Süddeutsche Zeitung

Serie "Lieblingsdings":Warum Putin nicht in Bayern einmarschiert

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Der Zeichner Papan besitzt ein Glöckchen, das ihn vor allem Bösen beschützt. Glaubt er jedenfalls.

Von Sabine Buchwald, München

Die Pariser Straße 23 ist eine ganz besondere Adresse. Sie führt zu diesen zwei Männern: Der eine ist Hartmut Trost, Schornsteinfeger, dem von Berufs wegen eine positive Ausstrahlung nachgesagt wird. Der andere ist Manfred von Papen, Zeichner, der ein Glöckchen besitzt, das ihn vor allem Bösen beschützt. Glaubt er jedenfalls. "Das Glöckchen hat mir Glück gebracht", sagt von Papen, der bekannter ist unter seinem Künstlernamen Papan. Man trifft ihn in dem kleinen Laden in Haidhausen an der Pariser Straße 23, der Hartmut Trost gehört und wo Papan vor zwei Jahren untergeschlüpft ist. Man ist noch nicht ganz über der Schwelle und hört schon: "Mir ist noch kein Klavier auf den Kopf gefallen, ich bin noch nicht im Tegernsee ertrunken und Putin ist nicht in Bayern einmarschiert." Alles wegen der kleinen Glocke? "Ja, klar", sagt Papan, ohne das Gesicht zu verziehen. "Das sehen Sie doch." Die Glocke ist also sein Lieblingsdings? "Ich wäre jedenfalls sehr traurig, wenn sie weg wäre."

An dieser Glocke hängen Erinnerungen, die bis in die Kindheit zurückgehen, weit zurück, denn Papan ist nach eigenen Angaben 82 Jahre alt. (Aber genau kann man das bei ihm nicht wissen.) Die Glocke ist aus Bronze gegossen, so viel ist sicher, in Form einer Nonne mit sehr ernstem Gesicht. Die Figur ist etwa acht Zentimeter groß. Was der Zeichner dazu erzählt, ist zu einer Zeit passiert, die wohl nicht Papans glücklichste Jahre waren. So um die sechs sei er gewesen, als seine Eltern ihn regelmäßig sonntags zu Tante Anni schickten. "Sie haben mich dort abgegeben", sagt Papan. Diese Tante war Oberin in einem Kinderkrankenhaus. In ihrer Wohnung habe es jede Menge Spitzendeckchen und katholischen Kram gegeben: Kreuze, Heiligenbildchen, Rosenkränze, Bibeln und eben diese kleine Glocke. Sie habe ihn fasziniert, wo allem wohl auch deshalb, weil er sie nicht anfassen durfte. "Ich wollte aber so gerne sehen, was unter dem Rock war, der die Glocke formte", sagt Papan. Er dachte wahrscheinlich, auf diese Weise ein Geheimnis zu lüften. Er hatte noch nie eine Frau nackt gesehen. Als er das Glöckchen dann einmal in die Finger bekam, war die Enttäuschung groß und die Folgen waren dramatisch. "Ich dachte, Gott hat's nicht bemerkt", sagt Papan. Aber Gott sehe eben doch alles und habe ihn anscheinend verpfiffen. Seine Mutter nannte ihn einen Dieb und Lügner. "Ich wurde fürchterlich verdroschen."

Die Glocke war dann weggesperrt. Papan hat sie erst wieder zu Gesicht bekommen, als Tante Anni Jahre später gestorben war und ihre Wohnung ausgeräumt wurde. Seitdem stehe sie auf seinem Schreibtisch, erzählt Papan. Sie erinnere ihn daran, wie viel Macht Erwachsene auf Kinder ausüben können. Die Aggression ihnen gegenüber sei heute nicht viel anders als damals. "Kinder werden immer noch rumgeschubst."

Durch die großen Ladenfenster beobachtet Papan oft, was sich auf der Straße so abspielt. In der Auslage sind seine bunten Objekte zu sehen, vor allem Kinder drücken sich ihre Nasen an der Scheibe platt. Es sind mit der Laubsäge ausgeschnittene Menschlein. Männer und Frauen, immer ein bisschen dicklich, in einer Bewegung verharrend. Die Damen oft mit aufgemalten Perlenketten, die Männer mit fliegender Krawatte. Humor funktioniert mit Klischees. Die Figuren ergänzt meist ein Spruch: Ein Männlein beispielsweise greift nach einer Weltkugel, sie hängt zwei Zentimeter entfernt vor seinen Fingerspitzen, dazu steht: "Wer sein Ziel erreicht, hat es zu niedrig gewählt..." Papans Menschen sind so ganz anders als er selbst, der spindelig, drahtig, hippelig ist.

17 Jahre lang hatte der Zeichner ein Atelier in der Pariser Straße 1, bis ihm wegen Eigenbedarfs gekündigt wurde. Im Hinterraum waren eine Küche, ein Wohn- und ein kleiner Schlafraum. 500 Schallplatten hatte er dort und Tausende von Zeichnungen in vielen Mappen. Jahrzehntelang arbeitete Papan für Zeitschriften. Gut 20 Jahre als regelmäßiger Kolumnist für den Stern, mehr als ein Jahrzehnt für Brigitte, Eltern, Petra und viele Medien mehr. Nach und nach wurden die Aufträge weniger. Jetzt sei er frei und könne machen, was er wolle, sagt Papan. Er scheint diese Freiheit zu genießen, denn kreativ ist er immer noch. Er schreibt und zeichnet weiterhin seine Tagebücher, aus manchen Bildern entstehen Postkarten. Und beinahe täglich kommen neue Figuren dazu, die er mit teils skurrilen Fundstücken verklebt: Treibholz, Küchensiebe, Gabeln, Uhren, Bälle. Immer sind sie knallig bunt angemalt mit feinem, schwarzem Strich zum Leben erweckt. "Papans Universum", so nennt das Wilhelm Busch Museum in Hannover sein Oeuvre. Dort sind derzeit seine Bilder und Skulpturen ausgestellt. Auch in der Pariser Straße 23 ist viel davon zu entdecken, bei Schornsteinfeger Hartmut Trost, laut Papan "der gutmütigste und freundlichste Mensch überhaupt". Da ist auch das Glöckchen, das ihm so lieb ist. Noch ein bisschen lieber aber sei ihm eine weiße Fläche Papier, die offen ist für alles.

Bei "Lieblingsdings" erzählen Menschen, woran ihr Herz hängt, was sie durchs Leben begleitet, ihnen Glück bringt und wovon sie sich niemals trennen würden.

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