Süddeutsche Zeitung

Mister B.'s:Brooklyn im Taschenformat

Im kleinsten Jazzlokal Münchens spielen die Musiker im Schaufenster - das Mister B.'s zieht dennoch viele bekannte Gäste an.

Mit zufällig vorbeikommendem Laufpublikum kann man in der verkehrsreichen Herzog-Heinrich-Straße kaum rechnen. Nur wenige Meter von der Kreuzung Lindwurmstraße gelegen, übersieht man zudem leicht das winzige Lokal gegenüber dem neonbeleuchteten Spielsalon. Von außen unterscheidet den kleinsten Jazz-Club Münchens nur wenig von der üblichen Kneipe um die Ecke. Bis man das schmucke Schild entdeckt, von dem "Mister B.'s" prangt.

Dass es nicht nur ein origineller Name ist, sondern auch Programm, merkt man gleich beim Eintreten: Mister Alex Best, der schwarze Barkeeper aus Brooklyn, ist hier der Hausherr und nicht zu übersehen. Sein Lächeln ist so strahlend wie das Funkeln und Blitzen der verspiegelten Bar hinter ihm, und so authentisch wie seine makellose Kluft: Hemd, Krawatte und Weste in Weiß, Stoffhose, Lackschuhe und Tuch der Westentasche in Schwarz. Alles vom Feinsten.

Nein, Mister B. ist kein Kneipier am Tresen, er ist der Künstler am glänzenden Shaker, der trotz flinker Geschäftigkeit Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Er ist ein Klassiker seines Metiers, und darin perfektionistisch. Sein Diplom von der American Bartenders School bekam nicht zufällig den zentralen Ehrenplatz über der Bar, in bester Gesellschaft von Fotos großer Jazzmusiker. Jazz ist seine zweite Leidenschaft. "Ich komme aus einer Familie mit religiösem Hintergrund, meine Mutter spielte Klavier", verrät Best. Viele seiner Freunde seien Musiker gewesen. Brooklyn eben.

Seit 22 Jahren lebt Alex Best bereits in Deutschland, seit 18 Jahren betreibt er "Mister B.'s". Erstaunlich erfolgreich, in Anbetracht des gerade mal 20 Quadratmeter kleinen Gastraums. Vor die pastellgrün gepolsterte Ecke gegenüber der Bar passen nur drei kleine runde Tische mit einigen Hockern. Ein paar Barhocker und eine Garderobe an der Tür dazu: Das war's denn auch schon. Trotzdem, an Publikum fehlt es Mister B. nicht, und es ist im Durchschnitt für einen Jazzclub erstaunlich jung. Der moderate Unkostenbeitrag für Live-Musik zeigt seine Wirkung, ansonsten scheint die gut bestückte CD-Sammlung anzuziehen - neben der reichen Auswahl an Cocktails, mit Erdnüssen gratis dazu. Musiker spielen gerne in Bests Mini-Club, auch wenn sie sich auf der winzigen Bühne vor dem Schaufenster drängen müssen und ein Gig hier nicht gerade einträglich ist. Von Donnerstag bis Samstag gibt sich im "Mister B.'s" vor allem die hiesige Szene die Ehre, abseits der geldigen Partymeilen in kammermusikalischer Zurücknahme gepflegt zu konzertieren. Laute Blechbläser und Schlagzeuger stehen nur selten im Programm, häufig hingegen Gitarristen, Bassisten, Holzbläser, E-Pianisten (für ein Klavier gäbe es keinen Platz) und vor allem Sänger.

Wie an diesem Abend mit Sängerin Susanne Karl, dem Gitarristen Albert Frische und Kontrabassisten Christoph Weiss. Man drehe das Volumen nur ganz wenig auf, deshalb könne man hier mit einem sehr authentischen Klang arbeiten, heben die Musiker hervor. Unmittelbarer kann Musik wohl kaum erlebt werden. Eine solche Herausforderung nehmen immer wieder auch international renommierte Musiker gerne an. Darunter Sänger wie Denise Orita aus London, Nadine Germann oder Naima Butler aus den USA, deren prominenter Vater Ernest "Mister B.'s" regelmäßig mit seinem Saxophon beehrt.

Mit Balladen des Trios nostalgisch gestimmt, hätte man sich in diesem klassischen Jazz-Club kaum gewundert, wenn Humphrey Bogart hereinspaziert käme. An seiner Stelle kam zur Nachtschwärmer-Stunde Udo Wachtveitl (Tatort-Hauptkommissar Franz Leitmayr) vorbei. Ja, seinen Club besuchten einige Prominente, bestätigt Alex Best, "sie kommen, um Jazz zu hören und um sich zu entspannen". Die Privatsphäre seiner Gäste ist Best aber heilig. Also wenig Worte darüber und keine Namen. Wer ein Autogramm will, müsse schon außerhalb des Lokals sein Glück versuchen. Wachtveitl bleibt auch bei Pils und "My Funny Valentine" unbehelligt an der Bar.

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Quelle:
SZ vom 17.02.2011/sonn
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