Süddeutsche Zeitung

SZ- Serie: Hippes von hier:Heizkissen, die mitdenken

Die Firma Moonich aus Sauerlach vertreibt tragbare Sitzunterlagen, die nur Wärme liefern, wenn sie gebraucht wird. Weil sie mit Akkus betrieben werden, eignen sie sich nicht nur für die Außengastronomie, sondern kommen auch in Kirchen zum Einsatz.

Von Iris Hilberth, Sauerlach

Wer jemals auf einer kalten Kirchenbank saß und zähneklappernd dem Ende des Gottesdienstes oder des Konzerts entgegenfieberte, wer vielleicht auch schon mal auf der Terrasse seines Lieblingsrestaurants auf den Nachtisch verzichtete, weil es ihn fröstelte, weiß welche Wohltat es sein kann, wenn jemand die Heizung anstellt. Das ist nicht immer ganz einfach, mitunter auch wenig zielführend, wenn etwa die Wärme eines Strahlers nur den Nebentisch erreicht und der gut gekühlte Stuhl trotzdem eine Eisfach-Atmosphäre schafft. Sitzheizungen sind eine Lösung für fest installiertes Mobiliar, wegen der aufwendigen Verkabelung aber nicht für verrückbare Stühle. Die Firma Moonich aus Sauerlach hat da mit ihren akkubetriebenen, transportablen Heizkissen namens Heatme offenbar eine Marktlücke entdeckt.

Heizkissen sind natürlich keine neue Erfindung. Man verbindet sie mit der Kaffeefahrt der Oma, die sich da so ein Ding hat aufschwatzen lassen. Doch die Heatme-Kissen von heute verfügen über ein smartes Innenleben, brauchen keine Steckdose in der Nähe und haben ein peppiges Design. "Wir legen nicht nur Wert auf die Technik, sondern auch auf die Gestaltung, auf schönes Ambiente", sagt der Geschäftsführer des Unternehmens, Lars Keussen. Die 40 mal 40 mal 4,5 Zentimeter großen Sitzkissen mit eingesetztem Akku gibt es in zwölf Farben von Gelb bis Pink, von Hellblau bis Dunkelgrau. Es wird auch Maßanfertigung angeboten. Ein individueller Druck kann in Sauerlach bestellt werden, egal ob Firmenlogo, Schriftzug oder QR-Code, ob mit Hirschmotiv oder Prinzessinnen-Print.

Das Unternehmen Moonich ist seit 15 Jahren im Geschäft mit Heizlösungen für den Outdoor-Bereich. Infrarot-Heizstrahler und Ethanol-Feuerstellen gehören zum Sortiment. Vor drei Jahren kamen dann die Akku-Heizkissen dazu. "Da stand plötzlich ein junger Mann aus den Niederlanden auf dem Weg in die Skiferien vor unserer Tür und hat uns sein Produkt vorgestellt", erinnert sich Keussen. Schnell war man sich einig, dass "die Idee gut war". Die Kooperation gibt es heute nicht mehr, Moonich hat die wärmenden Stuhlauflagen inzwischen selbst weiterentwickelt. Dort sieht man sich in der Branche der Heizkissen ein bisschen so wie Apple mit seinem iPod. "Es gab schon zahlreiche MP3-Player, doch Apple hat ihn optimiert", sagt Keussen. Zuständig ist bei Moonich dafür Bjørn Blisse, Industrie-Designer und Produktentwickler, der mittlerweile auch platzsparende Multiladestationen für bis zu 36 Kissen auf den Markt gebracht hat.

Vor zwei Jahren ist dann die katholische Kirchengemeinde aus Polling bei Weilheim auf die Sauerlacher Firma zugekommen. Sie stand nämlich vor dem Problem, dass es in ihrer denkmalgeschützten Heilig-Kreuz-Kirche keine Heizung gibt und eine solche auch nicht eingebaut werden sollte, weil ein verändertes Raumklima in der Klosterkirche aus dem 15. Jahrhundert wertvolle Gemälde und Statuen, den Stuck und die Orgel beschädigen könnte. Trotzdem hätten es die Kirchgänger während des Gottesdienstes in den Wintermonaten gerne etwas wärmer. Weil aber der Einbau einer fest installierten Sitzheizung kaum zu verwirklichende Umbauten bedeutet hätte, entschied sich der Kirchenvorstand für die kabellosen Heizkissen aus Sauerlach.

Die Heatme-Unterlagen werden inzwischen auch in der evangelischen St.-Martin-Kirche im südbrandenburgischen Gröden mit den Gesangsbüchern ausgeteilt. Dort waren hohe Stromkosten durch eine Nachtspeicherheizung der Grund für die Anschaffung. Mittlerweile freuen sich Keussen und sein 15-köpfiges Team über eine steigende Nachfrage von Kirchengemeinden. Polling bleibt aber weiterhin ein wichtiger Kunde für Moonich. "Von dort bekommen wir immer wieder Informationen, hier haben wir auch unser erstes Smart-Rack installiert, in dem man die Kissen nach Benutzung zum Laden einfach wieder einräumt wie ein Tablett bei McDonalds", erzählt der Geschäftsführer.

Auch werde in Polling getestet, welche Programmierung für die katholischen Messen optimal ist. Denn da unterscheidet sich die Anwendung nicht nur von der Gastronomie, sondern auch von evangelischen Gottesdiensten. Die Kissen lassen sich unterschiedlich einstellen, je nachdem, ob man eine dauerhafte Temperatur oder zunächst mehr Wärme benötigt, es kommt darauf an, wie oft man aufsteht und wie lange der Akku bis zur nächsten Ladung durchhalten muss. "Die Wärmeleistung der Heatme-Heizkissen wirkt gezielt auf die Kirchenbesucher, kann variabel eingestellt werden, also zuschaltbar, steuerbar und abschaltbar, und es sorgt in den tatsächlich genutzten Bereichen für eine körpernahe, angenehme und gleichmäßige Wärme", sagt Keussen.

Die Kissen werden mit einer Powerbank betrieben, die man entweder mit dem Produkt kauft oder durch eine eigene bestückt. "Man kann eine ganz normale nutzen, mit der man auch das Handy auflädt", sagt Produktentwickler Blisse. Außerdem verfügt das Sitzkissen über einen Tragehenkel mit Öse. Dadurch kann man es am Stuhl befestigen und vor Diebstahl schützen. Zudem hat es einen Sensor, der das Kissen anschaltet, sobald man sich setzt, und wieder ausschaltet, wenn man aufsteht. Die Heizzeit beträgt bei durchgängig hundertprozentiger Power bis zu drei Stunden. Den Bezug kann man abnehmen und bei 30 Grad waschen. Standardkissen gibt es ohne Akku ab 99 Euro, mit Akku ab 119 Euro. Für einen Aufdruck zahlt man zusätzlich zwischen neun und 19,90 Euro. Gefertigt werden die Kissen in Europa, besichtigen kann man sie in einem Showroom in der Kramergasse 32 in Sauerlach, nähere Informationen gibt es auch unter www.heatme.de oder www.moonich.de.

Die Menschen in Münchens Umland sind extrem kreativ. In der Serie "Hippes von hier" stellen wir Ihnen Beispiele für ausgefallene Geschäftsideen vor.

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