Süddeutsche Zeitung

Hohenbrunn:Die Realschule kann kommen

Lesezeit: 4 min

Mit der Änderung des Flächennutzungsplans rückt der Bau der Schule und des Wohngebietes Hohenbrunn West näher. Nur ein Gemeinderat warnt weiterhin vor gravierenden Folgen des Projekts.

Von Stefan Galler, Hohenbrunn

Die Entscheidung über das Wohngebiet "Hohenbrunn West" und den Standort der neuen Realschule war extra in die Turnhalle der Grundschule verlegt worden, damit auch ja alle Zuhörer Platz finden. Doch dann hielt sich die Resonanz in engen Grenzen. Letztlich waren Bürgermeister Stefan Straßmair (CSU) und die Gemeinderäte praktisch unter sich, als sie die Änderung des Flächennutzungsplans bei nur einer Gegenstimme beschlossen. "Jetzt können wir alles auf den Weg bringen", sagt Straßmair erleichtert.

Mehr als zwei Stunden wurden nach seiner Aussage alle Einwände von Privatpersonen, die im Rahmen der Bürgerbeteiligung im Mai und Juni geäußert worden waren, sowie die Stellungnahmen von angrenzenden Gemeinden, Behörden und Organisationen durchgearbeitet. Die umstrittensten Aspekte des Großprojekts kamen auch bei der Beteiligung der Öffentlichkeit immer wieder zur Sprache, etwa die Entfernung des Sportplatzes vom Hauptgebäude der Realschule, die angeblichen Altlasten, die unter der Erdoberfläche auf dem anvisierten Sportplatzgelände liegen, der Lärmschutz für die Schule und deren Außenanlagen sowie der zu erwartende Mehr-Verkehr auf den Zufahrtsstraßen.

So hatte ein Bürger - die schriftlichen Stellungnahmen wurden wie in solchen Prozessen üblich anonymisiert - die Vermutung geäußert, auf dem geplanten Sportplatzgelände müssten womöglich Bodenmassen entsorgt werden, und gleich noch die Rechnung aufgestellt, dass bei 100 Euro pro Kubikmeter Kosten bis zu einer Million Euro für den Aushub der obersten Ein-Meter-Schicht fällig werden könnten. Die Rathausverwaltung widersprach: Die Oberbodenuntersuchungen hätten gezeigt, dass keine Schadstoffe vorliegen. Eine Bodenentsorgung falle daher nur dort an, wo aus bautechnischen Gründen ausgehoben und diese Entnahmen entsorgt werden müssten. "Ich verlasse mich auf die Gutachten", sagt Bürgermeister Straßmair. "Wir haben zweimal verschiedene großräumige Proben auf dem ganzen Gebiet entnehmen lassen und das Ergebnis sagt eindeutig, dass für den Wirkungspfad Boden-Mensch keine Gefährdung durch schädliche Stoffe nachweisbar ist."

Was den Abstand des Sportplatzes von der Schule anbelangt, so gibt sich der Bürgermeister ebenfalls entspannt: "Der Fußmarsch dauert für die Schulkinder maximal zehn Minuten", sagt er, und der Platz werde nur für Fußball und Leichtathletik gebraucht. Auch der Zweckverband Staatliche weiterführende Schulen im Südosten des Landkreises München hat den Weg als "vertretbar" eingestuft.

Die Verkehrssituation in der Hohenbrunner Straße könnte problematisch werden - die Verwaltung sucht nach Lösungen

Eventuelle Lärmschutzmaßnahmen, die für die Schule und vor allem den Sportplatz wegen dessen Nähe zur A 99 zu erbringen seien, könne man jetzt noch nicht absehen, heißt es in den entsprechenden Stellungnahmen der Gemeindeverwaltung zu Bürgeranfragen. Diese Themen würden dann bei der Aufstellung des Bebauungsplanes abgehandelt.

Zahlreiche Nachfragen aus der Bevölkerung drehten sich um den zusätzlichen Verkehr, der durch die neuen Wohnungen und die Realschule zu erwarten ist. In einem Verkehrsgutachten heißt es, dass durch die Gebietsentwicklung etwa 1300 zusätzliche Kraftfahrzeuge in diesem Bereich täglich unterwegs sein dürften. Der größte Anteil der anvisierten 800 Schüler, nämlich etwas mehr als die Hälfte, wird laut der Analyse per S-Bahn kommen.

