier - das ist schließlich stärker als gewöhnliches. Je später der Abend, desto leichter wird der Masskrug verwechselt. So kommt es jährlich zu zahlreichen Fällen von Wiesngrippe. Die Anschaffung eines netten Masskrugbandls ist sicher eine gute Investition.

N wie Noagerl Wird die Maß nicht zügig getrunken, bleibt ein Noagerl zurück. Es schmeckt lack und abgestanden, weswegen der Krug meist nicht komplett geleert wird. Ein mit Ekel hervorgestoßenes J wie Jessas! ernten jene, die die Reste am Tisch zusammenschütten und einen großzügigen Schluck von ihrem Gesöff nehmen.

O wie Original Eine Traditionsveranstaltung wie das Oktoberfest bringt seine eigenen Originale hervor. Sei es der Vogelpfeifer beim Käferzelt, der U-Bahn-Ansager an der Theresienwiese oder etwa der Schichtl, Manfred Schauer. Und dann gibt es noch die nichtmenschlichen Originale: das Toboggan zum Beispiel, die Krinoline oder das Teufelsrad. Fahrgeschäfte, die Omas und Opas schon als Kinder mochten. Sie alle verleihen der Wiesn Charakter.

P wie Promis Auf der Wiesn ist die Bussi-Bussi-Schickeria noch am Leben. In den Boxen des Käfer- und Weinzelts findet man sie, bei Partys wie dem Almauftrieb, und ab und an steigt nach ein, zwei Mass auch ein Rock- oder Schlagersänger auf die Bühne der Wiesn-Band und gibt ein gratis Mini-Konzert.

Q wie Qualifikation Welche Fähigkeiten qualifizieren für den Beruf der Wiesn-Bedienung? Starke Arme, um möglichst viele Maßkrüge auf einmal von der Schänke wegzutragen, und starke Nerven, um die 16 Tage Lärmpegel, blöde Sprüche, Gedränge auszuhalten.

R wie Regen Gilt nicht als das ideale Wiesnwetter. Die Schausteller draußen gehen leer aus, die Besucher verteilen sich nicht auf Biergarten und Zelt, sondern drängen alle hinein - und die farbenfrohen Spätsommersonnenuntergänge vor den bunt blinkenden Fahrgeschäften, ein beinahe psychedelisch-hübsches Bild, fallen buchstäblich ins Wasser.

S wie Sinne Zig Eindrücke prasseln schon beim Betreten der Theresienwiese auf den Besucher ein. Dieser ganz besondere Wiesngeruch aus gebrannten Mandeln, Hendlfett und ein wenig auch nach menschlichen Ausdünstungen. Popsongs und Ansagen aus den Fahrgeschäften im Ohr, Gegröle und Wiesnbands, vor den Augen ist alles in Bewegung, die bunte Lichter - es ist viel, besonders bei Hochbetrieb. Ähnlich wie in Mumbai aus dem Flieger zu steigen. Abtauchen in eine andere Welt.

T wie Touristen Sie sind Teil des Oktoberfests und werden auch dieses Jahr in Scharen einfallen. Dieses Jahr ist die große Frage: Bringen sie neue Corona-Varianten mit, nehmen sie sie mit nach Hause? Auf jeden Fall bringen die Touristen Feierlaune und Bierdurst mit. Der Rest wird sich zeigen.

U wie Urlaub Nicht nur die Touristen, auch der ein oder andere Münchner nimmt sich extra Urlaub, um so viel Zeit wie möglich in seinem Lieblingszelt bei seiner Stammbedienung zu verbringen.

V wie vogelwild geht es mindestens an den Wochenenden abends im Zelt zu. Dort gibt es zwei Möglichkeiten: etwas trinken, sich drauf einlassen, sich gehen lassen, Spaß haben - oder eine miserable Zeit haben und sich darin bestätigt sehen, dass das Oktoberfest nur etwas für Saufproleten mit schlechtem Musikgeschmack ist.

W wie würgen muss der ein oder andere, der sich bei seiner Alkoholtoleranzgrenze verschätzt hat. Ein unscheinbarer Hügel hinter den Zelten hat es als Anlaufstelle für solch arme Tropfe zu größerer Bekanntheit gebracht.

X wie Xylophon ist bisher als Instrument bei Wiesn-Bands eher selten vertreten.

Y wie Yoga eignet sich hervorragend als Ausgleich für alle, die beruflich oder aus Gaudi viel mit dem größten Volksfest der Welt zu tun haben.

Z wie Zähne gibt es alle Jahre wieder verlässlich im Fundbüro abzuholen. Dort sammeln sich neben Ausweisen und Smartphones die wildesten Dinge: Bettwäsche und Rollstuhl, Klobürste und Pferd sind hier schon abgegeben worden. Aber ohne Gebiss im Fundbüro, da hat die Wiesn gar nicht wirklich stattgefunden.

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