Süddeutsche Zeitung

Haar:Derblecken auf neutralem Boden

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Beim Starkbierfest im Kleinen Theater nimmt Redner Jürgen Kirner die Querelen im Haarer Rathaus aufs Korn.

Von Bernhard Lohr, Haar

Spätestens als Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) und CSU-Fraktionschef Dietrich Keymer nebeneinander stehen - noch etwas schüchtern, aber doch mit einem Lachen im Gesicht -, wird jedem klar, was die Kunst des Derbleckens bewirken kann. Zu dem Zeitpunkt hat Starkbierredner Jürgen Kirner schon so einiges rausgehauen. Derb manchmal und immer direkt aufs Opfer zielend, nahm der Frontmann der Couplet AG, der souverän seine 20-jährige Bühnenerfahrung ausspielte, die Haarer Politik auf die Hörner. Das Publikum im Kleinen Theater lachte beim ersten Starkbierfest an diesem Ort manchmal regelrecht befreit auf. Ja, man kann lachen über manche Kapriolen im Haarer Rathaus und auch darüber hinaus.

Das Lachen ist in den vergangenen Monaten und Jahren manchem in Haar vergangen, ob der ganzen Querelen, die SPD und CSU sich geliefert haben. Wenn auf Starkbierfesten in Haar die Politik zur Sprache kam, dann schimpfte der Bruder Jobst bei der SPD-Veranstaltung vornehmlich auf die Schwarzen, und wem Gerlinde Stießberger in ihrer Rolle als "Frau Gscheid", der Putzfrau im Haarer Rathaus, eins hinrieb, war auch immer schon im vorhinein klar. Das war im Kleinen Theater anders, wo der Bezirk Oberbayern als Hausherr und Veranstalter Matthias Riedel den neutralen Boden bereiteten für ein Starkbierfest, das am Ende mehr als 400 Gäste und auch die zahlreich anwesende Polit-Prominenz in dem Bewusstsein verließen, großartig unterhalten worden zu sein.

Das Haus gehörte früher zur Klinik, der Bezirk ist als Eigentümer einem klar sozialen Auftrag verpflichtet. Und so schien das Kleine Theater prädestiniert dafür zu sein, Randgruppen ein Podium zu bieten und sich Randthemen zuzuwenden. Ein ehrenwerter Ansatz, von dem sich das Haus unter dem neuen Leiter Riedel nicht abgewandt hat. Aber man hat sich geöffnet. Riedel sagte nach dem gelungenen ersten Starkbierfest an diesem Ort, es sei sein Ziel, das Haus zu beleben und auch auf die Wünsche des Publikums einzugehen. Er habe nicht gewusst, wie das mit dem Starkbierfest ankommen würde, sagte er und freute sich: Denn es kam an.

Dass das Populäre mit Kultur zusammengeht, macht gerade den Reiz eines Starkbierfests aus, wo gute Redner hinterfotzig, aufklärerisch, aber nicht plump und gemein daherreden. Die besondere Note bekam das Fest im Kleinen Theater durch das Nordlicht Riedel selbst, der das Publikum frech mit "Moin, Moin" begrüßte, und durch den Auftritt der laut juchzenden "Schwuhplattler-Gruppe". Auch die Pflege des bayerischen Brauchtums gehört zu den Aufgaben des Bezirks. In dieser Hinsicht waren die schwulen Plattler Profis und boten dabei noch eine Gaudi mit Hintersinn, für die es viel Applaus gab.

"Ha, Frau Müller?"

Starkbierredner Pater Jürgen schlug dann den Bogen von der Bundes- bis zur Kommunalpolitik. Außer Bezirkstagspräsident Josef Mederer, der das erste Fass anzapfte und mit seiner Stellvertreterin Friederike Steinberger und Bürgermeisterin Müller die erste Mass stemmte, waren all die zahlreich gekommen, ohne die ein Derblecken ins Leere läuft. Bundestagsabgeordneter Florian Hahn (CSU) hatte seinen Spaß, als Pater Jürgen in Richtung Erdoğan drohte, dass die Deutschen Millionen an Pauschalurlaubern in "Adiletten" losschicken könnten, die dann die Tui-Bomber verlassen, sollte er den Flüchtlingsdeal aufkündigen. Die Landtagsabgeordneten Ernst Weidenbusch (CSU) und Peter Paul Gantzer (SPD) waren da, die Haarer Lokalpolitiker sowie die Altbürgermeister Helmut Dworzak und Hans Wehrberger. Manch einem blieb auch das Lachen im Halse stecken, als Pater Jürgen Müllers fragte, ob Müllers "sagenhafte One-Woman-Show" wirklich sein müsse. Die CSU zeige ADHS-Symptome, die wolle auch mitmischen. Und Müller, die könne doch den Reichel Thomas, den Dritten Bürgermeister von der CSU, auch mal ranlassen. Es gebe doch genug Haarer über 90, die man als Bürgermeister zur Gratulation besuchen könne. "Ha, Frau Müller?"

Als dann noch Bianca Bachmann, Bernhard Gruber und Berni Filser die Bühne enterten und mit Jürgen Kirner dann die Couplet AG in der besten Tradition des Münchner Volkssängers freche Stücke aus ihrem Zyklus "Perlen für das Volk" anstimmte, war das Volk im Saal endgültig beseelt. Die Worte derb, der Witz feinsinnig: "Mei Oide sauft so vui wia i / daher die große Sympathie." Aus dem aktuellen Programm "Neues vom Valentin" sangen sie Couplets des großen Münchners. 115 Liedtexte sind von Karl Valentin überliefert, die Bernhard Gruber neu vertonte. Den Haarern wurden sie als Draufgabe serviert.

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SZ vom 03.04.2017/sab
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