Süddeutsche Zeitung

Flüchtlinge in München:Deutsche Krankenkassen sind wie Cocktails

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Es gibt viele Möglichkeiten, sich zu versichern. Doch unsere Autorin aus Uganda findet: Egal was man wählt, es ist immer irgendwas im Glas, das man nicht will.

Kolumne von Lillian Ikulumet

Wenn man in diesem Land lebt, fällt einem irgendwann auf, dass hier alle eine Krankenversicherung haben. Vielen Afrikanern ist diese Vorstellung fremd. Warum soll man jeden Monat Geld für etwas zahlen, das man möglicherweise gar nicht braucht? Diese Frage ist sehr afrikanisch und zeigt, dass man dort weniger voraus plant, auch nicht für seine Gesundheit.

Als ich nach München kam, predigten mir die Leute, Vorsicht sei besser als Nachsicht. Better safe than sorry, würde man bei uns sagen. Das klingt einfacher als es ist. Es geht damit los, dass man nicht weiß, welche Versicherung und welche Kasse für einen geeignet sind. Es ist wie an der Cocktailbar: Egal welches Getränk man wählt, es ist immer irgendwas im Glas, das man nicht will, oder es fehlt eine wichtige Zutat.

Lässt man sich aber einen Cocktail individuell zusammenstellen, wird es so teuer, dass einem der Spaß vergeht: Gesetzliche Pflicht-Versicherung, Privat-Versicherung, diverse Zusatzversicherungen für Zähne oder Augen, für stationäre Aufenthalte oder bestimmte Ärzte. Was braucht man? Was kann man sich sparen?

Kommt man dann an den Punkt, dass man seine Versicherung braucht, dauert es meist ewig und erfordert viele Formulare, ehe man tatsächlich Geld für eine Behandlung zurück bekommt oder zumindest einen Teil davon. Aber ja, man kann es drehen und wenden wie man will: Letztlich will jeder gesund und lebendig sein, jede Mutter wünscht sich das mehr als alles andere für ihr Kind.

Denn wenn es einen trifft, kann das Leben eine dramatische Wendung nehmen. In Uganda habe ich das hautnah miterlebt. Eine gute Freundin bekam die Diagnose einer schlimmen Arterien-Erkrankung. Sie hatte Blutklumpen in ihrem Körper und brauchte eine spezielle Behandlung, hieß es. Schnell, sonst würde sie Arme und Beine verlieren. Doch die Behandlung ist sehr teuer, und meine Freundin hatte wie viele andere Afrikaner keine Versicherung.

Sie wusste, dass ein Doktor in Uganda erst mit der Behandlung beginnt, wenn eine bestimmte Anzahlung vorliegt. Meine Freundin gab nicht auf, sie kämpfte und bat Freunde und Familie um Geld. Sie verkaufte ihr Auto, ihr Haus, ihr Grundstück. All das dauerte. Als sie das Geld beisammen hatte, hatte sich die Krankheit so weit ausgebreitet, dass es zu spät war.

Nach sechs Jahren in München bin ich noch immer nicht restlos hinter das System der Kassen gestiegen. Sicher bin ich mir nur, dass so etwas, wie mit meiner Freundin, hier nicht passiert wäre. Viele meiner Landsleute meinen, man sollte Geld zurück bekommen, wenn man die Versicherung länger nicht beansprucht hat. Sie kennen den bayerischen Winter noch nicht und sind noch nie auf einem eisglatten Bürgersteig ausgerutscht.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

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Quelle:
SZ vom 22.09.2017
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