Süddeutsche Zeitung

Hilfe für Wohnungslose:Biss holt seine Verkäufer von der Straße

  • Die Stiftung Biss hat fünf Wohnungen angemietet. In zwei davon leben nun festangestellte Verkäufer der Straßenzeitung.
  • Ziel ist es, in zehn Jahren 20 Wohnungen zur Verfügung stellen zu können.
  • Für manche Biss-Verkäufer ist dies der erste feste Wohnsitz.

Von Anna Hoben

Vor fünf Monaten hat sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine eigene Wohnung bezogen. Sanda Boca, 39, ist in einem Kinderheim in Rumänien aufgewachsen, danach hat sie zwanzig Jahre auf der Straße gelebt.

Sie sitzt auf einem Stuhl in einer Ecke ihrer Wohnung in Berg am Laim und zündet sich eine Zigarette an. Auf dem Tisch steht ein Fernsehgerät, es laufen rumänische Nachrichten. Gegenüber ein Sessel, daneben das aufgeklappte Schlafsofa. Auf dem Boden am Fußende ist Platz für ihre Hündin Luca, aber meistens, erzählt Boca, hüpft sie aufs Bett.

Am anderen Ende des Zimmers ist die Küchenzeile: Herd, Spüle, Schränke - und eine Waschmaschine. In eine Wohnung ohne Waschmaschine, sagt Sanda Boca, hätte sie nicht einziehen wollen, da wäre sie lieber auf der Straße geblieben. Sauberkeit hat sie immer schon geliebt, als Kind wusch sie sich mit kaltem Wasser so lange die Hände, bis sie ganz rot waren. Eine gemeinsame Waschmaschine im Keller war ihr nicht genug. Sie wollte eine eigene. Das Gerät ist für sie der ultimative Ausdruck von Würde, fast mehr noch als ein eigenes Bett oder ein eigenes Bad.

Sanda Boca kam vor zwei Jahrzehnten zum ersten Mal nach München. Sie sammelte Pfandflaschen, arbeitete schwarz als Autolackiererin und schlief unter Brücken. Rumänien gehörte damals noch nicht zur EU, sie wurde abgeschoben. Später versuchte sie es ein zweites Mal, in Österreich zunächst, wo sie sieben Jahre lebte. Aber in Österreich gibt es kein Pfandsystem. Also verkaufte sie die Tiroler Straßenzeitung 20er.

Sie hatte Regeln: nicht betteln, nicht stehlen. Und kein Alkohol, "in meinem ganzen Leben habe ich keinen Alkohol getrunken", sagt sie. Vor ein paar Jahren kam sie erneut nach München. Sie stellte sich beim Jobcenter vor, sie brauche dringend Arbeit, sagte sie, könne aber nicht lesen und schreiben. Die Mitarbeiter gaben ihr die Adresse der Straßenzeitung Biss (Bürger in sozialen Schwierigkeiten), dort solle sie sich melden, sagten sie.

Seitdem steht Sanda Boca vor der Kunsthalle an der Theatinerstraße. Das ist ihr Arbeitsplatz. Drei Hosen zieht sie zurzeit an, bevor sie morgens aus dem Haus geht. Oft arbeitet sie zehn Stunden, von zehn Uhr vormittags bis acht Uhr abends. 2,20 Euro kostet ein Heft, die Hälfte davon bekommt sie, der Verein Biss zahlt ein Grundgehalt. So kommt Boca auf 1200 Euro netto im Monat. Ihre Wohnung kostet 490 Euro, plus 50 Euro Strom. Sie spart, um zweimal im Jahr nach Rumänien fahren zu können, einmal im Sommer, einmal zu Weihnachten. Ihr 15-jähriger Sohn lebt dort.

Jeden Tag danke sie Gott, sagt Sanda Boca, für ihre Arbeit, für ihre Wohnung. Man könne sich nicht vorstellen, wie glücklich sie sei. Boca zählt auf: keine Polizei, keine Sicherheitsleute, die sie von ihrem Schlafplatz vertreiben. Sich selbst etwas zu essen machen, duschen. Wärme spüren, morgens beim Aufwachen, und abends, wenn sie nach einem langen Arbeitstag durchgefroren nach Hause kommt. Dinge, die für die meisten so selbstverständlich sind wie Atmen; für Sanda Boca nicht.

Zu verdanken hat sie das der Stiftung Biss. 9000 Menschen sind in München ohne eigene Wohnung, mindestens 550 leben auf der Straße. Unter ihnen viele Armutsmigranten, die etwa aus Bulgarien und Rumänien nach Deutschland kommen. Auf dem Münchner Wohnungsmarkt haben sie keine Chance. "Es geht aber nicht, dass unsere Verkäufer auf Dauer auf dem Campingplatz schlafen", sagt der Sozialpädagoge und Biss-Vertriebsleiter Johannes Denninger.

