Süddeutsche Zeitung

Kreislaufwirtschaft:Wie München ohne Müll auskommen soll

Der Stadtrat will die Stadt zu einem Zentrum für zirkuläres Wirtschaften umbauen. In den Referaten wird schon an Strategien und Maßnahmen gearbeitet. Ein Überblick über den aktuellen Stand.

Von Catherine Hoffmann

Vor ziemlich genau einem Jahr hat der Stadtrat beschlossen, dass sich München auf den "Weg zur zirkulären Stadt" macht. Da ein solcher Umbau zur Kreislaufwirtschaft kein Selbstläufer ist, wurde eine Koordinierungsstelle geschaffen, die dieses Projekt voranbringen soll. Sie ist beim Referat für Klima- und Umweltschutz (RKU) angesiedelt und wird von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dort liebevoll "Keks" genannt. Wobei man das Akronym richtig "CEKS" schreibt, was für Circular Economy Koordinierungsstelle steht.

"Aktuell sind wir sechs Leute, nächstes Jahr kommen noch zwei dazu", sagt Corinna Hellinger, die CEKS leitet. Ihr Team soll eine umfassende Strategie für München entwickeln und dabei vor allem die Wirtschaft in den Blick nehmen. In Zusammenarbeit mit der Unternehmensberatung Deloitte wird gerade ein Katalog möglichst wirkungsvoller Maßnahmen für die Stadt entworfen. "Wir vernetzen uns mit möglichst vielen gesellschaftlichen Gruppen, Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmen, Forschung, anderen Städten, Vereinen wie Circular Republic, um voneinander zu lernen", so Hellinger. "Eine Kreislaufwirtschaft wird man nur gemeinsam schaffen."

Zur Arbeit an Strategie und Netzwerk kommen konkrete Projekte. "Wir konzipieren gerade einen Reparaturbonus, den wir noch in diesem Jahr dem Stadtrat vorstellen werden", sagt Hellinger. "Für die Reparatur von kleinen Elektrogeräten wie Toastern, Fernsehern oder Smartphones wird die Stadt einen Zuschuss zahlen, weil dies Umwelt und Ressourcen schont." Allerdings gibt es viel Elektroschrott, der sich nicht reparieren und wiederverwenden lässt. Im besten Fall landet er auf dem Wertstoffhof in einem der großen orangefarbenen Container, oftmals aber einfach in einer Schublade oder im Keller, wo er in Vergessenheit gerät. "Wir schreiben momentan an einem Konzept, wie man an diese Geräte herankommen kann, um sie zu zerlegen und die Wertstoffe herauszuholen", sagt Hellinger.

Im Glockenbachviertel läuft demnächst ein Pilotprojekt zum leidigen Thema Kaffeebecher an: Dort werden Sammelstellen für Mehrwegbecher geschaffen. Egal, von welchem Anbieter das Geschirr stammt, bekommen Verbraucher ihr Pfandgeld zurück. Das soll den Verzicht auf Einweg einfacher machen und helfen, den Müll zu reduzieren. Auch das zirkuläre Bauen soll befördert werden. Vorbereitet wird eine Börse für gebrauchte Bauteile. "Wir wollen nicht erst eine große Strategie entwerfen und in drei Jahren mit der Umsetzung beginnen. Es soll parallel laufen", sagt Hellinger.

Siedlungsabfälle machen nur einen kleinen Teil aus

Ein wichtiger Baustein der Circular Economy in München ist die Zero Waste Fachstelle im Kommunalreferat. "Wir verfolgen drei übergeordnete Ziele", sagt Leiterin Helga Seitz. "Erstens sollen die Haushaltsabfälle bis 2035 um 15 Prozent reduziert werden. Zweitens wollen wir bis 2035 die Restmüllmenge um 35 Prozent senken. Und drittens sollen alle Münchnerinnen und Münchner, auch Gewerbe, Handel, Bau und Stadtverwaltung, für unser Zero Waste Konzept sensibilisiert werden."

Die Siedlungsabfälle sind aber ein kleiner Teil des gesamten Mülls. Mehr zu holen gäbe es Seitz zufolge bei Gewerbemüll und Abbruchmaterial vom Bau, denen eine Schlüsselrolle für eine geschlossene Kreislaufwirtschaft zukomme. Allerdings fehlt es derzeit an Zahlen, die Auskunft über die genaue Aufteilung dieser Abfälle in München geben könnten. Der Grund: Gewerbe- und Bauabfall wird - anders als Haushaltsmüll - von privaten Entsorgern abgeholt und nicht von der Kommune. Deshalb hat die Stadt keinen Überblick, was alles in diesen Abfällen steckt und wie viele Tonnen es überhaupt sind. Das soll sich ändern.

"Was die Mengen von Bauschutt und Gewerbeabfällen angeht, ist noch Grundlagenarbeit zu leisten", sagt Seitz. Dies sei Teil der Ziele und Maßnahmen des Zero Waste Konzeptes. Zahlen des Umweltbundesamts zufolge machen allein Bau- und Abbruchabfälle in Deutschland den Großteil (53,9 Prozent) des Abfallaufkommens aus. Abfälle aus Produktion und Gewerbe kommen auf rund zwölf Prozent, Siedlungsabfälle auf 12,6 Prozent. Die Recyclingquote der Siedlungsabfälle liegt demnach deutschlandweit bei 67,8 Prozent, München kommt lediglich auf bei 54,9 Prozent.

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