Süddeutsche Zeitung

Immobilienmarkt:Firmen müssen Professoren weichen

An der Akademiestraße müssen Firmen überraschend ausziehen, weil der Eigentümer lieber an die LMU vermietet.

Von Sebastian Krass

Die Schreiben vom Vermieter kamen im Mai, zu einem Zeitpunkt also, als die Geschäfte der meisten Firmen im Haus an der Akademiestraße 7 nicht besonders gut liefen wegen der Corona-Krise, und sie gingen an alle Mieter, mit Ausnahme einer Zahnarztpraxis. Der Inhalt des Schreibens: Sie müssen raus, das Mietverhältnis wird beendet. Völlig überraschend sei die Nachricht zu diesem Zeitpunkt gekommen, sagt der Chef einer der gut zehn Mietparteien, darunter Ingenieurbüros, eine Patentanwaltskanzlei und eine Filmproduktionsfirma. Ihre Namen wollen die Gesprächspartner nicht nennen. Schließlich muss man noch ein paar Monate mit dem Vermieter auskommen, womöglich noch ein paar Dinge klären.

Man sei schockiert gewesen, sagt ein anderer, "unsozial" sei das Agieren des Vermieters - des schillernden Immobilienunternehmers Michael Staudinger mit seiner Unternehmensgruppe aus Bad Kötzting in der Oberpfalz. Staudinger bewegt sich gern in Münchner Society-Kreisen, ob beim Zicklein-Essen des Wirtschaftsanwalts Stavros Konstantinidis oder im Käfer-Zelt auf dem Oktoberfest.

In dem Haus, das direkt gegenüber der Kunstakademie liegt, hat sich auch herumgesprochen, wer künftig hier einziehen wird: die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Eine Sprecherin der Universität bestätigt, dass die LMU, die ständig mit Platznot kämpft, das Gebäude "ab Mitte 2021 angemietet hat". Unterkommen sollen dort demnach "vor allem neue Professuren aus der High-Tech-Agenda Bayern und ihre Arbeitsteams". Die LMU hat in letzter Zeit vom Freistaat insgesamt 15 Professuren hinzubekommen, die zu Künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen forschen sollen.

Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Akademiestraße 7 arbeiten werden, das wisse man noch nicht genau, sagt die LMU-Sprecherin. Aber man rechne auf den knapp 5000 Quadratmetern Nutzfläche, die das Gebäude hat, generell mit Arbeitsplätzen für 250 bis 300 Personen, größere Unterrichtsräume oder Labors sind nicht geplant. Ein ganzes Bürogebäude mitten im Univiertel dazu zu bekommen, das ist für die LMU ein Glücksfall.

Die bisherigen Mieter bringt der Rauswurf zwar, so weit man weiß, nicht in existenzielle Nöte, es gibt auch keine Hinweise auf rechtliches Fehlverhalten des Vermieters. Aber die Firmen verlieren einen hoch attraktiven Standort und werden sich schwer tun, ähnlich zentral etwas Bezahlbares zu finden. Nur, warum räumt Staudinger das Gebäude überhaupt?

"Wir mussten die Mietverträge leider kündigen, weil das Gebäude seit dem Bau 1963 stark in die Jahre gekommen ist", sagt Korbinian Wenzl, der die Immobilie für die Staudinger-Gruppe betreut. "Wir müssen die Heizung und den Aufzug austauschen, auch die EDV-Verkabelung." Die Arbeiten sollen zum neuen Jahr beginnen, und "es macht nur Sinn, das Gebäude als Ganzes zu sanieren", erklärt Wenzl. Ein bis eineinhalb Jahre werde das Ganze dauern, demnach übernimmt die LMU in einem Jahr erst einmal eine Baustelle.

Aber hat Staudinger den bisherigen Mietern, die teils seit Jahrzehnten in dem Gebäude ansässig sind, angeboten zurückzukommen? Darauf antwortet Wenzl ausweichend: Es sei "unwahrscheinlich, dass die Mieter zurückkommen". Auf Nachfrage, ob es denn das Angebot gab, sagt er: "Dazu muss ich nichts sagen." Und warum kam die Kündigung ausgerechnet jetzt, mitten in der Corona-Zeit? Hätte man die Sanierung nicht noch ein wenig aufschieben können? Das sei nicht möglich gewesen, sagt Wenzl, "aus privaten Gründen". Was das heißt, will er nicht erklären.

Aus Staudingers Sicht ist der Mieterwechsel nach der Sanierung durchaus plausibel. Künftig hat er nur noch mit einer Partei zu tun, Fluktuation ist quasi ausgeschlossen. Und die LMU kann sich offenbar eine Miete auf dem Niveau des extrem aufgeheizten Münchner Markts für Büroimmobilien leisten. Die dürfte nach Angaben aus Maklerkreisen für diese Immobilie bei etwa 30 Euro pro Quadratmeter im Monat liegen. Aber, sagt Korbinian Wenzl von der Staudinger-Gruppe, durch die Corona-Krise entstünde derzeit in München etwas Luft auf dem Büromarkt. Das könne den bisherigen Mietern die Suche nach einem neuen Standort erleichtern. Er habe von einer Partei schon gehört, dass sie etwas gefunden habe.

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SZ vom 24.06.2020
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