Süddeutsche Zeitung

Kunstverein Ottobrunn:Farbmächtige Zeitreisen

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Annegret Poschlep war einst Finanzbuchhalterin. Mit der Kunst hat sie sich von der Korrektheit befreit und erzählt mit ihren Werken moderne Märchen.

Von Franziska Gerlach, Ottobrunn

Ein gewisser Sog geht zweifelsohne aus von dem Schwarz, dem Grau und dem Weiß. Als feine Rinnsale und breite Ströme hat Annegret Poschlep die Farben virtuos ineinander fließen lassen. Und wer dieses Gemälde eine Weile lang betrachtet im Treffpunkt Kunst, der Galerie des Kunstvereins Ottobrunns, dem ergeht es womöglich wie den Leuten in der Kurzgeschichte, die die Autorin Petra Winter zu Poschleps Bildern geschrieben hat. Sie gelangen durch die Kunstwerke in eine andere Zeit. "Es ist ein modernes Märchen", sagt Poschlep. Eine Geschichte von gestern, heute und morgen - und außerdem der Text gewordene Unterbau von Poschleps in Ottobrunn gezeigten Bildern.

"Zeitreisen" lautet denn auch der Titel von Poschleps Ausstellung, die noch bis 30. Juli in Ottobrunn zu sehen ist. Und wer sich auf die Vorstellung einlässt, dass Kunst die Türen zu anderen Sphären zu öffnen vermag, der wird sich zwar nicht im Ottobrunn der Hippies oder in einer Zukunft wiederfinden, in der die Menschen sich von blauen Pillen ernähren und auf Skateboards durch den Landkreis schweben. Aber doch in einer völlig anderen Welt.

Zwar hat auch Erwin Poschlep, Ehemann der in München lebenden Künstlerin, einige seiner grafisch anmutenden Stadtsilhouetten zur Ausstellung beigesteuert. Ein Besuch in der kleinen Galerie an der Rathausstraße 5 ist in diesen Tagen aber vor allem eine Reise in die Welt von Annegret Poschlep, 77 Jahre alt, Mutter zweier Kinder und vierfache Großmutter. An der Siemensstraße in Ottobrunn betreibt sie seit 2007 außerdem die Malschule "Annrot". Rot ist Poschleps Lieblingsfarbe, auf die sie in ihren Bildern immer wieder zurückgreift. Rot verkörpere für sie Wärme, Leidenschaft und Lebendigkeit, erklärt sie. Im Übrigen arbeite sie auch gerne mit Schwarz. Verspüre keine Angst vor jener Farbe, die mit Trauer und Tod gleichgesetzt wird. Und um die andere lieber einen Bogen machen.

Poschlep hat das Malen an der Kunstakademie Bad Reichenhall gelernt

Nicht so Annegret Poschlep, die im Untergeschoss der Galerie gerade einige Arbeiten im Längsformat herzeigt. Als Kontraste hat sie Kreise und Linien in kräftigem Rot auf einen schwarzen Untergrund gesetzt, dann wiederum sind es Türkis und Blau, die erst das Schwarz so richtig zum Leuchten bringt. Poschlep ist eigentlich Finanzbuchhalterin, dann aber trat vor 30 Jahren die Kunst in ihr Leben. Und wie das eben so läuft: Irgendwie kamen Kunst und Künstlerin nicht mehr voneinander los. Poschlep besuchte Meisterkurse an der Kunstakademie Bad Reichenhall und vertiefte ihre Kenntnisse an der Freien Akademie in Augsburg. Geht nicht? Gibt es bei ihr nicht. Die Malerei könne man lernen, wie alles Andere auch. Das sei zu "einem guten Teil Arbeit", sagt sie. "Der Rest ist Fantasie und Freude am Spiel mit den Farben."

Und Poschlep zählt zu jener Sorte Quereinsteiger, die mit besonders viel Einfallsreichtum auffallen: Die Künstlerin ließ die Farben nämlich schon fließen, da ahnte hierzulande noch niemand, dass die Technik unter dem Namen "Pourring" einmal zum Trend werden sollte. Annegret Poschlep schüttet die Farben aus Eimern oder Kannen auf die Leinwand, verpustet sie mit dem Föhn, lässt sie aus einer Pipette tropfen oder setzt mit Einwegspritzen filigrane Akzente. "Je nachdem, wie viel Farbe es sein soll", sagt sie. Und je nachdem, wie viel Freiheit sie den Farben auf der Leinwand zugestehen möchte. Ob sie diese ungehindert laufen lässt, oder aber sachte lenkt und leitet.

Der Weg in die Kunst als Weg in die Freiheit

Überhaupt war Poschleps Weg in die Kunst auch ein Weg in die Freiheit. War sie in ihren Anfängen mit der Aquarellmalerei noch dem Gegenständlichen verbunden, stellte die Abstraktion für sie dann einen regelrechten Befreiungsschlag dar - nichts wie weg von der kleinteiligen Enge der Zahlen, die ihr der Job als Finanzbuchhalterin auferlegt hatte. Doch es sollte einige Zeit dauern, bis sie auch in der Malerei nicht mehr alles korrekt erledigen wollte. Bis sie endlich loslassen konnte.

Heute kann sie das, und wie: Rot und Pink, für gewöhnlich eher Widersacher, vereinen sich bei Poschlep auf einem Format von 1,60 auf 2,20 Metern zu einer wuchtigen Komposition. Da könnten die "Serres Separées" gegensätzlicher nicht sein: Inspiriert von einem Zeitungsfoto, hat sich Poschlep in einem Zusammenspiel aus Pastelltönen und Schwarz mit jenen Gewächshäusern auseinandergesetzt, die in Amsterdam während der Pandemie entlang der Grachten aufgestellt wurden - als kleine, private Restaurants. So sei das häufig: Sie lese etwas, oder sehe etwas, oder rieche etwas. Ganz allmählich formiert sich in ihrem Kopf daraufhin eine Idee, wie die Farben diesmal miteinander agieren könnten. Die Geburtsstunde eines neuen Bildes, quasi. Und manchmal ist es sogar eines, das den Betrachter durch die Zeit reisen lässt.

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