Süddeutsche Zeitung

Filiale am Münchner Hauptbahnhof:Karstadt entlässt seinen Pianisten

  • Vinko Hiti hat die letzten 16 Jahre bei Karstadt am Hauptbahnhof Klavier gespielt.
  • Zum Jahresbeginn hat die Filialleitung seinen Honorarvertrag gekündigt.
  • Mehrere Fans haben sich über die Entlassung beschwert.

Von Philipp von Nathusius

Ich muss es so betrachten: Eine Verkäuferin ist nun mal wichtiger für ein Kaufhaus als ein Klavierspieler." So viel Verständnis, wie Vinko Hiti für seine Kündigung aufbringt, können Arbeitgeber, die Mitarbeiter entlassen, in der Regel nicht erwarten. 16 Jahre lang hat der Pianist im Karstadt am Hauptbahnhof Klavier gespielt und damit vor allem die älteren Kunden begeistert. Doch diese Ära hat nun ein Ende gefunden.

Oben unterm Glasdach, dort, wo es zum Restaurant geht, stand der schwarze Flügel. An drei Tagen in der Woche, meistens von Donnerstag bis Samstag, saß Hiti hier auf dem Klavierhocker und griff in die Tasten: Walzer, Jazzklassiker, Swing oder Weihnachtslieder, was gewünscht wurde, was in die Saison passte. Zu Jahresbeginn kündigte die Filialleitung seinen Honorarvertrag. "Ich bin traurig. Mir wurde gekündigt. Aber das ist höhere Gewalt", sagt der 64-Jährige fast schon ein wenig demütig. Er wisse schließlich um die finanziellen Schwierigkeiten des Unternehmens. Persönlich kritisieren möchte er daher niemanden.

Kein letzter Walzer

Aufgebracht sind dagegen seine Fans. Die, die ihm gerne zugehört haben und nur seinetwegen überhaupt regelmäßig bis in den fünften Stock hinaufgefahren sind. Renate Becker gehört zu ihnen. Die Seniorin war sogar bei der Geschäftsleitung der Filiale, um sich zu beschweren. Ende Januar, da war sie das letzte Mal im Karstadt. "Ich bin hineingekommen und hörte: nichts. Wo ist denn der freundliche Klavierspieler, habe ich mich gefragt." Beim Restaurantleiter erfuhr sie, dass Karstadt die Zusammenarbeit mit dem Musiker nicht verlängert habe und es eine Unterschriftenliste gebe. Andere empörte Gäste hätten diese kurzerhand aufgesetzt und der Geschäftsleitung übergeben, um für den Verbleib des Klavierspielers einzutreten. "Einfach schändlich finde ich, dass mir nichts, dir nichts das Engagement beendet wurde, ohne den langjährigen Fans von Herrn Hiti und ihm selbst einen würdigen Abschied zu bereiten", ärgert sich Becker. "Wenigstens einen letzten offiziellen Walzer hätte es doch geben können", kritisiert sie.

Seitens der Filialleitung heißt es, man habe eine interne Entscheidung getroffen. Kommentieren möchte man sie nicht. Es sei einfach ein Votum gegen "das Marketinginstrument Livemusik" gefallen. Und die zweistellige Anzahl verärgerter Kunden auf der Unterschriftenliste stünde in keinem Verhältnis zu den vielen tausend, die täglich das zentral gelegene Geschäft besuchen würden, sagt der Verwaltungschef des Hauses, Roland Wilde. Pianist Hiti glaubt, dass sich für Karstadt das Investment in sein Klavierspiel unternehmerisch stets gelohnt habe. "Das, was ich Karstadt an Honorar gekostet habe, ist durch die Gäste, die wegen mir kamen, wieder reingekommen." Zumindest einige Stammkunden, so viel scheint sicher, werden dem Kaufhaus fortan den Rücken zuwenden: "Ich werde mir nun zweimal überlegen, ob ich dort etwas kaufen oder essen werde", droht Renate Becker.

