Süddeutsche Zeitung

Ein Blick in die Archive: SZ-Serie:Zutritt verweigert

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Der Vatikan und Gröbenzell unterschieden sich in einem wichtigen Punkt: der Kirchenstaat bemüht sich zumindest um Transparenz.

Von Gerhard Eisenkolb

Was unterscheidet das Archiv des Vatikans von dem der Gemeinde Gröbenzell? Während Papst Franziskus das ehemalige päpstliche Geheimarchiv mit einem der weltweit größten und wichtigsten Bestände im Oktober 2019 für nicht mehr geheim erklärte, ziert sich die Gemeinde Gröbenzell neuerdings in Archiv-Angelegenheiten. Zumindest dann, wenn es darum geht, dem Verfasser dieser Zeilen einen Einblick in ihr höchstwahrscheinlich überschaubares Archiv zu gewähren. Ja, es ist momentan nicht mal möglich, ein Pressefoto von den Kartons mit Archivalien zu machen, die im Keller des neuen Rathauses eingelagert sind, noch kann ein Termin mit demjenigen vermittelt werden, der das Archiv betreut und als hilfsbereit und kompetent gilt.

Die Botschaft des Papstes ist klar. Sie lautet, wir haben nichts zu verbergen. Nicht so einfach zu entschlüsseln ist die Geheimbotschaft der Gemeinde. Man könnte der Versuchung erliegen zu meinen, deren Verschlossenheit stehe in der Tradition der Mösler, der weitgehend unerforschten Urbewohner von Gröbenzell. Diesem Menschenschlag werden eigenbrödlerische, ja anarchistische Züge nachgesagt. Was wäre, wenn sich Überreste der Urgröbenzeller als Moosgeist im Gemeindearchiv einnisteten und von dort aus im Rathaus ihr Unwesen trieben? Das wäre die Erklärung für so manche Ungereimtheit, soll aber geheim bleiben, um die Jubiläumsfeiern zur Erhebung zur selbstständigen Gemeinde 1952 nicht zu stören.

Es ist verflixt. Spricht man ehemalige Rathausmitarbeiter auf das Archiv an, ist Widersprüchliches zu hören. Die Bandbreite der vertraulichen Informationen reicht von "Es gibt kein ordentlich geführtes Gemeindearchiv" bis zu großem Lob. Man hat die Qual der Wahl und könnte sich aussuchen, was stimmt. Aber das wäre zu einfach.

Zum Glück können Rathauschefs und deren Mitarbeiter fast immer Unerklärliches irgendwie begründen. "Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass eine Ortsbesichtigung unseres Archivs zu Recherchezwecken derzeit nicht möglich ist." So die Antwort auf eine entsprechende Presseanfrage. Die Begründung lautet, das Archiv sei als letzter Teil des Umzugs ins neue Rathaus erst kürzlich in absperrbare Kellerbereiche verlagert worden. Dort verbringe der Archivar die kommenden Monate damit, den Bestand zu installieren und passend zu sortieren.

Der zu ordnende Bestand reicht über die Zeit seit der Gemeindegründung hinaus. Wie im Kurzarchivführer für den Landkreis dokumentiert ist, vermachten die Muttergemeinden Gröbenzell jeweils Unterlagen zu dem Teil des Orts, für den sie bis zum 1. August 1952 zuständig waren. Noch ungeklärt ist, ob Heimatforscher dem Moosgeist nachspüren werden und die Ortsgeschichte umschreiben. Angesichts dieser Herausforderung klingt es beruhigend, dass wenigstens die Funktion des Gemeindearchivs weiter gewährleistet ist. Auch das vermeldet das Rathaus. Offen bleibt nur eine Frage: Warum will man nicht erkennen, dass ein Archiv im Werden interessanter sein kann als eines, das seit Jahrzehnten im Dornröschenschlaf verstaubt?

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