Süddeutsche Zeitung

Haidhausen:Protest gegen zweite Stammstrecke: Zu viele Emotionen im Spiel

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Der Protest der Haidhauser gegen den S-Bahn-Tunnel ist in seiner Vehemenz nicht gerechtfertigt. Ernst nehmen sollte man ihn trotzdem - weil es um viel geht.

Kommentar von Christian Krügel

Die Haidhauser könnten froh sein über die Tunnelbaustelle, die sich bald durch ihr Viertel wühlt. Vor lauter Dreck werden die einen bei ihren Hausbesitzern eine Mietminderung durchsetzen, andere wegziehen. Und so dürften die Mieten zwischen Wiener Platz und Orleansstraße erstmals wieder sinken - na endlich!

Gut, das ist jetzt zynisch und gemein gegenüber den Haidhausern, die sich ernsthafte Sorgen um ihr Viertel machen, wenn dort der S-Bahn-Tunnel gegraben wird. Aber bei all der Aufregung muss man schon noch mal zusammenfassen, worum es geht: um drei offene Baugruben, um unangenehmes Rütteln im Untergrund, um staubige und laute Lastwagen, die durch Haidhausen fahren werden.

Lärm, Dreck, Bauarbeiten - so was soll schon mal vorkommen in einer Millionenstadt. Noch dazu wenn diese enorm wächst. Und wenn sie versucht, mit einer Milliardeninvestition ihre dramatischen Verkehrsprobleme wenigstens etwas in den Griff zu bekommen. So umstritten die zweite Stammstrecke auch sein mag: Sie wird zumindest helfen, das alltägliche Leid der mehr als 800 000 S-Bahn-Fahrgäste zu lindern.

Und vielleicht dazu führen, dass ein paar Tausend Menschen das Auto lieber stehen lassen. Die Haidhauser treibt das offenbar nicht um. Sie haben ja U- und Straßenbahn vor der Tür, können vieles zu Fuß, das Meiste mit dem Rad erledigen und dürfen ein reines ökologisches Gewissen haben. Der tägliche Irrsinn auf Autobahn- und Mittlerem Ring geht sie nichts an.

Ernst nehmen muss man ihre Sorgen dennoch. Und der Eklat vom Mittwoch zeigt, dass Bahn, Freistaat und Stadt unterschätzt haben, wie hoch die Emotionen kochen. Denen muss man nicht nachgeben, aber reden muss man mit den Leuten. Verkehrsminister Joachim Herrmann wollte das immerhin tun. Es steht Oberbürgermeister Dieter Reiter gut an, sich bei der nächsten Versammlung an dessen Seite zu stellen. Es geht um mehr als um ein Viertel, es geht um die ganze Stadt.

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Quelle:
SZ vom 24.02.2017
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