Süddeutsche Zeitung

Kirche in der Corona-Krise:Neue Formen des Glaubens suchen

Die Pandemie stellt die Mitarbeiter der Kirchen und die Gläubigen vor eine Herausforderung. Achim Est ist Pastoralreferent in St. Lantpert. Er berichtet, wie Seelsorge in diesen schwierigen Zeiten funktionieren kann, und warum die Outdoor-Messe auch im Winter eine Lösung wäre.

Von Johann Kirchberger, Freising

Natürlich machten manche Regeln in der Coronazeit der Kirche das Leben schwer, sagt der Lerchenfelder Pastoralreferent Achim Est. Wenn man sich nicht mehr wie früher treffen könne, gehe manches an Beziehung verloren. "Gott sei Dank können wir mittlerweile wieder Gottesdienste miteinander feiern. Und um diese Möglichkeit zu erhalten und die Gläubigen zu schützen, sind manche Regeln einfach notwendig.", sagt er. Die SZ hat Achim Est befragt, wie das kirchliche Leben in diesen Zeiten so funktioniert.

Corona erfordert auch in den Kirchen ein Hygienekonzept. Wie sieht das für St. Lantpert aus?

Achim Est: Auf allen Laufwegen muss eine Maske getragen werden, in den Sitzbänken kann sie abgenommen werden. Die Abstandsregelung von 1,50 Meter muss eingehalten werden. Paare und Familien können zusammensitzen. Jede zweite Reihe halten wir frei, damit der Abstand nach vorne und hinten stimmt. Die Weihwasserbecken sind leer und das Händereichen zum Friedensgruß wird durch ein freundliches Zunicken ersetzt.

Gibt es schon wieder Chorgesang?

Sänger und Musiker treten nur in kleiner Besetzung auf, es müssen ja Abstände eingehalten werden. Wenn Gottesdienstbesucher mitsingen wollen, müssen sie die Maske aufsetzen - wegen der Gefahr durch die freigesetzten Aerosole. Wir wollen ja niemanden gefährden.

Wer prüft das alles?

Die Gläubigen achten aufeinander und sind sehr diszipliniert. Da gibt es wenig Probleme. Dankenswerterweise haben sich einige Kirchenbesucher als ehrenamtliche Ordnerinnen und Ordner zur Verfügung gestellt.

Wie wird die Kommunion verteilt?

Alle Gottesdienstbesucher treten aus den Sitzreihen heraus und gehen nach vorne an einen Tisch, hinter dem der Kommunionausteiler steht. Dort empfangen sie die Hostie und gehen dann auf der anderen Seite zurück. Das klappt in der Regel ganz gut.

Welche Beschränkungen gelten aktuell für Beerdigungen, Trauungen oder Taufen?

Bei den Beerdigungen auf dem Friedhof gibt es nur noch wenige Beschränkungen. Da können im Freien bis zu 200 Personen teilnehmen, und das erreichen wir fast nie. Meist trifft man sich zu einem Wortgottesdienst in der Aussegnungshalle oder am Grab. Statt den Sarg mit Weihwasser zu besprengen oder Erde in das Grab zu werfen, bringen die Angehörigen beispielsweise einzelne Blumen mit, um sich von ihrem Verstorbenen zu verabschieden. Von den Trauungen wurden viele verschoben. Bei den Taufen ist das anders. Sie finden statt, und oft nimmt eher ein engerer Kreis von Angehörigen und Freunden teil.

Konnte 2020 überhaupt Erstkommunion oder Firmung gefeiert werden?

Ja, aber aus den bisher üblichen zwei Erstkommunionfeiern wurden in unserer Pfarrei beispielsweise vier, damit möglichst die ganze Familie mit den Großeltern teilnehmen kann. Die Firmung steht noch aus, aber auch da haben wir drei Termine angesetzt, um vielen aus der Familie die Teilnahme zu ermöglichen. Die Spendung der Firmung wurde von unserem Erzbischof an örtliche Pfarrer oder weitere Priester delegiert. Bei uns in St. Lantpert ist Pater Christian Stumpf der Firmspender. Die Firmvorbereitung war natürlich eine Herausforderung. Es mussten neue Formen entwickelt werden, der Kontakt mit den Firmlingen lief vielfach über das Internet.

Wie sieht es mit dem geistlichen Beistand im Krankenhaus und Altenheim aus?

Die Seelsorge im Krankenhaus wird in Freising über drei Krankenhausseelsorger gewährleistet. Im Altenheim war lange Zeit kein Kontakt möglich. Da versuchen wir jetzt langsam wieder zu starten, müssen aber erst schauen, was möglich ist. Unsere beliebten Seniorennachmittage können momentan zwar nicht stattfinden, aber den Senioren des Treffs wird regelmäßig ein Brief gebracht, um die Verbindung aufrecht zu erhalten.

