Süddeutsche Zeitung

Freisinger VHS-Leiter ist entsetzt:"In zwei Monaten bin ich blank"

Oliver Dorn versteht nicht, warum die Volkshochschule geschlossen bleiben muss. Auch für die Lehrkräfte ist die Situation kritisch.

Freisings Volkshochschulleiter Oliver Dorn ist einfach nur "entsetzt", wie er das formuliert. Das Kabinett hatte am Dienstag die Infektionsschutzmaßnahmenverordnung in Bayern bis zum 29. Mai verlängert und dazu gehört das Verbot von Präsenzveranstaltungen, betroffen sind also auch die Kurse der Volkshochschule. Nach zwei Monaten ohne Einnahmen durch Teilnehmerbeiträge hat Dorn darum jetzt einen Kassensturz gemacht und der sieht wie folgt aus: "Ich habe einen monatlichen Kostenaufwand von 45 000 Euro, allein 6000 Euro sind fixe Sachkosten, davon kann ich durch den monatlichen Barzuschuss der Stadt rund 18 600 Euro abdecken. Ich habe weiter gerechnet und bin zu dem Ergebnis gekommen, wenn ich so weiter mache, bin ich in zwei Monaten blank".

Was Dorn laut eigenen Aussagen nicht verstehen kann, ist die Tatsache, dass die Volkshochschule überhaupt hatte schließen müssen. "Beim Aldi können sie doch auch alle einkaufen gehen", sagt er. Die Freisinger VHS sei ein großes Gebäude mit mehreren Ein- und Ausgängen, alle Hygienestandards könnten problemlos eingehalten und auch noch optimiert werden, notwendige Abstände könnten eingehalten werden, es gebe also keinen Grund dafür, den Betrieb einzustellen.

Vor allem für selbstständige Lehrer ist die Lage kritisch

Als Konsequenz aus der misslichen Lage schickt VHS-Leiter Oliver Dorn von Juni an alle 14 festangestellten Mitarbeiter, einschließlich seiner eigenen Person, in Kurzarbeit. Es werde Online-Angebote geben und zumindest er als einzige Vollzeitkraft werde auch einmal in der Woche im VHS-Gebäude präsent sein. So wolle er versuchen, wie er sagt, die Volkshochschule als Verein zu retten und auch die Arbeitsplätze die damit verbunden sind. Freisings Oberbürgermeister sei darüber informiert und dieser habe ihm auch zugesichert, dass er sich dafür einsetzen werde, dass die Unterstützung der Stadt für den Verein Volkshochschule bestehen bleiben könne. Dafür sei er der Stadt Freising sehr dankbar und da kämen auch "keine komischen Fragen".

Was ihm aber "unendlich in der Seele brennt", sei, was man in der jetzigen Situation mit den Semi-Selbständigen, also den Honorarkräften, mache. "Die bekommen nämlich nothing, die bekommen noch nicht mal Arbeitslosengeld. Sie dürfen nichts machen und bekommen nichts. Und davon gibt es in Bayern allein im Bereich der Erwachsenenbildung 10 000." Der finanzielle Schaden, den allein die Volkshochschulen in Bayern in dieser Krise erleiden würden, sei enorm und gehe in die Millionen. "Und wer soll das übernehmen, die Kommunen, die sind doch selber betroffen?" Eine Politik, die zu solchen Folgen führe, halte er für "unverhältnismäßig", kritisiert Dorn. Bei den Volkshochschulen jetzt nur noch auf Online-Angebote zu setzen, sei nicht die Lösung. "Ich biete im Semester 800 bis 900 Kurse an. Ein Zehntel davon kann ich vielleicht online anbieten, von 80 Veranstaltungen können wir aber nicht leben", erzählt Dorn. Lernen finde überdies nicht nur am Computer statt.

Dorn befürchtet langfristige Folgen

Selbst wenn die VHS wieder öffnen dürfe, was sie sofort könne, "brauchen wir in der Phase zwei ein Jahr, um uns wieder zu fangen". Und um die alten Teilnehmer und Belegungszahlen zu erreichen, dauere es wohl noch mal zwei bis drei Jahre. All das habe er schriftlich auch den Landtagsabgeordneten Benno Zierer (Freie Wähler) und Johannes Becher (Grüne) sowie Florian Herrmann (CSU) mitgeteilt. Oliver Dorn befürchtet laut eigenen Aussagen, dass die gewachsenen Strukturen der Volkshochschulen, die erst im vergangenen Jahr ihr 100-jähriges Bestehen hatten feiern können, durch diese Krise zerstört werden. Dennoch werde er alles dafür tun, damit Freisings VHS wieder dahin komme, wo sie einmal gewesen sei. "Wenn ich darf, im Moment wird mir das verboten, das ist doch mittelalterlich". Überdies sei er der Meinung, dass es selbst dem Ministerpräsidenten nicht zustehe, die Bevölkerung einem Charaktertest zu unterziehen.

"Er ist nicht unser Dienstherr und er ist auch nicht unser Vater". Die Folgen dieser Politik seien noch nicht absehbar. "Aber sie werden gesellschaftlich massiv sein und das langfristig", glaubt Dorn.

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Quelle:
SZ vom 14.05.2020/nta
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