Süddeutsche Zeitung

Flüchtlinge:Die Angst der Frauen lässt sich nicht wegargumentieren

  • Nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln berichten Frauen, dass sie sich in München nicht mehr sicher fühlen.
  • Der Polizei zufolge hat sich die Zahl der Übergriffe nicht erhöht - Vorfälle würden allerdings schneller in den Medien landen.

Von Lisa Schnell

Es ist der gleiche Bahnsteig, es sind die gleichen dunklen Ecken am Eingang zur U-Bahn. Hundertmal hat Emma am Hauptbahnhof Freunde empfangen, hundertmal ist sie hier zur Arbeit gefahren. Nie hat sie sich etwas dabei gedacht. Und jetzt? Hat Emma Angst.

Früher wäre sie vielleicht noch in die Stadt bummeln gegangen. Jetzt geht sie, wenn es dunkel wird, gleich nach Hause. Sie huscht in die U-Bahn, drei Stationen, dann ist sie in ihrer Wohnung, in Sicherheit. Weit weg vom Hauptbahnhof, von den Flüchtlingen, die hier durch die Halle streifen. Manche haben die Gesichter unter einer Kapuze versteckt. Andere lehnen beim Haupteingang an der Glaswand, ein Bein angewinkelt. Spürt Emma ihre Blicke, senkt sie den Kopf, versucht zu verschwinden.

Vor einem halben Jahr reagierten die Münchner noch anders auf Flüchtlinge. Sie konnten ihnen gar nicht genug Gummibärchen, Luftballons und Willkommensplakate entgegenhalten. Weltweit wurden sie gelobt für ihre Großzügigkeit, ihre offenen Herzen. Und dann: Köln. Flüchtlingshände drückten nicht mehr dankbar Teddybären, sie grapschten an Frauen herum, zogen Geldbeutel aus Hosentaschen.

Etwa 18 000 Flüchtlinge leben in München

Und in München hatten viele das Gefühl, als hätte ihnen jemand die rosa Brille von der Nase gerissen. Etwa 18 000 Flüchtlinge leben derzeit in der Stadt. Kommen mit ihnen nicht nur neue Kulturen, Arbeitskräfte, ein gutes Gewissen, sondern vielleicht auch Kriminelle, Grapscher? Die Frage, wie sicher ihre Stadt noch ist, hat sich eingeschlichen in die Köpfe vieler Münchner und vor allem Münchnerinnen.

Etwa in den einer älteren Frau mit Dauerwelle, die auf die S-Bahn wartet. Früher ist sie mehr auf Leute zugegangen, jetzt ist sie vorsichtiger. Oder in den einer Mutter, ein Stockwerk höher im Zwischengeschoss. Sie zippt den Anorak ihres Sohnes zu. Eigentlich wäre sie mit ihm noch rüber zum Marienplatz, jetzt meidet sie öffentliche Plätze. Seit Köln kommt ihr das zu gefährlich vor. Passiert ist ihnen allen nichts. Noch nicht, sagen sie. Und: Sollen sie erst Angst haben, wenn es zu spät ist? Angst schützt, sie schränkt aber auch ein.

Emma etwa, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sie ist 30 Jahre alt, lange blonde Locken, blaue Augen. Im Herbst wirbelt sie im Dirndl ums Kettenkarussell, im Winter trinkt sie Glühwein am Tollwood. Eigentlich liebt sie es auszugehen. Jetzt trifft sie sich aber eher bei Freunden zu Hause. Und wenn doch in der Stadt, ist sie nie alleine unterwegs.

"Wie ein Stück Fleisch"

Ihre Angst ist für sie kein vages Gefühl, sondern begründete Gewissheit. Ihre Indizien: Die Blicke, mit denen sie Flüchtlinge aus Nordafrika anstarren. "Wie ein Stück Fleisch", sagt Emma. Sie hat eine Freundin aus Tunesien. Dort müssten sich Frauen verhüllen, damit sie nicht Opfer von Übergriffen werden, erzählte die. "Wir sehen für die komplett nackt aus", sagt Emma. Bis jetzt sind den Blicken keine Taten gefolgt. Bis jetzt war sie nie alleine unterwegs. Sonst hätte schon was passieren können, meint sie.

Bei der Polizei verstehen sie die Unsicherheit vieler Frauen, sie sei aber nur "gefühlt", nicht real. Auch wenn die Beamten an ihrer Belastungsgrenze arbeiteten, bestehe in München eine "hohe Sicherheit". Steigen die Zahlen der Straftaten durch Flüchtlinge, dann weil ihre absolute Anzahl steigt, sagt Thomas Bentele von der Gewerkschaft der Polizei.

Nur mit Drogen gebe es "ein bisschen ein Problem". Flüchtlinge würden am Hauptbahnhof dealen. Die Polizei gehe aber "massiv" dagegen vor. Sexuelle Übergriffe kämen vor allem in der Familie vor, "öffentliche, überfallartige Sexualdelikte" seien absolute Einzelfälle. Daran habe sich auch nach Köln nichts geändert. An Fasching grapschte eine Gruppe Nordafrikaner am Stachus Damen im Dekolleté herum. "Kein neues Phänomen", sagt Bentele, aber jetzt steht es in der Zeitung.

