Süddeutsche Zeitung

Obst und Gemüse:Wo die Früchte himmlisch schmecken

Pfirsiche, so saftig, dass man sie nur am Strand in der Badehose essen kann. Runzlige Tomaten, die aber göttlich schmecken. Solche Köstlichkeiten findet unser Autor nicht etwa auf dem Münchner Viktualienmarkt. Dafür muss er schon weiter reisen.

Glosse von Wolfgang Görl

Man soll ja nicht so viel verreisen, aber auf einmal, weiß der Himmel warum, findet man sich in Griechenland wieder, in einem entlegenen Dorf auf dem Peloponnes, wo man noch mit Ouzo die Zähne putzt. Touristisch ist der Ort ein Ausfall, es gibt kein Hotel, einen Nachtclub schon gar nicht, aber immerhin einen Supermarkt. Der ist so groß wie eine 1200-Euro-Studentenbude in München, also keine 20 Quadratmeter, und bis unter die Decke vollgestopft mit Konserven, Reissäcken, Wein, Nudeln, Waschmittel, ja eigentlich mit allem, was man zum Leben braucht.

Obst und Gemüse lagern draußen, ebenso der Hund, mehrere Katzen und ein Küchenstuhl aus der Osmanenzeit. Aber was sind das für seltsame Früchte, da müsste doch die Polizei einschreiten! Die Tomaten sind, jeglicher EU-Norm zum Trotz, nicht ansatzweise kugelrund; die eine ist geformt wie eine Runkelrübe, die andere hat Falten und eine Nase, und so appetitlich plastikrot wie die Einheitstomaten bei uns zu Hause sind sie auch nicht. Und wie erst sehen die Pfirsiche aus? Groß sind sie ja, aber die Haut ist fleckig und das Fruchtfleisch so weich, als wären sie reif. Wie? Reifes Obst? Die sind ja komplett hinterm Mond hier.

Trotzdem haben wir Pfirsiche gekauft, auch ein paar von den Runzeltomaten. Die kamen am Abend auf den Tisch, und dabei ging es uns wie dem Philosophen Leibniz, als er erstmals seine berühmten Kekse buk. Wahnsinn, was für eine Offenbarung! So also schmecken Tomaten in der besten aller möglichen Welten. Die haben tatsächlich Aroma, irgendwas zwischen fruchtig und göttlich.

Nie, nicht ein einziges Mal haben wir in München solche Tomaten bekommen, weder auf dem Viktualienmarkt noch von der Nachbarin, die auf ihrem Balkon eine Sorte züchtet, die in direkter Linie von den Tomaten abstammt, welche der Konquistador Cortés aus dem Aztekenreich nach Spanien gebracht hat. Und dann diese Pfirsiche: Die waren so saftig, dass man sie nur am Strand in der Badehose essen konnte. "Rötlich glüht der Pfirsich im Laub", schrieb der Dichter Georg Trakl - und genau so, nach flimmernden Sonnentagen im Reich des Pan, schmeckten die Früchte aus dem Dorfladen im peloponnesischen Satyrland.

Kürzlich hat eine Münchner Obststandlfrau auf die Frage, ob man ihre Pfirsiche gleich essen könne, entrüstet den Kopf geschüttelt und mit scharfem Unterton konstatiert, dass sie nur frische Früchte führe, die noch ein, zwei Tage nachreifen müssten. Stimmt, hatten wir in Griechenland glatt vergessen: Unreife ist auf dem Obstsektor ein Qualitätsmerkmal. Keine Frucht soll die Chance haben, am Baum auszureifen und ihr Aroma zu entfalten, und das klappt prima. Ein agrarindustriell angebauter Pfirsich ist so geschmacksneutral, dass man ihn getrost in den Gurkensalat schnippeln kann. Niemand wird es merken. Wie auch?

Junge Menschen haben nie erfahren, wie die Früchte wirklich schmecken, und die älteren haben es vergessen. Eine Ahnung von der einstigen Aromenvielfalt bekommt man nur noch in Gegenden, die weitab von den Jagdgründen der Marktwirtschaft liegen. Dort wachsen Früchte, denen man ansieht, dass der Bauer keinen Schimmer von industriellem Anbau und exportorientierter Ernte hat. Sie schmecken himmlisch.

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