Sie lernen wieder, selbst Entscheidungen zu treffen

Deshalb hat die Stiftung die Sache selbst in die Hand genommen und in den vergangenen Jahren fünf Wohnungen gekauft. In zwei davon wohnen nun festangestellte Biss-Verkäufer. Und die Stiftung würde gern weitere Apartments kaufen. "Unser Ziel ist, in zehn Jahren 20 Wohnungen zu haben", sagt Denninger.

Die Wohnungen sollen den Verkäufern den Übergang von der Obdachlosigkeit oder von prekären Wohnverhältnissen hin zur eigenen Mietwohnung erleichtern; die Verträge sind zunächst auf ein Jahr befristet. Sozialpädagogen und ehrenamtliche Helfer betreuen die Bewohner, es gibt eine Art Wohntraining, das Strategien zur Alltagsbewältigung vermitteln soll - vom Benutzen der Haushaltsgeräte über Putzen und Vorratshaltung bis hin zur Anmeldung bei Behörden und Kontoführung.

Ein Wohnblock in Solln, auf dem Klingelschild steht "Biss". Es ist eine gewöhnliche Wohnung hier im zweiten Stock, drei Zimmer, Küche, Bad - aber eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft. 182 Jahre alt sind die drei Herren zusammen: Gerald-Constantin Pancescu, 42, Cuza Dragomir, 60, und der 80-jährige Igor Vlad. Nach dem Tod seiner Frau zog er vor ein paar Jahren von Russland nach Deutschland. Ein paar Wochen lebte er auf der Straße, dann kaufte er sich ein Auto und schlief darin.

Über die Obdachlosenhilfe von Sankt Bonifaz erfuhr er von Biss, seit 2016 ist er Verkäufer. Sein Mitbewohner Cuza Dragomir kam 2015 aus Rumänien nach Deutschland, als Automechaniker hätte er gern gearbeitet, "aber die suchen junge Männer", keinen Sechzigjährigen. Schließlich Gerald-Constantin Pancescu. Er hat in Rumänien eine Ausbildung absolviert, er kann tapezieren und Stühle polstern, er ist ein guter Handwerker. Aber im Jobcenter lautet die erste Frage: Sprechen Sie Deutsch? Da kann Pancescu nur den Kopf schütteln.

Die Stiftung Biss hat die Wohnung komplett ausgestattet, mit einer Einbauküche, einem Kühlschrank, einer Waschmaschine, mit Möbeln. 390 Euro Miete bezahlt jeder. Der erste, der die Wohnung morgens verlässt, ist Dragomir: 6.30 Uhr. Um sieben gehen die beiden anderen. Abends ist es oft Dragomir, der für alle kocht.

Es sei verblüffend, welche Veränderungen sich nach kurzer Zeit zeigten, sagt Johannes Denninger von Biss - einfach weil jemand in einem Bett schlafe, ein Bad habe und einen geregelten Tagesablauf. Man erkenne nicht mehr gleich am Geruch, dass jemand arm ist. Die Kleidung werde heller, gepflegter. Die Menschen fingen wieder an, Essen zu kochen und Freude daran zu haben. Sie merkten, dass sie Lebensmittel kaufen und lagern können, ohne sechs Euro für ein 24-Stunden-Schließfach am Bahnhof auszugeben. Sie lernten wieder, selbst Entscheidungen zu treffen.

Als Igor Vlad, der 80-Jährige, nach Deutschland kam, schlief er monatelang in seinem Auto, krank, mit Gallensteinen. Während seiner Zeit auf der Straße musste er mehrmals im Krankenhaus behandelt und operiert werden. Heute ist Vlad ein heiterer alter Mann, der oft lacht und am Esszimmertisch in der WG in einem Mischmasch aus Russisch, Rumänisch und Deutsch von seinem Leben erzählt.

Er hat schon viel zu lange geplaudert. Zeit, zur Arbeit zu gehen. Vlad zieht seinen Lodenmantel an, setzt sich eine Mütze auf und nimmt das Wägelchen mit den Zeitschriften. Draußen steigt er in den Bus und fährt 18 Haltestellen. Am Heimeranplatz wechselt er in die U-Bahn und fährt zum Ostbahnhof. Er holt seinen Hocker, der an einem Fahrradständer angekettet ist, nimmt wieder die Rolltreppe abwärts und bereitet im Untergeschoss seinen Arbeitsplatz vor. Heftet den Verkäuferausweis ans Wägelchen, drapiert die Zeitschriften. Er winkt der Verkäuferin im Backshop gegenüber zu. Er lächelt. Kann losgehen.

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Quelle:
SZ vom 27.02.2018/tpa
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