Genau wie die Meldungen von Syrern und Afghanen, die junge Mädels im Michaelibad angetatscht und ihnen zwischen die Beine gegriffen haben sollen. In den letzten drei Jahren bewegte sich die Zahl solcher Übergriffe in den Münchner Bädern immer auf dem gleichen Niveau, zwischen 12 und 19 pro Jahr. Immer war etwa die Hälfte der Täter ausländischer Herkunft. Den Medien war das höchstens eine Meldung wert, jetzt ist das Thema auf der ersten Seite.

Das Michaelibad an einem regnerischen Dienstag. Chlorgeruch und Kindergeschrei. Ein junges Mädchen im Bikiniteilchen tastet sich langsam ins Becken vor, zieht den Bauch ein, jauchzt, springt ins Wasser. Sie ist etwa so alt wie die zwölfjährige Tochter von Delphine Clark. Clark kommt gerade vom Schwimmen, rosa Bommelmütze, lange, blonde Haare. "Jetzt hab' ich schon ein bisschen Angst", sagt sie. Und überlegt. Seit zwölf Jahren geht sie ins Michaelibad, nie ist ihr etwas aufgefallen - bis sie von den Vorfällen in der Zeitung las. "Es sind auch die Medien. Die machen einem Angst", sagt sie.

Wenn Emma Zeitung liest, findet sie die Berichte immer noch viel zu vorsichtig. Lügenpresse, das würde sie aber nie rufen. Spricht man sie auf Pegida an, sagt sie: "Um Gottes willen. Wer die überhaupt beachtet, muss einen Dachschaden haben." Sie liest linksliberale Zeitungen, bezeichnet sich als "weltoffen". Versteht, warum viele nach Deutschland wollen, kam selbst mit 19 aus Rumänien, um in München Jura zu studieren.

Emma sieht sich zwischen AfD-Hetzern und Traumtänzern

Was sie nicht versteht, ist, warum man nicht auch skeptisch sein darf, wenn es um Flüchtlinge geht. Warum es nur zwei Lager zu geben scheint: die AfD-Hetzer und die Traumtänzer. Emma steht dazwischen. Sie sagt: "Natürlich gibt es unter den Flüchtlingen genug Normale, Gebildete, Dankbare." Sie übersetzt als Dolmetscherin auch für Flüchtlinge, Zentral- und Westafrikaner. "Nette Leute", sagt sie. Aber: "Nordafrikaner haben eine andere Mentalität." Kennen tut sie keinen.

Wäre das so, würde sie vielleicht finden, dass es auch unter ihnen "nette Leute" gibt, das denken zumindest Angstforscher. Angst macht alle gleich, gebiert Vorurteile, verändert unseren Blick. Etwa auf Idrissa. Der kleine Mann aus Sierra Leone lehnt an der Wand am Hauptbahnhof neben einem Coffeeshop. Auf dem Kopf ein schwarz-rotes Käppi, an den Füßen schwarz-rote Markensneakers.

Ein Wohlgesonnener denkt vielleicht: Der kleidet sich ja wie wir. In den Augen eines Skeptikers sehen die Schuhe wohl eher teuer aus. Ein Zeichen, dass er klaut? Und dass er ständig am Handy hängt? Ein Indiz für Drogengeschäfte? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Die richtige Antwort ist wohl: Man weiß es nicht. Idrissa spürt in letzter Zeit eher skeptische Blicke. "Köln war für mich auch schlechte Nachrichten", sagt er auf Englisch. "Die Leute sehen mich an, als wären wir alle schlecht." Kontakt zu Deutschen hat er kaum.

Der Verkauf von Pfefferspray läuft gut

Wer redet schon mit jemandem, vor dem er Angst hat? Auch wenn das wohl der beste Weg wäre, sie zu verlieren. Viel eher nimmt man Abstand, versucht sich zu schützen und geht vielleicht irgendwann in einen Laden wie den von Richard Dummer. Neben blitzenden Messern und einem Samuraischwert steht dort Pfefferspray, vier Regale voll. Große und kleine Dosen, dick und dünn, in Gelform oder flüssig. Die Nachfrage sei groß. Seit Silvester verkauften sie hier zehnmal so viele wie sonst. Elektroschocker sind aus. "Die meisten kaufen es fürs Selbstvertrauen, nicht, um es zu benutzen", sagt Dummer. Ganz normal, findet er.

Auch Sabine, die nur ihren Vornamen nennen will, wollte sich eines kaufen und findet es schrecklich. Sie steht an einem Montag am Odeonsplatz, vor ihr Polizisten in Kampfmontur, hinter ihr Pegida- Rufe. Sie fragt sich, was passiert ist in ihrer Stadt. Dass sich Frauen nur noch mit Pfefferspray sicher fühlen, dass so viele Polizisten notwendig sind, dass manche Bürgerwehren bilden, weil sie glauben, der Staat schützt sie nicht mehr. Auch ihr sind die Flüchtlinge nicht ganz geheuer, davor, dass in München "amerikanische Verhältnisse" herrschen, wo jeder eine Waffe trägt, hat sie aber fast noch mehr Angst.

Emma hat kein Pfefferspray. Sie denkt, dass es im Ernstfall gegen sie verwendet wird. Auch der Polizei vertraut sie. München sei bestimmt sicherer als andere Städte, sagt sie. Aber eben nicht mehr so, wie es mal war. So fühlt es sich zumindest an.

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SZ vom 20.02.2016/axi
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