Süddeutsche Zeitung

Graphic Novel:Irrfahrten durchs Leben

Der Comic-Zeichner Uli Oesterle setzt im ersten Band seiner Reihe "Vatermilch" dem eigenen Vater ein genauso eindringliches wie bunt-schillerndes Denkmal - und erzählt auch einiges über München in den Siebzigerjahren.

Von Jürgen Moises

Champagnerdusche mit Fotomodellen, Belugahäppchen und russische Eier. Das waren seine liebgewonnenen Gewohnheiten, als Rufus Himmelstoss noch mit Jackett, Schlaghosen und Sonnenbrille in einem Jaguar als Dienstwagen durch Olching, Puchheim oder Gräfelfing fuhr, um dort Gelenkarmmarkisen, Stores und Jalousien an den Mann zu bringen. Oder eher: an die von Langeweile zermürbte Hausfrau. Und nun? Lebt der Ex-Markisenhändler im eisigen Winter 1975 in München auf der Straße und ist auf Almosen angewiesen, nachdem er seinen Job verloren und seine Frau ihn rausgeschmissen hat. Und nachdem er betrunken einen Unfall verursacht hat, bei dem eine Mutter und deren zwei Kinder umkamen.

Rufus Himmelstoss ist also auf Fahrerflucht. Etwas, das Peter Oesterle nicht war. Zumindest soweit Uli Oesterle das weiß. Und auch sonst gibt es so einige Erfindungen in "Die Irrfahrt des Rufus Himmelstoss", dem ersten Band von "Vatermilch". Einer auf vier Teile angelegten Graphic Novel des unter anderem für seine "Hector Umbra"-Reihe bekannten Münchner Comic-Zeichners. Aber: Oesterles Vater war ebenfalls Markisenhändler. Und es gibt ein Foto, auf dem dieser einen Dreiteiler, enges Jackett, Schlaghose und sogar die gelb getönte Sonnenbrille trägt. Ansonsten weiß Oesterle nur wenig über ihn. Denn 1975 ist sein Vater für 35 Jahre fast komplett aus seinem Leben verschwunden. Er hat viele Jahre auf der Straße gelebt und ist 2010 in Karlsruhe verstorben.

Mit der teils fiktiven, teils autobiografischen "Irrfahrt", die parallel die Geschichte von Rufus Himmelstoss' Sohn Victor erzählt, setzt Uli Oesterle seinem Vater ein genauso eindringliches wie bunt-schillerndes Denkmal. Eines, das durch Ideenreichtum, Humor und einen elegant-lockeren Zeichenstil besticht. Man darf gespannt sein, wie sich die Geschichte 2021 im zweiten Teil weiterentwickeln wird.

Uli Oesterle: Vatermilch. Buch 1: Die Irrfahrt des Rufus Himmelstoss, 128 Seiten, Carlsen Verlag, Hamburg 2020, 20 Euro

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Quelle:
SZ vom 10.12.2020
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