Süddeutsche Zeitung

50 Jahre in der Kommunalpolitik:Sein Herz schlägt immer noch links

Nach 53 Jahren geht Ernst Portenlängers Zeit im Brunnthaler Gemeinderat zu Ende. Die SPD hat er schon 1999 verlassen, für die letzte Etappe tritt er auch aus der Fraktion aus. "Das ist sauberer", sagt er

Es ist das Jahr, als die Beatles nach München kommen und mit "Yesterday" die Teenager im Circus Krone in Ekstase versetzen. Das Bayernwerk präsentiert Pläne für ein Atomkraftwerk bei Landshut, die Arbeiten an der ersten U-Bahn-Linie in München kommen voran und Hans-Jochen Vogel wird als Münchner Oberbürgermeister im Amt bestätigt. In Brunnthal zieht bei denselben Kommunalwahlen am 13. März 1966 Ernst Portenlänger erstmals für die Sozialdemokraten in den Gemeinderat ein. Bis heute hat er dort Sitz und Stimme - doch neuerdings nicht mehr in der SPD-Fraktion.

Mit 53 Jahren im Amt und insgesamt neun Wahlperioden im Rathaus dürfte Portenlänger einer der am längsten amtierenden Stadt- und Gemeinderäte der Republik sein. Der 82-Jährige strahlt Vitalität aus, als er seinen Gast mit kräftigem Händedruck an der Tür seines Hauses in Otterloh begrüßt, das mit Ölgemälden und ausgewählten Möbeln im Landhausstil eingerichtet ist. Auffallend sind die blauen Augen, gerade ist der Blick und klar das Urteil des Mannes, der sagt: "Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mal gegen meine Überzeugung gestimmt hätte."

Portenlänger hat ungezählte Abende in Sitzungen verbracht und sich mit fünf Bürgermeistern auseinandergesetzt. Er war 18 Jahre lang Zweiter Bürgermeister, kandidierte 1990 ein Mal fürs Bürgermeisteramt und sitzt heute mit einigen am Ratstisch, deren Väter und Großväter er schon dort erlebt hat. Er ist ein Routinier, aber keiner, der eingefahrene Wege beschreitet. Als hätte es dafür eines Beweises bedurft, entschied er jetzt, die letzten Monate seines politischen Lebens fraktionslos im Gemeinderat zu Ende zu bringen. "Das ist sauberer", sagt er. Er habe seit längerem kaum noch mit seiner SPD-Kollegin gestimmt. Aus der Partei ist Portenlänger bereits 1999 ausgetreten - aus Protest gegen die Beteiligung Deutschlands an dem von der Nato geführten Jugoslawienkrieg. Wenn er es damals nicht getan hätte, sagt er, dann hundertprozentig bald darauf wegen der Hartz-IV-Gesetze: "Ich bin Pazifist und eher links eingestellt."

Der Name Portenlänger hat einen Klang am Ort. Der Weiler nahe Otterloh, aus dem die Familie stammt, wurde erstmals um das Jahr 1300 in einer Tegernseer Urkunde erwähnt. Ernst Portenlänger wuchs in einem Bauernhof an der Hauptstraße in Otterloh auf, in den der Großvater eingeheiratet hatte, und er erlebte als Bub das Ende des Zweiten Weltkriegs mit Fliegerangriffen auf den Behelfsflughafen Brunnthal, wo die Nazis Militärmaschinen im Wald versteckt hatten. Als eine Flak eine alliierte viermotorige Maschine abschoss und diese bei Lanzenhaar in den Wald stürzte, liefen die Kinder hin und sahen die Toten. Der Krieg prägte den Buben, der bei jeder Gelegenheit daheim in der Bauernstube zum Buch griff und Wissen aufsog.

Es war ein offenes, "gastfreundliches" Zuhause, erinnert sich der 82-Jährige, wo der Postbote wie selbstverständlich am Mittagstisch dabeisaß und wo auch ein ortsbekannter Kommunist einkehrte und viel erzählte, wenn er auf dem Weg von Brunnthal zum Arzt nach Sauerlach Pause machte. Portenlänger gefiel der Mann, der für seine Überzeugung einstand. Er habe in den Fünfzigerjahren von Demonstrationen in München berichtet, in denen es gegen eine Aufweichung des Ladenschlusses heftig zur Sache ging. Ein Mal habe er mit einem Stein eine Kaufhausscheibe eingeworfen, erinnert sich Portenlänger. Dafür musste er sogar ins Gefängnis. Eine Reise in die Sowjetunion, die Portenlänger mit einer Studentengruppe Ende der Fünfzigerjahre unternahm, bestärkte ihn in seiner Haltung. Beruflich stieg er bei einem Reifenhersteller in München auf. Am Ende war er Kaufmännischer Geschäftsführer und musste - eine bittere Erfahrung - bei der Übernahme des Unternehmens Mitarbeiter entlassen.

Obschon bekennender Linker, der Karl Marx gelesen hat, war Portenlänger nie Ideologe. Er beurteilte sein Gegenüber im persönlichen Umgang mit Nachsicht und hielt Widersprüche aus. Als zeitweise ein NPD-Vertreter im Brunnthaler Gemeinderat saß, sei dieser nicht groß angeeckt, erinnert er sich. Er erzählt aber auch, wie er mithalf zu verhindern, dass jemand, der mit Antisemitismus kokettierte, in der Gemeinde aufstieg. Im Gemeinderat beobachtete der junge Portenlänger kritisch, was sich auf dem Gelände von Messerschmitt-Bölkow-Blohm tat, das teilweise auf Brunnthaler Flur lag. Bauanträge habe die SPD daraufhin abgeklopft, ob dort Rüstungsgüter produziert werden sollten.

Auch wenn die SPD regelmäßig überstimmt wurde, hatte Portenlänger damals das Gefühl, etwas bewirken zu können. Es ging 1966 bald um die Schule und etwa um Elternwünsche, einen ersten Kindergarten in Brunnthal zu errichten - was Portenlänger, anders als der Bürgermeister damals, als Sache der Gemeinde verstand. "Wenn wir auf die Kirche warten, warten wir ewig", das sei seine Haltung gewesen. Pfarrer Franz Georg Schubert öffnete dann tatsächlich einen Kindergarten. "Da habe ich mich entschuldigt", sagt Portenlänger.

Zur Entfremdung mit SPD-Kollegin Anouchka Andres kam es in der Diskussion über das strittige Großprojekt Ortsmitte und den Gasthof Lutterschmid. Wenn der Bau mehrheitlich beschlossen sei, sagt Portenlänger, müsse man irgendwann konstruktiv weitermachen.

Für die Auseinandersetzungen heute, die auch ins Persönliche gehen, hat Portenlänger kein Verständnis. Früher sei man nach den Sitzungen beim Wirt gegenüber dem Rathaus zusammengesessen. Die Gemeinderäte steckten sich dann Zigaretten an, einer war Pfeifenraucher. Wenn einer auch nur einen halbrunden Geburtstag gehabt hatte, habe er groß aufgetischt. "Persönliche Feindschaften hat es nicht gegeben," sagt Portenlänger. Am Biertisch hätten alle zusammengefunden.

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SZ vom 06.04.2019
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