Süddeutsche Zeitung

Stadtrat:Wie die öffentlichen Verkehrsmittel besser werden sollen

  • Der Planungsausschuss des Stadtrats befasst sich mit der Fortschreibung des Nahverkehrsplans (NVP).
  • Er sieht unter anderem dichtere Takte für alle öffentlichen Verkehrsmitteln, schnellere Verbindungen und mehr Haltestellen vor.

Erst Ende Januar haben Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und Stadtbaurätin Elisabeth Merk eine ganze Liste mit Ideen für den Nahverkehr der Zukunft vorgestellt. An diesem Mittwoch wird sich der Planungsausschuss des Stadtrats nun mit der Fortschreibung des Nahverkehrsplans (NVP) befassen. Damit werden die Ziele des öffentlichen Nahverkehrs in den nächsten Jahren definiert. Diese sehen unter anderem dichtere Takte auf allen öffentlichen Verkehrsmitteln und deren Beschleunigung vor sowie ein dichteres Netz an Haltestellen. Neu ist auch die Vorgabe, dass eine Fahrt mit dem ÖPNV die Reisezeit mit dem Auto nicht mehr als 50 Prozent überschreiten soll.

Ein neuer Richtwert im NVP lautet: Das Stadtzentrum soll von den Stadtbezirken aus binnen einer halben Stunde erreichbar sein. Für die Stadtteilzentren gilt als Zielvorgabe maximal 15 Minuten. Diese Vorgaben, so lautet das Ergebnis der von den Büros Gevas Humberg und Partner sowie IV Ingenieurgruppe Aachen erstellten Studie, würden allerdings bereits weitgehend eingehalten, nur in dünn besiedelten Außenbereichen brauche man länger.

Ein weiteres wichtiges Kriterium, um den öffentlichen Nahverkehr attraktiver zu machen, ist die Erreichbarkeit von Haltestellen. Im Vergleich zum Nahverkehrsplan aus dem Jahr 2003 sollen nun bei der Erschließung von Siedlungsgebieten die Wege für die Bürger kürzer werden. In der sogenannten Kernzone, wo die Dichte an Bewohnern und Arbeitsplätzen am höchsten ist, soll als Richtlinie keine U- oder S-Bahnstation künftig weiter als 400 Meter Luftlinie entfernt sein (früher 600 Meter). Für Bus- und Tramhaltestellen gilt wie gehabt eine Entfernung von 300 Metern als Ziel.

In Gebieten mit "hoher Nutzungsdichte" gelten weiter die alten Vorgaben von 600 Metern für U- und S-Bahnen sowie 400 Meter für Tram und Bus. Kürzer sollen die Wege in wenig ausgelasteten Gebieten werden. Hier gelten fortan 800 respektive 500 Meter statt 1000 und 600 Meter.

Bei den Taktungen sind ebenfalls mittelfristig Verbesserungen vorgesehen, vor allem außerhalb der ohnehin schon dicht getakteten Rushhour. In der Kernzone soll alle fünf Minuten eine Tram-, U- oder S-Bahn zur Verfügung stehen. Ansonsten wird in den weniger ausgelasteten Gebieten ein Zehn-Minuten-Takt der S-Bahn vorgeschlagen. Dies wird sich allerdings erst nach der voraussichtlichen Fertigstellung der zweiten Stammstrecke 2028 bewerkstelligen lassen.

Was das Angebot der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) betrifft, so hängt eine Taktverdichtung, vor allem bei der Tram, auch am Ausbau der Infrastruktur sowie an der Verfügbarkeit von Personal, Fahrzeugen und Werkstattkapazitäten. Als Beispiel nennt die MVG Strecken wie Petuelring bis Nordbad, Maxmonument bis Isartor, Max-Weber-Platz bis Berg am Laim, die wohl bis 2030 nicht im Fünf-Minuten-Takt befahren werden können.

Ebenfalls neu im NVP sind Vorgaben für die mittlere Geschwindigkeit der Verkehrsmittel. Auf Anregung des Arbeitskreises Attraktiver Nahverkehr sollen Trambahnen und Metrobusse nicht unter 19 Kilometer pro Stunde im Schnitt unterwegs sein, Stadtbusse nicht unter 15 Kilometer pro Stunde. Unterschreitet eine Linie diese Werte, sollen Verwaltung und MVG entsprechende Maßnahmen ergreifen. Die Tram zwischen Stachus und Hochschule München zum Beispiel kommt mit durchschnittlich Tempo 13 nur im Jogger-Tempo voran. Ein drittes Gleis am Bahnhofplatz soll das Problem beheben helfen.

Beim Thema Pünktlichkeit sehen die Gutachter, wenig überraschend, vor allem bei den Bussen Handlungsbedarf. In 19 Bereichen im Stadtgebiet, nicht nur innerhalb des Mittleren Rings, kommen Busse regelmäßig zwei Minuten oder mehr zu spät. Einige Maßnahmen haben Stadt und MVG bereits ergriffen und unter anderem neue Busspuren beschlossen, weitere sollen Folgen. Bei den Trambahnen sind es noch sechs Bereiche, in denen die Linien anfällig für Verspätungen sind. Hier helfe laut Gutachten natürlich auch ein Ausbau der Infrastruktur. Bei der U-Bahn, die ja vom Verkehr auf der Oberfläche nicht beeinflusst wird, führt häufig die dichte Taktung dazu, dass sich die Verspätung eines Zuges auch auf die anderen auswirkt. Derzeit bremsen zudem auch Baustellen immer wieder die Züge.

Was die Barrierefreiheit betrifft, soll noch vieles besser werden. Der Behindertenbeirat der Stadt findet zum Teil deutliche Worte. Große Defizite sieht das Gremium unter anderem bei der Tram. "Das fängt schon bei Hubliften an, die der Fahrgast nicht selbst betätigen kann. Gravierender sind die vielen Haltestellen, bei denen auf Straßenniveau aus- und eingestiegen werden muss", heißt es in einer Stellungnahme. Auch den weiteren barrierefreien Ausbau von Stationen und eine bessere Erschließung von Wohngebieten fordert das Gremium.

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SZ vom 11.02.2020/vewo
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