Wie viele Gläubige dürfen in die Kirche?

Bei uns sind das zur Zeit 63 Einzelpersonen. Diese Zahl kann sich bis auf 90 erhöhen, da Paare und Familien zusammensitzen können.

Mussten Sie schon Leute abweisen?

Leider ja. Deshalb übertragen wir seit drei Wochen - sofern das Wetter es zulässt - die Gottesdienste in den Innenhof der Kirche. Das haben zum Beispiel zwei unserer älteren Ministranten zusammen mit unserer Gemeindereferentin ermöglicht.

Der Christkindlmarkt ist abgesagt worden. Gab es da keine Alternativen?

Nein, das ließ sich einfach nicht organisieren. Der Innenhof ist zu klein, um die notwendigen Abstände einzuhalten. Es bräuchte einen enormen Aufwand an Ordern, um einen sicheren Ablauf zu gewährleisten. Da fehlt das Flair, die Leute wollen ja zusammen sein, und das geht einfach nicht. Geplant ist in diesem Jahr aber ein Adventskranzverkauf als Angebot. Angedacht ist auch eine meditative Stunde am Sonntagnachmittag mit Adventsliedern.

Wie sieht es an Heiligabend mit der Christmette aus?

Da sind wir noch in der Überlegungsphase. Die Kinderkrippenfeier und die Christmette sind in der Regel die am stärksten besuchten Gottesdienste im Jahr. Allein zu der Feier am Nachmittag kommen immer über 500 Leute. Da sind Alternativen gefragt. Im Gespräch ist ein Angebot für Familien im Freien. Gedacht haben wir schon mal an die Savoyer Au. Derzeit warten wir auf eine Entscheidung der Staatsregierung, und dann sehen wir, was möglich ist.

Wie reagieren die Gläubigen auf die vielen Beschränkungen?

Überwiegend mit Verständnis. Es sind ja nicht nur Beschränkungen hinzunehmen. Diese Zeit ist auch eine Herausforderung, nach neuen Formen des Glaubenslebens zu suchen.

Und die wären?

Während der ersten Zeit des Lockdowns wurden etwa einige der Kapellen mit schönen Impulsen für einen Sonntagsspaziergang ausgestattet. Die offene Kirche in den Kar- und Ostertagen lud dazu ein, bei Taizéliedern zur Ruhe zu kommen. Die Ministranten platzierten zum Ostermorgen ihren Osterscherz am Kirchturm - Rapunzel, die aufgrund von Corona nicht vom Turm kam, weswegen der Osterhase zu ihr kam und ihr einen Besuch abstattete. Zweige mit Segensbändern wurden am Ostermorgen von den Spaziergängern in die Ostersträucher am Turm gebunden. All das war nur möglich durch das Miteinander und die Unterstützung so vieler Haupt- und Ehrenamtlicher aus unserer Pfarrei.

Die Pfarrei St. Lantpert hat keinen eigenen Pfarrer mehr. Stadtpfarrer Peter Lederer ist außer für St. Korbinian ja auch noch für Lerchenfeld und Neustift zuständig. Derzeit befindet er sich im Krankenstand. Wie funktioniert das alles?

Wir sind nicht führungslos. Wir haben mit Peter Lederer einen Pfarrer, der die unterschiedlichen Belange der Freisinger Kirchen immer im Blick hat. Und wir haben jetzt mit Patrick Körbs einen Pfarradministrator, der sich gut um das Zusammenspiel der verschiedenen Seelsorgeeinheiten kümmert. Die katholische Kirche in Freising wird in Zukunft zu einer Stadtkirche werden. Auf diesem Weg sind wir. Da muss dann zum Bespiel überlegt werden, welcher Priester wann und wo eine Messe hält und wer welche Aufgaben übernimmt. Unterstützt werden wir von Pallottinerpatres, von Patres aus Birkeneck und den Ruhestandspfarrern vor Ort. Nicht zu vergessen die anderen Seelsorgerinnen und Seelsorger, die die kirchliche Arbeit in unseren Kirchen wesentlich tragen - egal, ob Gemeindereferenten, Pastoralreferenten, Diakone oder Religionspädagogen. Einen eigenen Pfarrer für jeden Stadtteil oder jede frühere Pfarrei, das wird es nicht mehr geben.

Das klingt alles nach Notlösung.

Notlösung ist das falsche Wort. Vieles ist und wird vielleicht in der Not geboren. Aber es zeigt eigentlich nur eine Notwendigkeit: Wir müssen nach neuen Formen in Glauben und in der Seelsorge suchen. Ein Teil ist da das Internet. Corona kann da durchaus ein wertvoller Anstoß sein.

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