Süddeutsche Zeitung

Kultur in München:Bereit für den Untergang?

Der Künstler Cyril Mariaux findet äußerst charmante Bilder für die drohende Apokalypse.

Von Martina Scherf

Apokalypse? Im Ernst? Diese kleinen Collagen sind auf den ersten Blick so heiter, dass man sich nach dem Betrachten eher mit einem Glas Crémant auf die Terrasse setzen und über den Frühling plaudern möchte, la belle vie. "Ja", sagt Cyril Mariaux, "das ist es ja gerade: Wir leben vor uns hin, als wüssten wir nicht, dass wir allmählich den Planeten ramponieren."

Die Apokalypse kam ihm also in den Sinn, als er mit der Arbeit an diesem Bilderzyklus begann. Das war vor drei Jahren, da dachte noch niemand an Corona. Jetzt drängen sich solche Gedanken schon manchmal auf. Und so sitzt der Franzose an diesem sonnigen Apriltag im Garten des Institut français, in einem blau-weiß gestreiften Matrosenpulli, mit einem rot karierten Schal, grinst süffisant und sagt: "Die Pandemie macht uns gerade ziemlich deutlich, dass wir mit unserem Fortschrittsglauben an Grenzen stoßen. Aber die meisten wollen das nicht wahrhaben."

Im Keller seines Elternhauses in Frankreich hatte er vor Jahren einen Koffer voller alter Zeitschriften gefunden. Vor allem L'Illustration, eine der ersten bunten Illustrierten Europas. Sie brachte den Franzosen seit 1843 die große weite Welt nach Hause, indem sie Geschichten von Planeten und Sauriern, von Entdeckungsreisen und technischen Errungenschaften, von Mode, Klatsch, Kultur erzählte. Es war die Zeit der Industrialisierung und des Kolonialismus. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde sie in 150 Ländern verkauft.

Mariaux griff zur Schere und fing an, Bilder auszuschneiden. In farbige Szenerien klebte er Figuren in Schwarz-Weiß. Und so entstanden charmante kleine Collagen, die vom Kontrast leben - was ist jetzt eigentlich alt, was modern? Manche wirken unschuldig, ja naiv, andere irritierend zeitlos.

Da ist ein Dampfschiff im roten Wüstenstrand gestrandet. Zwei elegante Damen im Look der Neuen Sachlichkeit stehen daneben und scheinen es überhaupt nicht mitzukriegen. Einmal sitzt eine Nackte auf der Erdkugel. Unter ihrem fülligen Hintern schmelzen die Gletscher. Oder dort, die drei Athleten, sie rennen im Weltall um die Wette, ihre Laufbahn ist der Ring um den Saturn. Cyril Mariaux liebt das Analoge. Nie würde er ein Bild am Computer bearbeiten. "Vielleicht bin ich altmodisch", sagt er, "aber ich muss die Dinge anfassen können."

Geboren 1971 in Toulon, zwischen Nizza und Marseille, hat er schon als kleiner Junge am liebsten gezeichnet. Es war seine Art des Rückzugs, wenn ihm die Welt zu laut wurde. Er mochte es, ganz in seiner Gedankenwelt zu versinken. Mit neun Jahren erhielt er den ersten Zeichenunterricht. Später zog die Familie nach Paris. Dort studierte er Grafikdesign und hatte bald regelmäßig gute Aufträge von Modefirmen, Werbung, Magazinen.

In Paris lernte er auch seine spätere Frau kennen, die Münchner Malerin Iris von Carnap. Einige Jahre arbeiteten sie zusammen, 2005 zogen sie gemeinsam nach München. Den Umzug von der Seine an die Isar habe er nie bereut, sagt Mariaux. "Paris ist laut, hektisch, voll, man braucht eine Stunde, bis man überhaupt aus der Stadt draußen ist", sagt er. München dagegen: ruhig, überschaubar, "und man kommt überall mit dem Fahrrad hin". Als sie kamen, waren die Wohnungen noch viel billiger als in Paris. "Das hat sich inzwischen geändert." Trotzdem sagt Mariaux: "München ist eine kleine Stadt mit viel Aura und Kultur."

Er lebe gerne in Deutschland, sagt er, "man muss halt wissen, wie die Deutschen ticken". Will heißen: ihre Direktheit, ihren Perfektionismus akzeptieren, sich davon aber nicht allzu sehr beeindrucken lassen. "Es funktioniert hier ja auch sehr vieles sehr gut." Selbstdarstellung liegt ihm nicht, er arbeitet lieber im Stillen, in seinem ruhigen Hinterhofatelier in Haidhausen. Ab und zu hatte er eine Ausstellung im Institut français, im Franz-Marc-Museum in Kochel, in der Buchhandlung Moths. Er macht Illustrationen für private Kunden wie Feinkost-Käfer. Das Motel-One in Haidhausen bat ihn, seine Eindrücke aus dem Französischen Viertel grafisch umzusetzen und beauftragte eine Agentur mit der Animation. Daraus entstand ein hübscher kleiner Film.

Daneben arbeitete Mariaux gelegentlich in einem Café in der Maxvorstadt. "Das ist jetzt leider auch zu, wie so vieles", sagt er. Freunde und Familie so selten zu sehen, nicht regelmäßig nach Frankreich reisen zu können, das fehlt ihm. Viele seiner Künstler-Freunde würden jetzt kämpfen, aber es entstünden auch neue Projekte, Bilder, Bücher, Songs. "Man muss halt aufpassen, dass man nicht immer nur zuhause hockt, sonst verliert man ,le sens de la vie'", das Gespür fürs Leben. Die Pandemie fühle sich an wie eine große Welle, die langsam über die Gesellschaft hinwegrollt, sagt Mariaux. "Und was sie alles mit sich gerissen hat, sehen wir erst am Ende."

Also doch Apokalypse? Nun ja, es gibt noch Hoffnung, meint der Künstler. Le sens de la vie - gerade jetzt suchen viele Menschen einen neuen Sinn im Leben. Sie entdecken die Natur und fragen sich, was wirklich wichtig ist. Wenn auch nicht die zwei Herren, die Mariaux vor einen Sonnenuntergang montiert hat. Der Meeresspiegel steigt, eine alte Katze lugt weise von einem Felsen herunter auf die Männer, die da knietief im Wasser stehen, einen Aperol Sprizz in der Hand - als sei alles wie immer.

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SZ vom 30.04.2021
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