Süddeutsche Zeitung

Contra: IAA in München:Die Stadt ist auch ohne Autoschau am Anschlag

Auf Münchens Straßen geht zu Stoßzeiten nicht mehr viel, die Mietpreise steigen immer weiter, ein gesundes Miteinander wird immer schwieriger. Die IAA wird dazu ihr Übriges beitragen.

Es ist grundsätzlich eine gute Nachricht, dass die deutsche Autoindustrie die IAA nicht aufgibt, wie es auch einmal zur Diskussion stand: Die bedeutendste Industrie braucht einen Ort, um sich auszutauschen, um zu erklären, ja, auch um "Leistung" zu zeigen, zumal bei all den neuen Technologien. Und München ist dabei aus Sicht der Wirtschaftsmenschen nachvollziehbar der ideale Standort.

Aus Sicht der Münchner Bürger ist es indes der völlig falsche Standort. Schon jetzt, ohne Autoschau, ist diese Stadt überdreht, weil sich hier die Natur im Alpenvorland, das schöne Abendlicht in der Maximilianstraße, die vielen gut zahlenden Arbeitgeber und die bunten Trachten während des Oktoberfests so angenehm zu fügen scheinen. Einzeln ist das alles tatsächlich erfreulich. In der Gesamtschau ist es jedoch kein so schönes Bild mehr, das München derzeit abgibt. Die Stadt ist am Anschlag, was Verkehr und Wohnraum anbelangt.

Man kennt das alles: Zu Stoßzeiten geht es immer weniger voran auf den Straßen. Und die Menschen, die nicht von hohen Löhnen der Autoindustrie profitieren, finden kaum noch ein bezahlbares Dach über dem Kopf, müssen weit vor die Stadt ausweichen. Wenn in einem Kinospot der Stadtwerke ein Münchner samt Hut und Dackel durchs Bild läuft und Lebenshilfe für Neu-Münchner anpreist, dann wirkt das insofern nur noch befremdlich und vollends wie Theater: Kaum noch jemand versteht doch, was das Manschgerl auf der Leinwand da sagt, auch wenn es nur ganz sanfte Mundart ist.

Ein gesundes Miteinander in München wird also immer schwieriger. Solange hier keine Lösungen im Sinne aller gefunden werden, sollte man die "Strahlkraft" erst einmal deutlich dimmen.

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Quelle:
SZ vom 05.03.2020/flud/haem
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