Vinko Hitis Beschäftigung war etwas Seltenes

Auf den ersten Blick scheint die Entrüstung der alten Dame nicht ganz nachvollziehbar zu sein. Schließlich ist es nichts Ungewöhnliches, dass in der Gastronomie und im Einzelhandel mal Live-Musik geboten wird und dann wieder nicht. Ein paar Auftritte eines Künstlers, dann spielt jemand anderes - oder wie häufig: gar niemand mehr. Warum also die Aufregung in diesem Fall? Becker hat eine Antwort parat: "Der Klavierspieler im Karstadt war in München so etwas wie eine Institution, und etwas Besonderes obendrein."

Ein Künstler, der über viele Jahre hinweg mehrmals die Woche im selben Geschäft auftritt, ist in Deutschland mehr als unüblich. Selbst im berühmten KaDeWe in Berlin gab es nichts Vergleichbares - Europas zweitgrößtes Warenhaus gehört ebenfalls zum Karstadt-Konzern. Vor einigen Jahren war Hiti selbst mal dort. Bei einem Besuch in der Hauptstadt unternahm er einen Abstecher in Richtung Kudamm. Er fragte nach anderen Klavierspielern, interessehalber. Nein, hätten ihm die Mitarbeiter dort geantwortet, so lange und häufig, wie er in München schon spiele, das sei absolut ungewöhnlich, selbst bei ihnen. Eine große Portion Stolz schwingt mit, wenn der gebürtige Kroate, der seit 33 Jahren in München lebt, von seinem besonderen Status berichtet, der nun Vergangenheit ist.

Klaviermusik beim Uhrenkauf

Wenn er im alten Hertie am Hauptbahnhof - so hieß das Haus bis zu seiner Umbenennung im Jahr 2007 - spielte, konnte man bis hinunter ins Erdgeschoss den Klang des Flügels hören. Bis dorthin, wo der Weg zwischen den Glasvitrinen mit Uhren und Goldschmuck hindurch zum Ausgang herausführt auf den Bahnhofsvorplatz. Eine Mitarbeiterin, die dort schon lange in der Abteilung arbeitet, sieht es gelassen: "Manche fanden es gut, andere hat das dauernde Geklimper gestört. Das ist eben eine Geschmacksfrage." Hiti aber glaubt fest, jeden Geschmack mal getroffen zu haben.

Den der neuen Filial-Geschäftsführung offenbar nicht. Seit Januar leitet Michael Noss das Haus. Auch die Unterschriftenliste hat an seiner Entscheidung nichts geändert. Für Hiti ist die Liste zumindest eine Bestätigung: "Sie sagt doch aus, dass meine Leistung meistens sehr ordentlich war." Vielleicht, hofft er, löse der kleine Kundensturm auf die Geschäftsführung doch noch eine Meinungsänderung in der Chefetage aus. "Wenn nicht für mich, dann wenigstens zu Gunsten eines anderen Klavierspielers."

Kaffee-Besuche ohne Klavier

Ende des Jahres geht Vinko Hiti in Rente, dann wird er 65. Bis dahin bleibt ihm die Anstellung bei der Musikschule Unterhaching. Ab und an zieht es ihn noch an die langjährige Wirkungsstätte, die "alten Kollegen" besuchen und einen Kaffee trinken, oben im Restaurant. Dann sucht er sich einen Platz, dort, wo früher der Flügel stand, mit dem er bis vor Kurzem die Münchner bei ihrem Wochenendeinkauf musikalisch begleitete. Natürlich hätte er gerne noch dieses eine Jahr bis zur Pension bei Karstadt verbracht. "Als teilweise freischaffender Künstler muss ich nun mal die Entscheidung meines Auftraggebers akzeptieren", sagt er. "Ich bin sehr dankbar, dass ich so lange hier spielen konnte." Aber das Leben ist eben kein Wunschkonzert, weder für einen Kaufhaus-Pianisten, noch für Stammkunden.

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Quelle:
SZ vom 21.02.2015/axi
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