Süddeutsche Zeitung

Nachruf:Musik ist Familiensache

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Der Konzertagent Klaus Schreyer ist gestorben.

Von Helmut Mauró

Er musste am Ende nicht noch schnell seinen Frieden machen mit der Welt, denn das tat er eigentlich immer, das war geradezu sein Lebensmotto. Klaus Schreyer, mit seiner mehr als 50 Jahre alten Konzertdirektion "Bell'Arte" einer der letzten klassischen Konzertveranstalter Münchens und Professor an der Münchner Filmhochschule, interessierte sich vor allem für Menschen. Selbst wenn die pausenlos über Musik redeten, suchte er bei ihnen nach dem Eigentlichen, dem Menschlichen in der Kunst, im Wissen und in der Wahrheit. Das war so ein philosophischer Urinstinkt, weniger dem Soziologiestudium geschuldet. Im Herzen war Klaus Schreyer ein freundlicher Marxist, im praktischen Leben ein warmherziger Familienmensch, der seinen Begriff von Familie aber weiter fasste als üblich.

Selbst die größten Stars, von Martha Argerich bis Viktoria Mullova, von Heinrich Schiff bis Mikis Theodorakis - die Liste ist lang und beeindruckend -, integrierte er spätestens nach dem Konzert bei einem kleinen Dinner in den eigenen Familienkreis, und nicht wenige blieben ihm trotz verlockender Konkurrenzangebote treu, weil sie sich als Mitglieder einer nicht nur der Kunst verschworenen kleinen Gemeinschaft fühlten. Dabei machte er keinen Unterschied, ob es sich um Klassik-Künstler wie Radu Lupu und viele mehr, Popstars, Jazz-Legenden wie Michel Petrucciani, Grenzgänger wie Nigel Kennedy, Flamencovirtuosen wie Paco di Lucia, hochbegabte Nachwuchspianisten wie Nikolai Tokarev oder Unterhaltungskünstler wie Dieter Hildebrandt handelte.

Alle gehörten zur Familie

Alle gehörten zur Familie und wurden oft auch so angesprochen, wie man mit liebevollem Respekt den eigenen Kindern begegnet und sich mit ihnen freut über einen persönlichen Erfolg. Wenn die Umarmung auf der Bühne etwas heftiger ausfiel als üblich, dann war das ernst gemeint und nicht der Versuch, sich im Glanz der Stars zu sonnen. Viele kannten ihn nur von diesen Gesten, wie er am Ende eines langen Klavierabends mit etwas verrutschtem Sakko und seiner Anarcho-Kappe auf die Bühne schlurfte, um Blumen zu überreichen und sich zu freuen wie ein Kind.

Aber neben all dem Starrummel - auch Woody Allen trat bei ihm regelmäßig als Klarinettenzauberer in Erscheinung -, den Schreyer auch mochte, faszinierten ihn vor allem die künstlerische Kraft und Ausstrahlung, die seine musikalischen Ziehkinder an den Tag legten. Gerade die jüngeren begeisterten ihn, von denen man oft wirklich nicht wusste, wie weit sie kommen würden, ob sie die Nerven hatten für eine Weltkarriere. Da riskierte er als Privatveranstalter viel, da leistete Klaus Schreyer Aufbauarbeit in Zeiten, in denen sich öffentlich finanzierte Klangkörper mehr und mehr darauf verlegten, möglichst populäre Programme zu bieten, um noch eine weitere Abonnement-Reihe auflegen zu können.

Das empfand er als unfair, und mit Sorge verfolgte er die Monopolisierungen auf dem Klassik-Markt, die gerade in München die traditionellen Veranstalter Hörtnagel, Winderstein und Bell'Arte an die Wand drückten. Aber am Ende hat er es doch geschafft, dass seine Agentur eigenständig überlebt, dass seine Kinder eine Tradition weiterführen können, die so sehr mit seiner Person verbunden war. Das große Fiasko der Corona-Lockdowns hat er nur mehr vom Krankenbett aus erlebt. Am Freitag, 22. Juli, ist er in München friedlich eingeschlafen.

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