Süddeutsche Zeitung

Festival:So schön verloren

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Frédérick Gravel beendet und krönt die Tanzwerkstatt Europa mit seinem Solo "Fear and Greed".

Von Sabine Leucht, München

Sich zwischen Hürdensitz, Bauch- und halber Rückenlage verdrehend mobbt Frédérick Gravel über den Boden der Muffathalle. Als dort 2017 sein Zwölf-Personen Stück "Some hope for the bastards" uraufgeführt wurde, sagt er, habe er sich "more supported" gefühlt. Diesmal tanzt er ein Solo - unterstützt allein von einer Band - und holt die ihm so wichtige Zuschaueransprache nach einer Performance nach, die tänzerisch vom Verlust jeder Selbstverständlichkeit erzählt und musikalisch eine Robustheit und Coolness ausstrahlt, die herrlich quer dazu steht.

"Fear and Greed" setzt den glänzenden Schlusspunkt hinter das Gastspiel-Programm der Tanzwerkstatt Europa 2022. Nichts nimmt der frankokanadische Tänzer, Choreograf und Musiker darin leicht oder für gegeben. Wie die Füße aufsetzen oder zur Gitarre am anderen Ende der Bühne finden? Bevor Gravel sie mit dem Verstärker verbindet, muss erst die Luft um das Kabel herum betastet werden. Ein verdrehter Fuß oder unter Hochspannung stehende Handteller bringen mit ängstlicher Fürsorglichkeit Abstand zwischen den Körper und die Dinge.

Gravel versucht mit flatternden Armen Rockstarposen einzufangen (und scheitert), probiert sich mit seiner melancholischen Folk-Stimme an Country-Juchzern und wird nicht froh. Mit linkischen, unökonomischen Bewegungen spinnt er sich einen Kokon, aus dem er als der Verlorene, der er eigentlich immer ist, kaum einmal herausschaut. Und doch fühlt man sich ihm so nah. Weil die "Mischung aus Angst und Gestresstheit, zu der sich Gravel im therapeutischen Selbstgespräch bekennt, die Stimmung der Stunde ist? Zwischen den ganz großen Problemen und den Sternen, denen wir schnuppe sind, ist nichts mehr gewiss. Das Mikro wie eine Lampe über einen Kassettenrekorder halten: Das könnten wir sein!

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