Süddeutsche Zeitung

Dachau/Freising:Soldatenvereine erhalten Hetzbriefe

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Die antisemitische Briefkampagne, die zuletzt in den Landkreisen Dachau und Fürstenfeldbruck auftauchte, ist größer als gedacht. Die Verfasser der Hetzschreiben haben auch Soldatenvereine aus Freising ins Visier genommen.

Von Helmut Zeller, Dachau/Freising

Die antisemitische Briefkampagne im Sommer dieses Jahres in den Landkreisen Dachau und Fürstenfeldbruck ist abgeebbt. Nun aber ist bekannt geworden, dass sie ein größeres Ausmaß hatte, als bisher bekannt geworden ist. Der oder die Urheber der identischen Briefe, in denen der Holocaust geleugnet wird, haben in den Monaten vor der Bundestagswahl auch Krieger- und Soldatenvereine im Landkreis Freising ins Visier genommen.

Dem Kreis-Krieger- und Soldatenverband gehören 56 Mitgliedsvereine an, 13 davon haben Mitte des Jahres die Briefe ebenfalls über das Briefzentrum 82 in Starnberg erhalten. Wie der Kreisvorsitzende Otto Radlmeier der SZ sagte, haben die Vereinssprecher auf einer Tagung darüber diskutiert und sind zu einem einhelligen Schluss gekommen: Man wolle die Sache nicht auf sich beruhen lassen, sondern in der Öffentlichkeit deutlich gegen die antisemitische Briefkampagne Stellung beziehen. Gerade auch deshalb, so Radlmeier, weil die Krieger- und Soldatenvereine von manchen noch immer in eine gewisse Ecke gestellt würden. Doch das Gegenteil sei der Fall: Die Vereine engagierten sich für Völkerverständigung und mahnten zum Frieden. Der Kreisvorsitzende hatte den an ihn gerichteten Brief sofort zur Polizeiinspektion Neufahrn gebracht und Anzeige erstattet. Auf der Tagung folgten neun Vereinssprecher seinem Aufruf und stellten jeweils Anzeige.

"Das ist Volksverhetzung"

In den Landkreisen Dachau und Fürstenfeldbruck gingen die Briefe vor allem an Burschenschaften, aber auch einzelne Adressaten wie Mitarbeiter von Bildungseinrichtungen, Kirchen und Kommunalpolitiker. Die Kripo Fürstenfeldbruck ermittelt in 25 Fällen in den beiden Landkreisen - doch dürften noch mehr Briefe verschickt worden sein. Viele Empfänger dürften die Post angewidert weggeworfen haben. "Die Briefe sind widerwärtig, ekelhaft und menschenverachtend", sagt Kripochef Manfred Frei.

Der oder die Absender fordern zur Weitergabe der Hassbriefe auf: An "Mitarbeiter der Lügenpresse, Pfarrer und Pastoren, Parteipolitiker (Grüne, SPD, Linke, CDU), linke Richter und Staatsanwälte, Sozialarbeiter - kurzum alle charakterlichen Minus-Varianten, denen die Zerstörung Deutschlands und Europas eine Herzensangelegenheit ist." Und in fetten Lettern steht geschrieben: "Festung Europa - oder afro-orientalischer Slum-Kontinent. Wenn die weißen Völker sterben - verlöscht das Licht der Erde!" Die Diktion lässt Rückschlüsse zu auf das verschwörungsideologische Milieu, das auch in den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung sichtbar wird. Aber auch auf die rassistische "White Supremacy"-Bewegung in den USA, die auf der nationalsozialistischen Rassenideologie fußend die Vorherrschaft der "weißen Rasse" fordert.

Sehr ernst nimmt den Vorfall auch Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler

Otto Radlmeier sagt: "Das ist Volksverhetzung." Auch wenn die Ermittlungen in diesem Fall schwierig seien, dürfe man nichts unversucht lassen, die Täter zu stellen. Der Staatsschutz der Kripo Fürstenfeldbruck hat inzwischen sogar Profiler eingesetzt, die bei der Aufklärung schwerer Verbrechen Fallanalysen erstellen. Briefe und Umschläge sind bis ins Detail identisch. Nur die Pseudonyme haben sich im Laufe der Monate verändert. Kripochef Frei betont, dass die Adressaten ohne jeden persönlichen Bezug herausgesucht würden - es gebe da keine rote Linie. Der oder die Täter suchten einfach im Internet nach Adressen.

Die spurentechnische Untersuchung hat kein Ergebnis erbracht. Der oder die Täter fassten Umschläge und Inhalt mit Handschuhen an. Es wurden auch nur selbstklebende Briefhüllen verwendet, die keine Speichelproben enthalten, anhand deren man eine DNA-Analyse machen könnte.

Sehr ernst nimmt den Vorfall auch Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler, der in Dachau lebt. Der Verfassungsschutz hat seine Hilfe gesucht. Seitdem steht Göttler mit einem Beamten der Bayerischen Informationsstelle gegen Extremismus (Bige) in München in Kontakt. In dieser Einrichtung arbeiten Verfassungsschutz und Polizei zusammen. "Man muss den gesamten Hintergrund sehen", sagt Göttler. Vor drei, vier Jahren habe er nie gedacht, dass Verfassungsschutz und Heimatpflege zusammenwirken würden. Göttler beobachtet seit geraumer Zeit eine Zunahme von Einflussversuchen aus dem rechtspopulistischen Spektrum auf Traditionsvereine, zu denen auch die Burschenvereine oder Krieger - und Soldatenvereine zählen. So okkupierten etwa die Identitären und Reichsbürger den Heimatbegriff und missbrauchten ihn.

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Quelle:
SZ vom 18.11.2021
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