Dennoch befürchten Anwohner und auch der Bund Naturschutz insbesondere auf der Hohenbrunner Straße, die vom Ottobrunner Bahnhof kommend die Ortsteile Riemerling und Hohenbrunn Dorf verbindet, chaotische Verhältnisse. Schon jetzt ist das Passieren der durch viele parkende Autos verengten Straße zu Stoßzeiten eine Geduldsprobe, vor allem Radfahrer sind oftmals gefährlichen Situationen ausgesetzt. Auch aus der Nachbargemeinde Ottobrunn wurden Bedenken geäußert, man wies daraufhin, dass der Knotenpunkt Ottostraße und Hohenbrunner Straße durch Rückstau nicht überlastet werden dürfe.

In Hohenbrunn vertritt man den Standpunkt, für eine Kreuzung auf ortsfremdem Gebiet nicht verantwortlich zu sein. Sehr wohl wolle man sich der Verkehrsbelastung auf der Hohenbrunner Straße annehmen. "Wenn wir dort ein Halteverbot verfügen, müssen die Anwohner ihre Autos auf ihren Grundstücken parken, die Straße wird breiter und verleitet dazu, Tempo 30 zu ignorieren", sagt Straßmair. "Wenn wir dann dort blitzen, bekommen wir den Vorwurf der Wegelagerei - da drehen wir uns im Kreis." Zu prüfen wäre allerdings, streckenweise Halteverbote zu erlassen.

Nur Gemeinderat Schlick stimmt gegen die Pläne: "Das ganze Projekt passt für Hohenbrunn nicht"

Während die anderen Gemeinderäte mit den Stellungnahmen der Verwaltung zu den Einwänden und Nachfragen aus der Bürgerschaft einverstanden waren, lehnte einzig Andreas Schlick (Bürgerforum) die gesamte Änderung des Flächennutzungsplanes ab. "Das ganze Projekt passt für Hohenbrunn nicht", sagt er und führt für seine These mehrerlei Argumente ins Feld: Da sei zunächst einmal die Tatsache, dass das Wohngebiet nun nördlich der B 471 erschlossen werde und nicht südlich, wie es ganz explizit Gegenstand des Bürgerdialogs 2018 gewesen sei. Auch die Größe des neuen Wohngebiets ist nach Schlicks Meinung nicht verhältnismäßig, schließlich sei man einst von 300 neuen Anwohnern in Hohenbrunn-West ausgegangen, mittlerweile ist sogar schon von 575 die Rede, was einem Zuwachs von mehr als 6,5 Prozent der aktuellen Gesamtbevölkerung entspricht.

Auch dass die Doblinger Gruppe, der das Areal gehört, dort ausschließlich Mietwohnungen zulasse, entspreche in keiner Weise der von vielen Bürgern geforderten Ortsentwicklung. Damit seien sozialer Wohnungsbau, besondere Wohnformen wie Mehrgenerationenhäuser oder auch der Erwerb von Wohneigentum, etwa in Form von Einheimischen-Modellen, quasi ausgeschlossen. Und dann gebe auch noch den nicht zu unterschätzenden finanziellen Faktor: "Wir sind durch den Bau des Schwimmbades für 25 Millionen Euro schon hoch verschuldet. Der Betrieb des Bades ist vor dem Hintergrund der Energiekrise noch gar nicht kalkulierbar. Mit den Kosten durch Hohenbrunn West befinden wir uns dann endgültig in finanzieller Schieflage", sagt Schlick.

Denn dadurch komme der Grundstückerwerb für die Realschule für sieben Millionen Euro hinzu, die Beteiligung Hohenbrunns an den Baukosten für die Schule, der Umbau des Bahnhofs und womöglich ein Kreisverkehr an der Einmündung der Hohenbrunner Straße in die B 471. "Und das alles wird über Darlehen finanziert - bei mittlerweile steigenden Zinsen", sagt Schlick. "Wir überlassen den künftigen Generationen, die in Hohenbrunn politisch Verantwortung übernehmen werden, eine Mangelverwaltung."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5664986
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/wkr
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.