Süddeutsche Zeitung

Oberschleißheim:Schlosswirtschaft bleibt Dauerbaustelle

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Die Wiedereröffnung der Gaststätte samt Biergarten verzögert sich erneut und die Sanierung wird noch einmal 2,8 Millionen Euro teurer. Die Grünen üben nun massive Kritik an der Planung durch den Freistaat.

Von Klaus Bachhuber, Oberschleißheim

Bestes Biergartenwetter. Allerdings wird in einem der attraktivsten Biergärten im gesamten Landkreis München auch in diesem Sommer nicht ausgeschenkt. Die Schlosswirtschaft im Schleißheimer Schlossensemble ist seit 2014 wegen Sanierung geschlossen, Ende 2019 hat auch die Ersatz-Gastronomie und damit der Biergartenbetrieb zugesperrt. Zu den Verzögerungen bei der Wiedereröffnung kommt nun die nächste satte Preissteigerung. Der bayerische Landtag hat 2,8 Millionen Euro an zusätzlichen Mitteln für das im Staatseigentum befindliche Traditionsgasthaus freigegeben, womit sich die Gesamtkosten der Sanierung auf 15,5 Millionen Euro erhöhen. Gestartet war die Planung mit geschätzten Kosten von 10,3 Millionen Euro.

Begründet wird der erneute Nachschlag insbesondere mit den Lohn- und Material-Preissteigerungen am Bau. Auf 1,8 Millionen Euro addieren sich nach Angaben des bayerischen Finanzministeriums alleine die Preissteigerungen bei den bislang vergebenen 98 Prozent der Aufträge. Eine weitere knappe Million Euro sei notwendig geworden, weil auch gegenüber dem ersten Nachtrag 2020 über 2,4 Millionen Euro noch einmal unerwarteter Arbeitsbedarf in dem Altbau aufgetreten sei. Laufende Arbeiten hätten an Erkenntnisse aus dem Baufortschritt angepasst werden müssen und neue Aufgaben seien nötig geworden, heißt es aus dem Ministerium.

Im Landtag haben die Grünen-Abgeordneten aus dem Landkreis das Vorgehen massiv kritisiert. "Inzwischen kostet die Sanierung 50 Prozent mehr als geplant", moniert Claudia Köhler. "Hätte die Staatsregierung von Anfang an die Maßnahme nicht auf die lange Bank geschoben, hätten wir viel Steuergeld gespart." Markus Büchler, der in Sichtweite zur Baustelle lebt, sagt: "Ich verstehe den Freistaat Bayern nicht. Ein Privatunternehmen, das so wirtschaften würde und keine konkreten Daten nennen kann, wäre längst pleite." Trotz vier Jahren Planungsvorlauf würden "alle Nase lang neue Probleme auftauchen, die gute Planung im Vorfeld erkannt hätte".

"Die Bauverwaltung stolpert von Problem zu Problem", rügt der Abgeordnete Markus Büchler

Mit der langen Schließung der Gaststätte verliere der Staat auch erhebliche Pachteinnahmen, ganz abgesehen vom Verlust für das Schlossensemble. "Schloss Schleißheim braucht eine gescheite Wirtschaft direkt am Schloss", moniert Büchler. Die Wirtschaft ist Teil des Alten Schlosses und stammt in ihren Grundzügen aus dem frühen 17. Jahrhundert. Älteste erhaltene Bauteile wurden auf 1615 datiert. Die zuletzt 1986 in geringerem Umfang sanierte Gaststätte soll nun grundlegend im Sinne des Denkmalschutzes überarbeitet werden. Zudem soll der Gaststättenbetrieb nach mehr als 30 Jahren rundum modernisiert werden. Ziel des Ausbaus ist laut Finanzministerium, "eine leistungsfähige Gastronomie mit den zeitgemäßen Anforderungen an die Betriebsabläufe, die Hygiene und die behindertengerechte Erschließung in die bestehende historische Bausubstanz zu integrieren".

Dabei seien auch auf der letzten Etappe immer noch unerwartete Probleme aufgetreten. So habe man etwa erst nach Abnahme der Dachziegel feststellen können, wie mangelhaft die Mauerschwellen gewesen seien, teilt das Ministerium mit. Die Reparatur der Tragekonstruktion für das Dach habe ohne Rückbau im Bestand erfolgen müssen, weil historische Deckenbekleidungen entdeckt worden seien. In der Küche seien die Durchlauferhitzer zunächst zu gering dimensioniert gewesen, für Heizkörper in mehreren Räumen fand sich kein Platz mehr, so dass Deckenheizungen installiert werden mussten. Und dann wurden von der Baustelle auch noch die Dachrinnen gestohlen. "Es sieht so aus, als stolpere die Bauverwaltung von Problem zu Problem", rügt Büchler, "den Schaden haben die Steuerzahler."

2014 war die Gaststätte zugesperrt worden, damals mit ausgelöst durch den Tod des langjährigen Wirts Karl Blass. Erst 2018 begannen die Bauarbeiten. 2014 bis 2019 sorgte eine provisorische "Schlossalm" zumindest für Gastronomie und Biergartenbetrieb, mit dem Anwachsen des Baustellenbetriebs gab die aber auch wieder auf. "Ich freue mich einfach, wenn es endlich mal fertig ist", seufzt Oberschleißheims Bürgermeister Markus Böck (CSU), "und die Schlosswirtschaft wieder ein Anlaufpunkt für Schleißheim und darüber hinaus sein kann."

Die Fertigstellung ist nun für November anvisiert. Ein neuer Pachtvertrag ist derzeit offenbar noch nicht geschlossen. Das Finanzministerium hat dem Landtag vorgerechnet, dass die horrende Investition inklusive der beiden Nachträge nicht nur unter Denkmalschutzgründen zwingend sei, sondern sich auch betriebswirtschaftlich amortisiere. Angesichts des zu erwartenden Pachterlöses werde der investive Teil ohne Ausgaben für den Substanzerhalt in etwa 30 Jahren eingespielt sein.

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